Schlank durch Verdickungsmittel?
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Herr Lippmann, in zwei Sätzen: Was ist der größte Unterschied zwischen einem Bio-Fisch und einem normalen Fisch?
Ganz klar: Ein Bio-Fisch ist immer gezüchtet - und zwar in einer ökologischen Aquakultur, in der bestimmte Parameter für die Aufzucht streng definiert sind. Das fängt bei den Elterntieren an, die nicht genmanipuliert sein dürfen, und reicht vom Futter ohne Hormon- oder Farbstoffzusätze bis hin zu einer Wasserqualität, die an Trinkwassser heranreichen muss.
In der aktuellen Ausgabe der Wirtschaftwoche wurde über Aquakulturen als "Massentierhaltung unter Wasser" berichtet. Eine Zeitlang geisterte der Lachs als "Schwein des Meeres" durch die Medien. Was halten Sie von diesen Vergleichen?
Leider gibt es auch bei den Aquakulturen schwarze Schafe, ich habe Betriebe außerhalb der EU gesehen, in denen hätte man auf den Becken laufen können, weil sie so vollgestopft mit Fischen waren. Da werden dann 120 bis 170 Kilo Fisch pro Kubikmeter Wasser zusammengepfercht, wo bei den ökologischen Aquakulturen von Deutsche See gerade mal 10 Kilo Fisch erlaubt sind.
Zu den Grundsätzen der ökologischen Aquakultur gehört es, dass Bio-Fisch und -Meeresfrüchte nur Futter erhält, dass aus Fischen hergestellt ist, die für den menschlichen Verzehr gefangen wurden. Wie sieht den Futter aus, das nicht für den menschlichen Verzehr geeignet ist?
Haben Sie schon mal von Gammelfischerei gehört? So nennt man die Fischerei auf Futterfisch. Speziell zu diesem Thema haben wir im Rahmen des Projekts "Meer Verantwortung" eine Aktion laufen: "Stop discard". Mit Discard bezeichnet man die von der EU vorgeschriebene Vernichtung des Beifangs. Heißt: Was ungeplant im Netz landet, wird über Bord geworfen. Darüber hinaus müssen Fischer auch die Fische wieder über Bord werfen, die sie gefangen haben, obwohl sie ihre Quote für die entsprechende Art schon ausgeschöpft haben. So wird wertvoller Fisch tonnenweise – meist tot – zurück ins Meer geworfen. Dieser ganze Fisch geht nicht nur den Beständen als Nachwuchs verloren – er wird auch noch ungenutzt weggeworfen, anstatt als wichtiges Lebensmittel gewürdigt zu werden. Nationen mit nachhaltigem Bestandsmanagement wie Norwegen und Island haben für ihre Fischer ein totales Discard-Verbot erlassen. Für jedes einzelne Fangschiff sind wissenschaftlich festgelegte Fangquoten definiert. Das bedeutet: Alles, was sie fangen, wird an Land gebracht, registriert und berechnet, jeder Fisch wird genutzt und wert geschätzt, keiner wird verschwendet. Darum setzt sich Deutsche See auch in Deutschland stark für den Stopp dieser kranken "Discard-Praxis" ein.
Bei den Bio-Aquakulturen gibt es ein Verbot von Anti-Fouling-Mitteln auf den Netzen der Gehege – ist das denn bei konventionellen Gehegen Standard? Wie wirkt sich dieses Mittel auf die Fische aus?
Anti-Fouling-Mittel sind eigentlich Schiffsanstriche, die verhindern sollen, dass sich Algen und Seepocken am Schiffsrumpf absetzen. Sie sind hochgradig toxisch und werden auch bei Netzen eingesetzt. In ökologischen Aquakulturen wird diese Arbeit per Hand erledigt, was natürlich aufwendig ist und auch einen Teil der Mehrkosten von Bio-Fisch verursacht. Ein Bio-Kabeljau braucht vier Jahre bis zur Schlachtung, und pro Jahr kostet die Netzreinigung zwischen 15.000 und 20.000 Euro.
Es gibt kein EU-Bio-Siegel für Fisch. Warum eigentlich nicht?
1991 ging es los mit dem Bio-Siegel, da wurde die Verordnung 209291 erlassen, die sich zunächst hauptsächlich mit dem Landbau beschäftigt hat. 1999 kam dann noch die Tierhaltungsordnung dazu – und in der blieb Fisch außen vor. Fisch und Aquakulturen werden zwar erwähnt, aber eben nicht geregelt – und damit bleibt Fisch bis zur Neureglung der Verordnung im Januar 2009 im so genannten "ungeregelten Bereich" und ohne staatliches Bio-Siegel.
Der Anteil von MSC-zertifziertem Fisch (Marine Stewardship Council) hat sich in Deutschland in den letzten zwei Jahren verdoppelt. Heißt das, dass beim Fischkauf auf mehr auf Qualität geachtet wird?
Das kann man auf jeden Fall so interpretieren. Vor allem die NGOs wie Greenpeace mit ihren Meeres-Kampagnen haben viel dazu beigetragen, dass das Bewusstsein der Verbraucher geschärft.
