Vor zwei Jahren: Beinahe-GAU in Forsmark
Am 25. Juli 2006 verursachen Wartungsarbeiten im Kernkraftwerk Forsmark einen Kurzschluss. Das im Westen Schwedens gelegene Kernkraftwerk wird sofort vom übrigen Netz getrennt. Normalerweise springen in einem solchen Fall Notstromaggregate an, um den Reaktor weiterhin zu kühlen. Der Kurzschluss setzt aber auch diese Aggregate außer Betrieb. Zusätzlich fallen die Computer aus, so dass die Mitarbeiter blind handeln müssen. Nach 23 Minuten können sie manuell zwei der vier Aggregate wieder in Betrieb nehmen. Der Reaktor wird weiter gekühlt. Hätten sie nur sieben Minuten länger gebraucht, wäre eine Kernschmelze nicht mehr aufzuhalten gewesen. „Es war reiner Zufall, dass es zu keiner Kernschmelze kam“, sagte Lars-Olov Höglund, langjähriger Chef der Konstruktionsabteilung bei dem Stromkonzern Vattenfall, der Forsmark betreibt.
Es sind zwar keine zuverlässigen wissenschaftlichen Aussagen darüber möglich, was genau in diesem Fall passiert wäre, die Folgen würden jedoch denen Tschernobyls ähneln. Die Frage ist: Was passiert, wenn tatsächlich der größte anzunehmende Unfall eintritt? Wie gut sind deutsche Behörden und Kernkraftwerksbetreiber darauf vorbereitet? Was würde etwa passieren, wenn in einem deutschen Kernkraftwerk ebenfalls die Notstromversorgung ausfiele?
Eine halbe Stunde vor der Katastrophe:
Durch einen Kurzschluss fällt in einem Kernkraftwerk wie dem im hessischen Biblis die Kühlung eines Reaktorkerns aus. Der Reaktor wird zwar sofort abgeschaltet, erhitzt sich aber weiter. Der behördliche Katastrophenschutz wird vom Betreiber über den Störfall informiert. Der Katastrophenschutz richtet drei Gefährdungszonen ein: die Zentralzone im Abstand von maximal zwei Kilometern rund um die Unglückstelle, die Mittelzone rund zehn Kilometer um die das Kraftwerk und die Außenzone mit einem Radius von 25 Kilometern, die etwa Darmstadt und Worms umfasst. Es wird Voralarm ausgelöst. Nach nur einer halben Stunde ohne Kühlung ist eine Kernschmelze aber nicht mehr aufzuhalten.
Die Stunde Null: der Super-Gau:
Bei der Kernschmelze entweicht nicht nur radioaktive Strahlung mehrere hundert Meter in die Atmosphäre, der Kern selbst frisst sich durch alle Schutzmauern und Gebäudeschichten. Er tritt aus und verseucht das Grundwasser. Der Katastrophenschutz löst den Katastrophenalarm aus. Meteorologen versuchen, anhand der Wetterverhältnisse den Verlauf der radioaktiven Wolke zu berechnen. Die gesamte Bevölkerung wird unterrichtet. Darmstadt und Worms werden sofort komplett evakuiert, ebenso alle anderen Städte und Dörfer innerhalb des 25-Kilometerradius' rund um Biblis. Der Rest der Bevölkerung wird dazu aufgefordert, sich in Gebäuden aufzuhalten und Jodtabletten einzunehmen, die die Ablagerung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse verhindern sollen. Die Bewohner und Einsatzkräfte der kontaminierten Zone werden nach dem Verlassen der Zone dekontaminiert und in Notunterkünften untergebracht. Vor frisch geernteten Lebensmitteln und Wasser aus ganz Europa wird gewarnt, der Verkehr in Deutschland wird eingeschränkt.
Sechs Stunden nach der Kernschmelze:
Je nach Wetterlage bewegt sich der heiße Teil der radioaktiven Wolke weiter. In nur fünf Stunden nach der Kernschmelze fliegt sie etwa bei einer typischen Winterwetterlage in südöstlicher Richtung über den Odenwald hinweg. Der kühlere Teil wird von Süd-Nordwinden erfasst und bewegt sich in Richtung am Main. Je nach Dosisrichtwert müssten Gebiete in bis zu 200 bis 300 Kilometer sofort evakuiert werden, auf jeden Fall Darmstadt, Rüsselsheim, Frankfurt am Main, Offenbach und Rothenburg ob der Tauber.
