Was am Lesen so umweltschädlich ist


Ich bin ein Papierschwein, beruflich und privat. Vorhin haben mich meine
Kollegen wieder ertappt: Ich wollte mir eine Notiz machen, habe mich
verschrieben, den Satzanfang durchgestrichen. Nur statt auf dem gleichen
Blatt wieder neu anzufangen, habe ich das Blatt zerknüllt, weggeschmissen
und ein neues genommen. Gäbe es eine Top-Ten meiner Ökosünden, wäre extrem
hoher Papierverbrauch bei mir ganz weit vorn.


Dass wir vom papierlosen Büro so weit entfernt sind wie nie, gehört ja zum
bekannten Allgemeingut. Aber als meine aufmerksamen Utopia-Kollegen mir dann
direkt die Pro-Kopf-Zahlen vorgelesen haben, war ich geschockt. Ganze 235
Kilo Papier im Jahr oder zirka 650 Gramm pro Tag verbraucht jeder Deutsche
mal eben so.
Jeder fünfte Baum, der gefällt wird, wird zu Papier verarbeitet
– dabei ist Lesen im Schatten eines Baumes doch am schönsten.

Neugierig habe ich gleich meine persönliche „Tagesdosis“ auf die Küchenwaage
gelegt: die Tageszeitung (ohne Beilagen): 450 Gramm, dazu zwei Bücher, die ich mir heute gekauft habe: ein Taschenbuch (300 Gramm) und Leo Hickman „Und tschüss“ (600 g), macht zusammen 900 Gramm, plus ein internationales Magazin: 750 Gramm. Macht eine Tagesbilanz von insgesamt 2,1 Kilogramm Papier.

Dazu kommt tägliches „Arbeitspapier“: Texte, die ich zum Korrekturlesen
ausdrucke, Artikel für Recherchezwecke. Greenpeace hat mal ausgerechnet,
dass ein deutsches Kind im ersten Lebensjahr schon so viel Papier verbraucht
hat wie ein Inder in 50 Jahren. Um leuchtend weißes Papier aus so genannter
"Primär"- oder "Frischfaser" herzustellen, müssen Millionen von Bäumen dran
glauben.
Die Papierindustrie gehört außerdem zu den fünfgrößten
Energieverbrauchern der Welt. 80 Prozent des Papiers, das wir hier in Deutschland
benutzen, wird importiert – hauptsächlich aus Schweden und Finnland (die
beide viel Rohholz in den Urwäldern von Russland schlagen) und aus
Brasilien.
Ich traue mich gar nicht hochzurechnen, wie viel Regenwald allein für meine
Leselust gerodet wurde.
Sicher ist, das muss anders werden – und dieses
Anders sollte im Idealfall aus Recyclingpapier sein. Wie bei Frau Rowling zu
Beispiel. Die besteht seit einiger Zeit darauf, dass jeder Harry Potter-Band
auf 100 Prozent umweltfreundliches Papier gedruckt wird. Pro einer Million Bücher
dürfen so 30.000 Bäume stehen bleiben. Bei der bisher weltweit verkauften
Auflage von 325 Millionen Stück ist das ein ganz ansehnliches Wäldchen. Nach
dem Kriterium „Recyclingpapier“ habe ich zwar noch nie Bücher und Zeitungen
ausgesucht, aber einen Versuch ist es wert.

Recyclingpapier ist auch bedeutend klimafreundlicher.
Allein im Bereich
Büro- und Kopierpapier ließen sich bei uns so rund 146.000 Tonnen
Co2-Emissionen im Jahr einsparen. Da trifft es sich gut, dass Deutschland
offensichtlich mehr engagierte Sammler als Jäger hat: Immerhin 80 Prozent des
Papiers werden wiederverwertet. Ökologisch sinnvoll produziertes
Recyclingpapier besteht nämlich zu 100 Prozent aus Sammelware – so genannter
„Post Consumer Ware“. Papiere, die aus Produktionsabfällen hergestellt
werden, passen streng genommen nicht zum Kerngedanken des Recyclings, der
Wiederverwertung konsumierter Produkte.
Leider ist der Begriff „Recyclingpapier“ nicht geschützt – und das scheinen
etliche Hersteller als Einladung aufzufassen, ihre Produkte mit
verkaufsfördernden Pseudo-Umweltsiegeln zu verzieren. Gerne genommen werden
Tier- oder Baumbilder in Kombination mit „kein Tropenholz“ oder
„umweltschonend“. Solches Papier hat nur meist keinen Altpapieranteil und
das Holz dafür stammt vielleicht nicht aus den Tropen, dafür dann aber aus
kanadischen oder skandinavischen Urwäldern. Was soll daran
umweltfreundlicher sein? Absolut zuverlässig sind hier alle Papierwaren mit
dem "Blauer Engel"-Siegel.
Der verleiht nicht der Fantasie geldgieriger
Hersteller, sondern nur hochwertigen und schadstoffarmen Recyclingpapieren
Flügel.

Illustration: Katharina Bitzl

 

Hier geht es zu den anderen Folgen von "grün & gut!"

Folge 1: Sauber ist nicht gleich sauber

Folge 2: Angeschmiert, aber richtig! Über katastrophale Kosmetik

Folge 3: Die durstige Hose

Folge 4: Was am Lesen so umweltschädlich ist

Folge 5: Essen einkaufen mit gutem Gewissen

Folge 6: Ökostrom für Anfänger

Folge 7: Kann denn Bio billig sein?

Folge 8: Zum Davonlaufen - Coffee-to-go

 

Jede Menge grünen Lesestoff gibt es auch bei jetzt.de

Kommentare (16)   abonnieren

alle Kommentare (16)
  • Johannes Kayßer
    schrieb am 28.07.2008 um 22:34
    Wenn lokal trotz mehrfachem Nachfragen kein Recyclingpapier zu bekommen ist, kann ich www.memo.de empfehlen: Online-Shop und Katalog aus Recyclingpapier mit Pflanzenölfarben (!) gedruckt, um Büro- und Schulbedarf umweltfreundlich zu guten Preisen zu decken.

    Anfangs nur für Gewerbe bestimmt, kann man mittlerweile auch als Privatkunde bestellen!
  • Danièle
    schrieb am 17.07.2008 um 12:07
    Hier noch ein kleiner Tipp für Leute die gerne Lesen, jedoch nicht unbedingt Bücher, sprich Papier/Bäume im Regal sammeln müssen:

    www.tauschticket.de

    Dort kann man seine gelesen Bücher einstellen und die dadurch erworbenen Tickets wieder in Lesestoff umtauschen. Inzwischen geht das auch mit Musik, Filmen und Spielen. Alles ist tauschbar. Recycling resourcesparend.

    Ich finde das eine gute Alternative zum Neukauf. Außerdem entlastet es den Geldbeutel, so bleibt mehr Geld für z.B. die ach so teuren Biolebensmittel ;-)

    Herzliche Grüsse, Danièle
alle Kommentare (16)

Kommentar schreiben

(5000/5000)

Mehr zu Einkaufen

Mehr zu Alltag