Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Yvon Chouinard im Portrait

"Der am wenigsten vernetzte Mensch"


Von Jan Berndorff

Das darf einem nicht entgehen, wenn Yvon Chouinard für einen Pressetermin extra nach München kommt, statt in den Steilwänden Patagoniens zu klettern, vor Hawaii Wellen zu reiten oder in Sibirien Fische zu fangen. Die meiste Zeit des Jahres ist der Gründer des Outdoor-Bekleidungs- und Ausrüstungsherstellers Patagonia unterwegs. Nicht auf Dienstreise im Privatjet, sondern zu Fuß in der Wildnis, um Abenteuer zu erleben. Erfolgreich ist seine Firma trotzdem. Und zudem leuchtendes Vorbild in Sachen Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Selbst Manager von Weltkonzernen wie Walmart oder Nike klopfen in Ventura, Kalifornien, an die Tür der Patagonia-Zentrale und fragen Chouinard um Rat. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?

Im Patagonia-Geschäft in München-Schwabing steht ein Pulk von Leuten, die das ebenfalls wissen wollen. Chouinard wird sein Buch vorstellen. Es heißt: „Lass die Mitarbeiter surfen gehen!“ Eine kleine Bühne mit ein paar Dutzend Stühlen davor ist aufgebaut. Eine Leinwand zeigt Bilder aus dem wilden Patagonien. Chouinard hat sich zwischen die Leute gemischt, plaudert, knabbert an einem Kanten Brot und fällt nicht weiter auf mit seinen knapp 165 Zentimetern Körpergröße, in Jeans und dunkler Steppweste.

Das Pressegespräch beginnt. Ein Potpourrie aus Anekdoten des Mannes, der eher aus Versehen Unternehmer wurde. Noch heute verbringt er mehr Nächte unter freiem Himmel als im Bett. Feine Gesellschaft ist ihm zuwider. „Ich hänge lieber mit Surfern und Herumtreibern ab als mit Geschäftsleuten.“

Lange trieb er sich selbst herum, statt ordentlich in die Schule zu gehen. „Die Geschichtsstunden waren eine gute Gelegenheit, zu üben, den Atem anzuhalten, um tiefer nach Hummern tauchen zu können.“ Auch zu Hause ließ er sich selten blicken. Stattdessen lebte er in der Natur, von Fischen, Beeren, Wurzeln. Als 24-Jähriger kam Chouinard sogar einmal 18 Tage in den Knast von Arizona wegen „Herumstreunens ohne festes Ziel“.

Beruf des Unternehmers nie respektiert

Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, Unternehmer zu werden: „Mich heute als solcher zu outen, ist so, als müsste ich zugeben, Alkoholiker zu sein. Ich habe diesen Beruf nie respektiert. Denn Unternehmer müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Feinde der Natur zu sein, heimische Kulturen zu zerstören, von den Armen zu nehmen und den Reichen zu geben und die Erde mit dem Abwasser ihrer Fabriken zu vergiften.“

Profit zu machen lag gar nicht in seiner Absicht, als er Anfang der 60er Jahre seine ersten Verkäufe tätigte. Er war einer der weltbesten „Big-Wall“-Kletterer der Welt – also einer von der Sorte, die riesige Steilwände meistern. So hoch, dass sie an einem Tag nicht zu schaffen sind. An Haken und Seilen in einer Hängematte übernachten diese Verrückten mitten in der Wand oder steigen in tiefer Dunkelheit weiter, nur im Licht ihrer Stirnleuchte. Das erfordert nicht nur Tollkühnheit, sondern auch bombenfestes Material. Und weil die damals üblichen Felshaken aus Europa in seinen Augen nichts taugten, kaufte Chouinard Hammer und Amboss und schmiedete seine Pitons selbst – den ersten aus dem Schneideblatt eines Mähdreschers. Diese Haken waren nicht nur härter, sondern auch wiederverwendbar, weil sie mit einem Handgriff aus dem Fels lösbar waren. Später, als sich herausstellte, dass sie tiefe Risse im Fels verursachten, stellte er die Produktion ein. Damals aber sprach sich seine Erfindung schnell herum. Und so schwang der Naturbursche immer häufiger den Hammer, fertigte auch Karabiner und andere Utensilien und machte ein kleines Geschäft auf, um seine Touren zu finanzieren. Es wuchs, und immer mehr Weggefährten stiegen mit ein. Zusammen entwickelten Sie neue Ideen – auch für Kleidung.

