Wenn wir alle nicht mehr fliegen würden ...
... könnten Familien doch auch einfach mit dem Nachtzug an die Adria anstatt pauschal in die Karibik reisen. Manager bräuchten nicht mehr mit Jetlag in anonymen Hotelzimmern einzuschlafen, sondern dürften sich auf viel bequemere Videokonferenzen verlegen. Und alle, die gerne mal wissen wollen, wie es auf dem Hollywood-Boulevard bei Nacht aussieht, posten ihre Frage einfach in einem Internetforum, kaufen sich einen Bildband oder greifen auf eine Webcam vor Ort zurück. Wenn wir nicht mehr fliegen würden, fehlte es nicht mal an Abenteuer. Denn Abenteuer kann man doch immer noch zur Genüge erleben – auf einer Radtour nach Krakau oder bei einer Clubnacht in Berlin.
Aber wenn wir alle nicht mehr fliegen würden, könnten wir Menschen aus Afrika, Australien, Indien, Ost-Asien, Amerika nur noch auf YouTube und MySpace begegnen. Denn wer kann es sich leisten, mit dem Kreuzfahrtschiff nach Santiago de Chile oder Sydney überzusetzen oder hat die Zeit, sich mit Bus und Bahn nach Osaka oder Kapstadt durchzuschlagen. Und sollte man nicht einmal in New York im Museum Of Modern Art heimlich mit dem Finger ein Bild seines Lieblingsfuturisten angetippt haben? Oder in Tokio versehentlich an einer der U-Bahn-Haltestellen ausgestiegen sein, wo alle Informationen nur in Kanji, japanischen Schriftzeichen, stehen? Oder einen ausgedehnten Marsch durch Shanghai unternommen haben, um sich abends mit chemisch riechendem Shampoo den Abgasgeruch aus den Haaren zu waschen? Sollten wir all diese wunderbaren, verwirrenden, aufregenden Orte nicht einmal selbst schmecken, riechen und erleben? Eigentlich schon.
Doch die CO2-Emissionen von Fliegern gehören zu den größten Verursachern des Treibhauseffekts. Auf der Webseite
atmosfair.de kann man nachlesen, dass jeder Mensch 3000 Kilogramm CO2-Guthaben im Jahr hat. Also jährlich höchstens diese Menge Kohlenstoffdioxid-Ausstoß verursachen darf, damit sich das Klima nicht weiter verschlechtert. Von diesen drei Tonnen fallen allerdings nur 1000 Kilogramm aufs Reisen. Denn die anderen 2000 werden schon durch unseren Energieverbrauch im Alltag erzeugt. Doch allein bei einem Flug von Hamburg nach München und zurück, entstehen bereits 340 Kilo, ein Drittel unseres Guthabens. Und ein Flugzeug auf dem Weg von Hamburg nach New York und zurück, bläst pro Passagier gleich 3940 Kilo CO2 in die Atmosphäre – das Gewicht von vier VW Polos inklusive Fahrer und fast das Vierfache unseres Guthabens. Eine einzelne Boeing 747 mit rund 400 Passagieren an Bord erzeugt also Einemillionenfünfhundertsechsundsiebzigtausend Kilogramm CO2 – ein ganzes Parkhaus voller Autos.
Damit wir also nicht "Lost In Translation" in den DVD-Player legen müssen, um zu lernen wie sich Fremde anfühlt oder Paul Austers "Mond über Manhattan" lesen, wenn wir uns vorstellen wollen wie der Central-Park bei Nacht klingt, müssen wir lernen, bewusster zu fliegen. Zum Beispiel könnten wir uns das Guthaben für einen Überseeflug mit einigen Freibad- und Interrail-Sommern zusammensparen. Und allein, wenn alle Menschen auf Inlandsflüge verzichten und stattdessen einen Zug nehmen, würde das die CO2-Belastung schon um 45 Prozent senken. Wir dürfen also weiterhin fliegen. Es muss uns nur klar werden, dass wir bessere Gründe brauchen als Bequemlichkeit, um in ein Flugzeug zu steigen. Zum Beispiel brennendes Fernweh oder eine unstillbare Neugier.
Fotos: Photocase
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Kommentare (62)
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Mario_Sedlak
sedl.at
Mario_Sedlak
schrieb am 28.06.2010 um 14:53Flugreisen sind aufgrund des hohen Energieverbrauchs nie nachhaltig. Die 3 Tonnen CO2 pro Jahr sind auch eher optimistisch. Andere halten 2 Tonnen für gerade noch verträglich. Den Wert können wir in der westlichen Welt mit unserem (verschwenderischen) Lebensstandard kaum erreichen.
Aber es stimmt schon: Wenn wir allein da verzichten, wo es leicht möglich ist, wäre schon viel geholfen.
Andreanders
lieber verrückt und kreativ als normal
Andreanders
schrieb am 02.10.2009 um 10:34Kommentar schreiben
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