Folgt der Stadtmensch auf verschlungenen schmalen Wegen Reinhard Witt durch 3.000 Quadratmeter Naturgarten, ertappt er sich immer wieder bei kellertiefen Seufzern. Die gelbe Zypressenwolfsmilch verströmt Honigduft, aus der Natursteinmauer schlängelt sich wie bestellt eine Blindschleiche, das mehrjährige Silberblatt blüht hüfthoch in Zart-Lila, um einen herum brummen Bienen und Hummeln, ein Frosch quakt aus dem Teich. In der heimischen Stadtwohnung warten zwei Balkonkästen. Doch Reinhard Witt, einer von Deutschlands Naturgarten-Pionieren, hat Trost parat. Naturschutz ist auch im vierten Stock möglich. Und wie. Und erst recht für Menschen ohne grünen Daumen.
Viele Wochen vor den Eisheiligen liefern sich an sämtlichen Supermarkteingängen Geranien, Petunien und Co. einen Konkurrenzkampf in Sachen Farbenpracht und Blütenzahl. Lust auf Frühjahr und Farben lässt viele bedenkenlos zugreifen. Werner Rathgeb, Experte im Stuttgarter Amt für Umwelt, beschreibt ironisch das Auswahlkriterium des Heimgärtners: "Faustgroß müssen die Blüten sein. Noch durch die Wand hindurch muss man sie sehen können." Die Devise "größer, schneller, weiter" mache auch vor Balkonblumen nicht Halt. Praktischerweise stapeln sich vor dem Supermarkt gleich neben den Billig-Pflanzen noch 20 Liter Torferde, nährstoffarm und aufgrund des großflächigen Abbaus alles andere als naturschonend. (Deutschlands Privathaushalte verbrauchen laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) jährlich zwei Millionen Kubikmeter Torf.) Wer ökorrekt gärtnern will, muss die Finger vom Supermarkt-Angebot lassen. Und wer auf Balkonien auch ein Stück lebensspendende Natur verwirklichen will, der setzt auf Wildpflanzen.
Die richtige Erde
Werner Rathgeb kennt die Nöte des Stadtbewohners. "Es ist mühsam, torffreie Erde zu bekommen." Das Stuttgarter Umweltamt hat deshalb interessierte Bürger pünktlich zum Frühjahr mit Tipps zur naturnahen Gartenbegrünung versorgt. Darunter befindet sich auch der BUND-Einkaufsführer "torffreie Erde" (als pdf unter www.bund.net, unter Themen und Projekte, Rubrik Naturschutz/Moore). Dieser listet nicht nur Anbieter, sondern auch Baumärkte und Gartencenter mit torffreiem Angebot auf.
Denjenigen, die lieber auf eine eigene Mixtur setzen, rät Rathgeb: "Halten Sie Ausschau nach Baugruben. Fragen Sie, ob Sie vom Erdaushub einen Eimer voll mitnehmen dürfen. Die richtige Mischung für den Blumenkasten besteht aus je einem Teil Sand, Erde und reifem Kompost". Auch Maulwurfshügel sind geeignete Erd-Lieferanten. Rezepte zum Selbermischen finden sich in Reinhard Witts "Wildpflanzen-Topfbuch" (zu beziehen nur beim Autor, www.reinhard-witt.de) Doch man muss als gärtnerisch wenig Beschlagener kein Hexenwerk fürchten. „Ein Topf ist immer ein Extremstandort“, erklärt Witt. Das bedeutet, der Topfgärtner muss sich nicht damit abmühen, die natürlichen Bodenbedingungen exakt zu treffen. (Torffreie) Durchschnittserde reicht. In Sachen Kompost empfiehlt der Gründer des Vereins "Naturgarten e. V." bei größeren Mengen zu abgepacktem Kompost zu greifen. „Im eigenen Kompost wird die Temperatur nicht hoch genug, um Unkrautsamen abzutöten.“


Kommentare (8)
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Der Artickel hat neugierig gemacht. Ich habe zwar mehr als nur einen Balkon im 4. Stock, aber das wird wohl auch für die Terasse und den Hauseingang gelten.
Den Tipp mit der selbst gemischten Erde finde ich auch gut. Aber ich werde dafür den eigenen Kompost nutzen. Das bischen "Unkraut" hält sich im Topfgarten doch in Grenzen.
Ich kann mich des Kommentars zuvor nur anschliessen, der eine oder andere "Unkraut-Samen" der den Komposter durchläuft wird halt weg-gezupft und gleich wieder kompostiert.
Leider war die Erstausstattung für meinen Balkon nicht torffrei. In einem Balkonkasten hat sich über den Winter eine dichte Schicht Torfmoos gebildet und es ist spannend zu sehen, welche Pflanzen sich noch darin bilden.
Interessant ist auch, welche Nutzpflanzen sich in kleineren und größeren Kästen und Kübeln kultivieren lassen. Eine spannende Idee es Meeretich. Von der Wurzel kann im Herbst teilweise geerntet werden und der Rest wächst im nächsten Jahr nach...
Dieses Jahr erfülle ich mir den Traum vom Nasch-Fenster mit selbst gezogenen Cherry-Tomaten, Blumen und Kräutern (vor allem auch mit 4 Minze-Pfllanzen, damit ich für frischen Tee nicht Minze aus Israel kaufen muss). Alles aus Samen selbst gezogen.
Ich habe noch nicht mal einen Balkon, sondern nur Blumenkästen auf den Fensterbrettern. Diese sind natürlich festgemacht ; )
Ich baue jedes Jahr alte Tomatensorten auf meinem Balkon an. Daneben stehen meine Chilipflanzen.
In meinen Balkonkästen sind diverse Blumen. Es gibt kein besseres Raumdeo als einfach nach der Arbeit Heim kommen und die Balkontür zu öffnen. Bei mir richt innerhalb von sekunden die Wohnung nach Blumen.
Ich kann es nur jedem empfehlen, etwas auf seinem Balkon zu machen. Ich dachte früher auch ich wäre unfähig. Aber mit etwas Übung klappt alles. ;-)
Jedenfalls macht es mir sehr viel Freude...
Ach übrigens; ich hab bio+fairdrade Blumenerde aus Kokosfasern benutzt. Auch habe ich Komposterde aus dem Garten meiner Eltern mit der Kokoserde vermischt.