Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Harald Welzer im Interview

“Wenn ich diesen Dreck nicht mehr esse, ist das kein Verzicht”

In der FAZ hat Harald Welzer zehn Empfehlungen zur Rettung der Welt geben, die jeder umsetzen kann. Utopia hat nachgefragt und mit dem Sozialwissenschaftler über den Dioxin-Skandal, die Schwierigkeiten des Verzichts und die große Aufgabe für 2011 gesprochen: die Sichtbarkeit der Gegenbewegung zum "Business as usual".


Utopia: Was passiert da draußen gerade, dass Sie sich berufen fühlen, uns wach zu rütteln? 

Harald Welzer: Dafür muss "da draußen" gar nichts passieren. Man muss nur das tun, was man als Mitglied einer demokratischen Gesellschaft immer tun sollte. Nämlich aufmerksam die Dinge beobachten, seine Handlungsspielräume nutzen, dafür eintreten, was man für richtig hält. 
 


Utopia:
Wofür nutzen die Leute ihre Handlungsspielräume zu wenig?  

H. W.: Unser ehemals extrem erfolgreiches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem steuert, besonders in seiner globalisierten Form, auf den Kollaps zu. Zugleich haben wir noch – gerade in den reichen und demokratischen Gesellschaften – die Handlungsspielräume und Möglichkeiten, unsere Praktiken so zu verändern, dass dieser Kollaps vielleicht nicht stattfinden wird. Das ist doch ein gutes Argument dafür, dass man dringend etwas tun muss.

 

„Man soll sich nicht schuldig machen“


Utopia:
Warum fehlt den meisten Menschen ein verantwortungsvolles, zukunftsfähiges Verhalten? Ist das ein Erbe aus dem alten Wirtschaftssystem, das seine Grenzen erreicht hat?  

H. W.:  Das ist nicht nur ein Erbe des Wirtschaftssystems, sondern auch der zugehörigen Kultur und der zugehörigen Denkformen. Man darf sich nicht selbst in die Tasche lügen. Wir haben ja das Privileg, in einer der reichsten Gesellschaften der Erde zu leben. Diese Komfortzone verlassen zu wollen oder zu sollen, empfinden die allermeisten von uns als Zumutung. Es fällt schwer, beispielsweise radikal auf das Fliegen oder radikal auf Fleisch-Konsum zu verzichten. Das ist ja alles nicht so einfach und das macht keiner, nur weil man ihm sagt, dass das Klima sich erwärmt oder die Arten sterben.
 
Wir müssen uns positiv auf jene zivilisatorischen Errungenschaften der letzten 200 Jahre beziehen, die ja mit dieser Wirtschafts- und Gesellschaftsform entwickelt worden sind. Ich spreche von Kategorien wie Gerechtigkeit und Verantwortung. Gerechtigkeitsgefühle sind sehr elementar, Wünsche nach dem guten Leben oder dass es den Kindern gut geht ebenfalls. Man sollte sich ganz einfach die Frage stellen, wer man gewesen sein möchte, wenn sich irgendwann mal jemand an einen erinnert: Jemand, der seinen Nachkommen ein Desaster hinterlassen hat, oder jemand, der geholfen hat, das Ruder herumzureißen? Wenn man diese Frage positiv beantworten kann, hilft das beim Blick in den Spiegel. Gemäß dem kategorischen Imperativ in Zeiten des Klimawandels könnte man sagen, man soll sich nicht schuldig machen.

 

„Wenn ich diesen Dreck nicht mehr esse, ist das kein Verzicht“


Utopia:
Fällt es uns also so schwer, verantwortungsvoll zu handeln, weil das meistens einen Verzicht bedeutet?
 

