Zeitforschung
Warum die Natur keine Uhr braucht
Text: Peter Laufmann
David Eagleman ist Zeitforscher an der Universität Houston. Und schwindelfrei. In 50 Metern Höhe steht er auf einer zugigen Plattform mit einem Loch in der Mitte. Wobei der Psychologe noch den besseren Platz hat. Einer seiner Studenten baumelt, nur von einem Nylonseil gehalten, in einem Sitz aus luftigen Gurten direkt über dem Loch. Unter ihm der Abgrund. Dem jungen Mann ist das Grauen ins Gesicht geschrieben. Sacht schaukelt sein Körper im Wind. Mit einem herzlichen Ruck kappt Eagleman das Seil. Der Student schreit auf, saust in die Tiefe, fällt und fällt. Dem Boden entgegen.
Dann: Aufschlag. In die zärtliche Umarmung eines elastischen Netzes. Der freie Fall vom 50-Meter-Turm gehört zu den Experimenten des Wissenschaftlers, der die Zeitwahrnehmung des Menschen unter Stress erforscht. Seine fallenden Studenten sind ein kleiner Teil im großen Rätselraten um die Zeit. Denn während eine Uhr unaufhörlich exakt gleich lange Sekunden, Minuten und Stunden abzählt, existiert die Zeit als starre Mechanik in der Natur nicht. Zeit als abstrakte Vorstellung, als Begriff, ist eine Erfindung des Menschen. Reine Illusion. Das Leben selbst funktioniert flexibler. Es sind wiederkehrende Rhythmen, die Organismen, vom Einzeller bis zum Menschen, durch die Tage, Wochen und Jahre tragen, getaktet von der Biochemie, von Sonne und Mond.
Und so kann auch der Mensch trotz Quarzuhr und Terminkalender seiner Natur nicht entkommen. Er ist dem Rhythmus seiner Biologie genauso ausgeliefert wie eine Bazille oder eine Blume. Und wie alle anderen Organismen kann auch er keineswegs einschätzen, wie lang eine Zeiteinheit gewesen ist. Es gibt dafür keinen eigenen Sinn. Allein unsere Wahrnehmung bestimmt das Gefühl für die
Dauer und das Tempo des Erlebten. Und diese Wahrnehmung schlägt uns so manches Mal ein Schnippchen.
Foto: steffne Quelle: photocase.com
Jeder kennt das vage und nervenaufreibende Gefühl von „Ewigkeit“, wenn die letzten fünf Minuten, bis die Liebste endlich erscheint, sich anfühlen wie Stunden, und die Stunde, in der sie da ist, wie ein Augenblick verfliegt. Besonders krass scheint sich unser Zeitgefühl in Extremsituationen zu verhalten. Unfallopfer berichten, dass sie das entgegenkommende Auto oder den Baum wie in Zeitlupe auf sich zu bewegen sahen. Die Bruchteile von Sekunden scheinen sich zu dehnen.
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Dieser Text stammt aus der aktuellen
natur + kosmos



Kommentare (1)
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inaktiver Utopist 15118
schrieb am 15.10.2008 um 10:37 ¶Kommentar schreiben
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