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Stand: 31.05.2010 von

Kommentare (14)   abonnieren

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    schrieb am 31.05.2010 um 14:38
    Mal so nebenbei: Wenn er schon so berühmt ist und so viele Leute ihm die Tür einrennen, ist er mit Sicherheit nicht der am wenigsten vernetzte Mensch
    ; )
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    schrieb am 02.06.2010 um 07:47
    Seh ich auch so. ;-)
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    schrieb am 31.05.2010 um 14:47
    Nur so nebenbei: Es ist ein Zitat von ihm. Und der Titel soll auf den Text neugierig machen. Bei Ihnen hat das offenbar schon gewirkt.

    Natürlich kann sein Selbstbild hier diskutiert werden...

    Gruß aus der Redaktion!
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    schrieb am 31.05.2010 um 17:02
    Yvon Chouinard schreibt: "Unternehmer müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Feinde der Natur zu sein, heimische Kulturen zu zerstören, von den Armen zu nehmen und den Reichen zu geben und die Erde mit dem Abwasser ihrer Fabriken zu vergiften".
    Endlich wird dies einmal deutlich ausgesprochen und dann noch von einem erfolgreichen Unternehmer. Ein ganzer Schuh wird jedoch erst daraus, wenn man die Verbraucher, also wir alle, mit in dieses Boot nimmt. Wir alle, der eine mehr, der andere weniger, beschädigen oder zerstören unsere eigene Lebensgrundlage durch unser Leben, so wie wir es führen.
    Dies müssen wir so langsam begreifen und zu Ende denken.
    Oder: Wir müssen begreifen, dass wir selbst für die Folgen unserer Lebensart verantwortlich sind und uns dieser Verantwortung bewußt stellen.

    Heinz Rieger
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    schrieb am 02.06.2010 um 08:35
    Anklagen an "wir alle" zielen allerdings ins Leere. Ohne präzise nach den Dingen zu fragen, die einem verantwortlichen, der mitmenschlichen Natur gemäßen Miteinander förderlich sind oder es wären, (z.B. eine globale CO2 Steuer), oder die das umweltbewusste Zusammenwirken im Gegenteil hemmen, (z.B. Steuernachlässe für Spesenritter oder Exportsubventionen), bleiben solche Selbstanklagen nur mittelalterliches Ritual zur illusionären Befeurung des eigenen Seelenvernügens.