Jahrelang wurde uns gepredigt, es wäre gesünder mehr Fisch als Fleisch zu essen. Jetzt tun wir es und scheinen damit neue Probleme wie Überfischung zu verursachen.
Das stimmt so nicht. Wenn ein Bestand überfischt ist, heißt das, dass ein Bestand so klein geworden ist, dass sich die kommerzielle Fischerei nicht mehr lohnt. Überfischung ist aber nicht mit Ausrottung gleichzusetzen. Nehmen wir noch mal den Kabeljau als Beispiel. Von den 17 Beständen in der EU gelten vier als gefährdet. Die Fangmenge ist hier auf 20.000 Tonnen festgesetzt. Als Vergleich dazu: In Island sind die Bestände kaum gefährdet, die erlaubte Fangmenge liegt hier bei 100.000 Tonnen, und in Norwegen, wo es keine gefährdeten Bestände gibt, liegt die Fangmenge sogar bei 400.000 Tonnen. Solange die Quoten greifen, gibt es keine Probleme. Viel gefährlicher ist hier der "Piratenfisch" aus der so genannten IUU-Fischerei (illegale, unregulierte und ungemeldete Fischerei).
Wie viel Fisch essen die Deutschen eigentlich im Jahr - und wieviel davon ist Bio-Fisch?
Der Fischverzehr liegt mit einem Pro-Kopf-Konsum von ungefähr 15,5 Kilo im Jahr noch deutlich hinter dem Fleischkonsum. Der Anteil an Bio-Fisch daran liegt im Null-Komma-X-Bereich.
Ist Bio-Fisch gesünder und schmeckt besser? Ein Sterne-Koch wie Rainer Hensen verwendet in seiner Küche sicher aus gutem Grund nur Bio-Fisch.
Gesund ist Fisch auf jeden Fall, ob bio oder nicht. In puncto Geschmack sollte man wirklich selbst einen Test machen. Kaufen Sie mal einen Bio-Kabeljau und einen normalen. Da schmecken Sie signifikante Unterschiede.
Fische wie Pangasius oder Tilapia, oder Meeresfrüchte wie Garnelen schwimmen allerdings etwas weiter weg von Deutschland. Was ist da mit dem Aspekt Nachhaltigkeit, zum Beispiel beim Transport?
Bei Deutsche See wird die gesamte Bio-Ware nicht geflogen. Innerhalb der EU erfolgen Transporte auf dem Landweg, Ware aus Equador wie zum Beispiel unsere Bio-Garnelen, wird in Tiefkühl-Containern auf Schiffen transportiert.
Was ist mit Sushi? Sowohl bei Thunfisch als auch bei Lachs ist der Bestand als "bedenklich" eingestuft – immerhin zwei Sushi-Standards. Sollte man sich Maki oder Nigiri verkneifen?
Lachs stammt heute zu 99% aus Zucht, das sollte kein Problem sein. Bei Thunfisch kommt es ganz darauf an, welche Spezies verwendet wird: Ein roter Tuna (hat ein tiefdunkelrotes Fleisch, wird auch großer Thunfisch genannt) sollte es ganz sicher nicht sein, weil der vom Aussterben bedroht ist.
Eine letzte Frage:
Was empfehlen Sie für Karfreitag als den idealen "nachhaltigen Osterfisch"?
Bio-Lachs!
Foto: photocase / Gestaltbar
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Andreas Lippmann ist der Bio-Fisch-Experte bei Deutsche See – Fischmanufaktur und beschäftigt sich dort bereits seit über sieben Jahren mit nachhaltiger, ökologischer Fischzucht. Als gelernter Koch legt er auch privat großen Wert auf qualitativ hochwertige Lebensmittel und ist seit 15 Jahren überzeugter Bio-Einkäufer.
Mehr Informationen zu Bio-Fisch bei Deutsche See Fischmanufaktur
Mehr Informationen zum Marine Stewartship Council
Auch praktisch: der Fischführer von WWF
Jeder Protest hat eine positive Kehrseite. Hier mein Beispiel: Wer gegen Atomkraftwerke ...
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Kommentare (6)
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cdedaj
wissbegierige Unternehmerin
cdedaj
schrieb am 10.10.2008 um 10:19Gruss,
Céline Dedaj
Suzy
Suzy
schrieb am 20.03.2008 um 22:51Kann es nicht zum Ueberfischen noch mehr beitragen wenn in Zukunft der 'Beifang' als Futtermittel wertvoll wird fuer Fischereien deren Einkommen wegen niedriger Quotas sinkt?
Das Futter fuer die Zuchtfische "muss aus für Menschen bestimmtem Fischfang stammen" - wie ist da die Energiebilanz? Wieviel fuer Menschenverbrauch-geeignete Futtermittel braucht zB ein Lachs als Einsatz und wieviel Nahrung bringt er danach als Endprodukt?
Ich weiss das in anderen Gebieten der Landwirtschaft intensive Tierhaltung keine positive Energiebilanz hat (zB. Corn-fed Beef - das Getreide wuerde mehr Menschen ernaehren als das Rind) - kann das in der Aquakultur wirklich anders sein?
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