H. W.: Genau mit dieser Perspektive sitzt man schon in der Falle. Wo findet denn Verzicht statt? Klopfen Sie doch mal die ganzen Parameter ab, die den Kern unserer Lebenspraxis ausmachen und bei denen jeder gleich brüllen würde: „Verzicht!“. Sie müssen die Perspektive umdrehen. Wenn – wie uns die Statistiker versichern – jeder ungefähr 20 Wochen seines Lebens im Auto im Stau verbringt und ich verzichte darauf, dann habe ich zwanzig Wochen Lebenszeit gewonnen. Das ist ja kein Verzicht. Wenn ich diesen Dreck nicht mehr esse, der über die Massentierhaltung produziert wird, ist das auch kein Verzicht. Die Leute halten nur Dinge für Bestandteile ihrer Lebensqualität, obwohl es sie krank macht, obwohl es sie nervös macht, obwohl es ihnen die Zeit stiehlt und so weiter. Das sind entfremdete Bedürfnisse und man befindet sich im Irrtum, wenn man glaubt, man müsse sie befriedigen.

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Thema: Politik & Gesellschaft, Stand: 26.01.2011 von

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    schrieb am 17.02.2011 um 16:54
    Hallo alle Miteinander......

    Zum Thema passend, ein ausagekräftiger Report :

    http://www.videogold.de/food-inc-was-essen-wir-wirklich-dokumentation-wdr/

    Gruß Schalke04-Fan
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    schrieb am 12.02.2011 um 00:25
    Um nochmals wieder auf die Qualität unserer Lebensmittel und den Wert der Arbeit zurückzukommen. Seit vielen Jahren hat ein großer Teil der Arbeiternehmer/innen nur noch gedacht: Hauptsache Arbeit – Die Wirtschaft/bzw. Unternehmen konnten machen was sie wollten. Kein Wunder, dass diese die Gunst der Stunde nutzten und nur noch an die Maximierung der Gewinne dachten.

    http://www.arbeitsalltag.de/Texte/Broschue/Unruh_Hauptsache_Arbeit.pdf

    Jeder Bürger, der ein bisschen rechnen kann, weiß doch, dass Produkte nicht aus schierer Nächstenliebe zum Konsumenten von Aldi, Lidl und Co. billig angeboten werden, sondern dass irgendwo in der Produktionskette, inkl. die eigenen Mitarbeiter, hinreichend ausgebeutet werden muss, um deren Effizienz und den „Billig“ Preis (inkl. deren Milliardengewinne) zu gewährleisten. Die Billigsupermärkte in Deutschland erhöhen nach Informationen der "Lebensmittelzeitung" seit Monaten die Preise auf breiter Front. "Während mit Doppelseiten noch das „Billig“ Weihnachtssortiment beworben wurde, haben die Discounter nach einer Untersuchung div. Wirtschaftsinformationsdienste ganz >unbemerkt< (!!!) von der breiten Öffentlichkeit eine Reihe von Preisen angehoben". Ja... die „Billig“ Discounter Aldi,Lidl und Co. ,deren Unternehmensphilosophie sind für den > durchblickenden, kritischen Verbraucher schon längst zur perfiden Falle geworden. Billig kommt uns längst an verschiedenen Fronten teuer zu stehen. Das omnipräsente Erscheinungsbild der Billigheimer mit deren kontinuierlich produzierten Arbeits- und Lebensmittel Skandalen hat schon zu lange eindeutig den verkehrten Weg, die Einbahnstraße aufgezeigt.
    Dass z. B. auch Imagepflege ebenfalls eine nachhaltige, moralische Verantwortung umfasst, welches die Marken im wirtschaftlichen Eigeninteresse pflegen müssen, ist längst vor lauter Gier und Profit um jeden Preis verlorengegangen. Man hat längst den Eindruck, ja die Gewissheit dass auch die Moral kapitalisiert wird. Nicht von Ungefähr gibt’s z.B. auch eine Verona Pooth, die mit ihren rührseligen Initiativen für Kinder der dritten Welt vor die Fernsehkameras tritt und einen Sender weiter Werbung für den Kleider Billigheimer KiK, der mehr oder weniger dieselben Kinder und seine eigenen Mitarbeiter ausbeutet.
    Die Macht liegt also hier - wie eigentlich schon lange! - beim Endverbraucher – Es gibt durchaus schon einige gute Beispiele –siehe:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konsumentenboykott