24 Stunden nach der Kernschmelze:
Weitere Gebiete müssen evakuiert werden. In einem Bereich von Würzburg, Nürnberg über Regensburg und dem tschechischen Budweis bis kurz vor Wien muss umgesiedelt werden. Die Zahl der direkten Toten bleibt zum Glück gering. Bei einer starken Aussetzung radioaktiver Strahlung kommt es voraussichtlich zu nur vier Toten auf etwas mehr als eine Million Menschen, einzig deswegen, weil es nicht regnet. Die Behörden fordern die Menschen auf, Fenster und Türen weiterhin geschlossen zu halten. Die Börse crasht.
Eine Woche nach der Kernschmelze:
Der Handel mit Lebensmitteln aus ganz Europa wird streng reglementiert. Die meisten Menschen bleiben zuhause, das öffentliche Leben in den Gebieten mit erhöhten radioaktiven Werten ist zum Erliegen gekommen. Theater, Kinos, Geschäfte sind verwaist, die wirtschaftlichen Folgekosten reichen bereits jetzt in Milliardenhöhe. Die drei Zonen rund um das Kernkraftwerk werden zum verbotenen Gebiet erklärt, alle anderen Kernkraftwerke werden abgeschaltet.
Ein Monat nach der Kernschmelze:
Der Bundestag beschließt den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie. Die Ernte vieler deutscher und europäischer Bauern wird vernichtet, Millionen von Hühnern, Schweinen und Rindern getötet. Eine schwere Krise der Lebensmittelindustrie deutet sich an, die sich vom Großhandel über Supermärkte und Discounter bis hin zum biologischen Anbau erstreckt. Der Kern in Biblis wird mit einem Stahlmantel überzogen.
Ein Jahr nach der Kernschmelze:
Die Umsiedlungen aus den betroffenen Gebieten werden den deutschen Staatshaushalt auf Jahrzehnte hinaus belasten. Fünf bis zehn Prozent aller Menschen, die sich in einem Gebiet befanden, über dem die Wolke vorbeizog, erkranken in den folgenden Jahrzehnten an einer tödlichen Form von Krebs.
20 Jahre nach der Kernschmelze:
Obwohl es noch gesundheitliche Schäden nach sich ziehen kann, dort zu leben, wird die 25-Kilometerzone rund um das Kernkraftwerk zu einem beliebten touristischen Ziel. Menschen, die als Kinder zu dem Zeitpunkt der Kernschmelze draußen spielten, erkranken immer noch überdurchschnittlich häufig an Schilddrüsenkrebs.



















Kommentare (14)
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Eva Daniela
überzeugter Fernsehmuffel
Eva Daniela
schrieb am 05.06.2008 um 23:05Ich habe jetzt schon 2 mal die Sperrzonen östlich von Gomel in Weißrussland besucht und im Herbst werde ich wieder fahren. Denn die Menschen die dort leben, vor allem die Kinder, brauchen immer noch unsere Unterstützung. Auch wenn das die Regierung nicht gerne zugibt. Aber sag mir, welches Land würde ein solches Szenario finanziell stemmen können?
Ich habe die Friedhöfe um Gomel herum gesehen, die Inschriften zeigen verdammt oft Jahreszahlen zwischen 1950 und 1970. Menschen, denen wegen den Folgen von Tschernobyl nur ein kurzes Leben vergönnt war.
Ich kann dem Vorschlag von Kai nur zustimmen
"Alle Atom-Freunde sollten man jetzt schon umsiedeln - in die unmittelbare Nahe von AKWs, Gorleben und Wismut"
Axel Lankuttis
wissbegieriger Radfahrer
Axel Lankuttis
schrieb am 02.05.2008 um 19:59Kommentar schreiben
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