Biofach 2012 – Lebensbaum
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Utopia: Was passiert da draußen gerade, dass Sie sich berufen fühlen, uns wach zu rütteln?
Harald Welzer: Dafür muss "da draußen" gar nichts passieren. Man muss nur das tun, was man als Mitglied einer demokratischen Gesellschaft immer tun sollte. Nämlich aufmerksam die Dinge beobachten, seine Handlungsspielräume nutzen, dafür eintreten, was man für richtig hält.
Utopia: Wofür nutzen die Leute ihre Handlungsspielräume zu wenig?
H. W.: Unser ehemals extrem erfolgreiches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem steuert, besonders in seiner globalisierten Form, auf den Kollaps zu. Zugleich haben wir noch – gerade in den reichen und demokratischen Gesellschaften – die Handlungsspielräume und Möglichkeiten, unsere Praktiken so zu verändern, dass dieser Kollaps vielleicht nicht stattfinden wird. Das ist doch ein gutes Argument dafür, dass man dringend etwas tun muss.
Utopia: Warum fehlt den meisten Menschen ein verantwortungsvolles, zukunftsfähiges Verhalten? Ist das ein Erbe aus dem alten Wirtschaftssystem, das seine Grenzen erreicht hat?
H. W.: Das ist nicht nur ein Erbe des Wirtschaftssystems, sondern auch der zugehörigen Kultur und der zugehörigen Denkformen. Man darf sich nicht selbst in die Tasche lügen. Wir haben ja das Privileg, in einer der reichsten Gesellschaften der Erde zu leben. Diese Komfortzone verlassen zu wollen oder zu sollen, empfinden die allermeisten von uns als Zumutung. Es fällt schwer, beispielsweise radikal auf das Fliegen oder radikal auf Fleisch-Konsum zu verzichten. Das ist ja alles nicht so einfach und das macht keiner, nur weil man ihm sagt, dass das Klima sich erwärmt oder die Arten sterben. Wir müssen uns positiv auf jene zivilisatorischen Errungenschaften der letzten 200 Jahre beziehen, die ja mit dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsform entwickelt worden sind. Ich spreche von Kategorien wie Gerechtigkeit und Verantwortung. Gerechtigkeitsgefühle sind sehr elementar, Wünsche nach dem guten Leben oder dass es den Kindern gut geht ebenfalls. Man sollte sich ganz einfach die Frage stellen, wer man gewesen sein möchte, wenn sich irgendwann mal jemand an einen erinnert: Jemand, der seinen Nachkommen ein Desaster hinterlassen hat, oder jemand, der geholfen hat, das Ruder herumzureißen? Wenn man diese Frage positiv beantworten kann, hilft das beim Blick in den Spiegel. Gemäß dem kategorischen Imperativ in Zeiten des Klimawandels könnte man sagen, man soll sich nicht schuldig machen.
Utopia: Fällt es uns also so schwer, verantwortungsvoll zu handeln, weil das meistens einen Verzicht bedeutet?
H. W.: Genau mit dieser Perspektive sitzt man schon in der Falle. Wo findet denn Verzicht statt? Klopfen Sie doch mal die ganzen Parameter ab, die den Kern unserer Lebenspraxis ausmachen und bei denen jeder gleich brüllen würde: „Verzicht!“. Sie müssen die Perspektive umdrehen. Wenn – wie uns die Statistiker versichern – jeder ungefähr 20 Wochen seines Lebens im Auto im Stau verbringt und ich verzichte darauf, dann habe ich zwanzig Wochen Lebenszeit gewonnen. Das ist ja kein Verzicht. Wenn ich diesen Dreck nicht mehr esse, der über die Massentierhaltung produziert wird, ist das auch kein Verzicht. Die Leute halten nur Dinge für Bestandteile ihrer Lebensqualität, obwohl es sie krank macht, obwohl es sie nervös macht, obwohl es ihnen die Zeit stiehlt und so weiter. Das sind entfremdete Bedürfnisse und man befindet sich im Irrtum, wenn man glaubt, man müsse sie befriedigen.
Kommentare (116)
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Schalke04_fan
schrieb am 17.02.2011 um 16:54 ¶Insider
schrieb am 12.02.2011 um 00:25 ¶Kommentar schreiben
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