    Die Frage ist zwar auch, wer kann sich die fairen Güter (Lebensmittel, Textilien, ect....) tatsächlich auf Dauer leisten? (Siehe dazu mein voriger Kommentar!) Das ist aber nur die finanzielle Frage. Bezeichnend für die politische Dimension des marktwirtschaftlichen Systems ist doch, dass die Frage, wie lange wir uns diese Missstände insbesondere noch moralisch leisten können. Hier scheint es - auch beim Endverbraucher - einfach noch viel zu viel Spielraum der eigenen Einsicht zu geben. Geschweige denn zu begreifen, wie sich die persönliche Einstellung unmittelbar negative oder positiv auf die Veränderung unserer aller Lebensbedingungen auswirkt. Und das hat nicht einmal mit dem noch utopisch ziemlich weit entfernten "bedingungslosen Grundeinkommen" zu tun.

    http://www.krach-statt-kohldampf.de/temp/Abschlussrede%2010.10.10%20Oldenburg.pdf

    ...und dazu ergänzend eine aktuelle Kolumne im „Spiegel online“
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,744587,00.html

    m.f.G. mehr weniger
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    schrieb am 11.02.2011 um 18:19
    "Bloßes Vegetieren, ohne frei gewählte Arbeit für andere, ist sinnentleertes Leben. Verordnete oder erzwungene Arbeit, beschönigend "Fördern durch Fordern" genannt, ist letztendlich Zwangsarbeit und kann keinen Sinn stiften. Zwangsarbeiten wie Vegetieren schafft Leiden. Wir müssen uns höchstpersönlich schuldig fühlen für jedes Leiden, an dessen Verhinderung oder Behebung wie nicht mitwirken.
    Wir haben die Wahl: Gewähren wir allen Bürgern durch ein BGE eine Teilhabe am Wohlstand dieser Nation und damit die Voraussetzung für eine Teilnahme durch gewollte Arbeit oder favorisieren wir Hartz IV wie viele Politiker oder Wissenschaftler.
    Die FAZ schreibt, dass mit einem Grundeinkommen, welches nicht an Bedingungen geknüpft ist, "die gering entlohnten, einfachen Arbeiten dann nicht mehr gemacht werden". Ich empfinde es als Schande, wenn Wissenschaftler, Politiker und Journalisten nicht mitwirken wollen an einer Gesellschaft, die jedem einen Schauplatz bietet, um sich als Entwicklungswesen zu beweisen."
    (Kolumne von Götz Werner) mehr weniger
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    schrieb am 10.02.2011 um 15:39
    Es gibt Menschen, die mit Freude geben, und diese Freude ist ihr Lohn.
    Vergnügen ist ein Lied der Freiheit,
    Aber es ist keine Freiheit.
    Es ist die Blüte eurer Wünsche,
    Aber es ist nicht ihre Frucht.

    Ihr arbeitet, um mit der Erde und der Seele der Erde Schritt zu halten.
    Denn müßig sein heißt, den Jahreszeiten fremd zu werden und auszuscheren aus dem Lauf des Lebens, das in Würde und stolzer Umgebung der Unendlichkeit entgegenschreitet.

    Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.
    Und wenn ihr nicht mit Liebe, sondern nur mit Unlust arbeiten könnt, dann ist es besser, eure Arbeit zu verlassen und euch ans Tor des Tempels zu setzen, um Almosen zu erbitten von denen, die mit Freude arbeiten.

    Khalil Gibran mehr weniger
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    schrieb am 08.02.2011 um 22:53
    @funkstille
    wo hast du die links her - leben wir in einem tollhaus? wie können diese entscheider (DEKRA-Irrsinn und auch Aigner) eigentlich morgens in den spiegel schauen, ohne das es ihnen schlecht wird?
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