    Gruß vom Topisten
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    schrieb am 03.06.2010 um 20:33
    Allein aufgrund dieses Textes und einer kurzen Google-Überprüfung ist der mir vorher unbekannte Herr tatsächlich doch vorbildlich. Ich hoffe nur, dass Chouinard nicht nur wegen einer Buchvorstellung extra per Flugzeug angereist ist (es sei denn der Artikel ist schon etwas älter und deckt sich zeitlich mit "In early 2008, Patagonia won the 'Eco Brand of the Year' award at the Volvo Ecodesign Forum during the ISPO Trade Show in Munich...." auch das Biobaumwoll-Tshirt bei Walmarkt wird es nicht für 15 € geben, weil es sozialverträglich hergestellt wurde. Aber seine Firmenphilosophie ist mir doch recht symphatisch.
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    schrieb am 07.06.2010 um 13:42
    Patagonia Produkte sind großartig! Nachhaltig produziert, sehr langlebig (denn hier ist es gar nicht erwünscht dass man sich jedes Jahr z.B. eine neue Jacke kauft), bin ich absolut begeistert von Yvon Chouinard und seinem Unternehmen. Übrigens ist auch sehr interessant, dass Patagonia alte Kleidungsstücke zurück nimmt und recycelt. Da bin ich auch gern bereit, etwas mehr Geld auszugeben und dafür lange davon Gebrauch zu machen. Sicher kann auch Patagonia noch tausend Dinge anders und besser und ökologischer machen, aber mal ehrlich: sie entwickeln sich auch weiter und befinden sich doch defintiv auf dem besten Wege. Weiter so.
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    schrieb am 14.06.2010 um 22:24
    guter Mann! Schön zu sehen, dass es anscheinend auch anders geht, wenn man nur will...
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    schrieb am 03.07.2010 um 13:19
    "übernachten diese Verrückten mitten in der Wand" – was ist das denn für ein unseriöser, unreifer, effekthascherischer, undifferenzierter schreibstil!?
    und, auch wenn ich, zumindest in einem anderen interview, das ich auch gelesen habe, den patagonia-gründer sympathisch und es wohl so ist, soweit ich das beurteilen kann, das unternehmen viele dinge nachhaltig gestaltet, wundere ich mich in zeiten des klmawandels darüber, wie von jemand im ton der bewunderung darüber gesprochen wird, dass er in patagonien klettert oder in sibirien fischt oder oder ... ich nehme an, er geht nicht zu fuß von kalifornien nach patagonien und dann schwimmend und gehend weiter nach sibirien? wo ist da die nachhaltigkeit?
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    schrieb am 07.10.2010 um 22:50
    Mich widern solche Artikel oft wirklich nur an. "Journalisten" die keine Ahnung haben und nicht einmal bei so einem Menschen ehrliche Sätze schreiben können, finde ich einfach nur traurig. Warum ist ein solcher Mensch verrückt. Ist denn nich ein Mensch der jeden Tag um 7 in der früh aufsteht den ganzen Tag nur für Geld, nur für sich selbst oder was im weitesten Sinne mit seinem Geld zusammenhängt fördert und dann um 18:00 Uhr heimkommt und seine Familie tyrannisiert nicht viel verrückter.
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    schrieb am 19.08.2010 um 10:49
    Schade, dass ein Visionär wie Yvon nicht versteht wie wichtig die Verbindung ist...Patagonia hätte die Nummer eins der Welt sein können bei ÖKO Textilien für die Freizeit..... aber die Bescheidenheit dieses Mannes ist ECHT! Er will gar nicht an der grossen Glocke hängen wie Umweltfreundlich Patagonia ist....
    Und auch sein Europa Manager Holger Bissmann ist ähnlich bescheiden...darum werden Firmen wie
    Jack Wolfskin die bisher nichts mit Öko am Hut haben in weniger als drei Jahren mit ECO MARKETING die Pioniere der Branchen überholen und viel viel mehr ECO Produkte verkaufen als die Vorreiter!
    Die Zeit für ECO DESIGN ist jetzt! Alle Hersteller sollten Cradle to Cradle produzieren!

    Hans Lak
    Outdoor.info
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    schrieb am 07.10.2010 um 22:54
    Nur konsumieren.... ?????? ... Ich finde es viel konstruktiever sich aus dieser ganzen Kapitalismusgesellschaft ein wenig zurückzuziehen.
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    schrieb am 07.10.2010 um 23:18
    dafür bin ich auch. Und es gibt viele, die das lieber heute als morgen möchten....
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    schrieb am 23.02.2012 um 10:51
    Leider benutzt Patagonia Daunen aus der Stopfmast. Es ist nicht nur eine unglaubliche Tierquälerei, sondern auch eine Katastrophe für die Umwelt und den Ressourcenverbrauch. Es werden Unmengen an Futter für diese kranke Qualzucht verschwendet.
    Hier Patagonias Antwort:
    http://www.thecleanestline.com/2011/12/the-lowdown-on-down-an-update.html

    North Face und auch alle anderen Outdoor-Hersteller benutzen genauso Daunen aus der Stopfmast. Es gibt einfach kein zuverlässiges Zertifizierungssystem.

    Hier noch die Stellungnahme von North Face:
    http://www.thenorthfacejournal.com/the-north-face-goose-down-update/

    Übrigens Daunen sind kein einfaches Nebenprodukt der Fleischindustrie. Sie machen ca. 15% des Gewinns pro Tier aus. Einige Tierausbeuter könnten es sich also gar nicht leisten Tiere "nur" wegen ihres Fleisches zu halten. Daunen sind ein klarer Gewinnfaktor. Also Hände weg von Daunen!!!
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