Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Im Interview

Warum Anfangen so schwer ist


Herr Linz, wenn Sie zu einer Sportmannschaft kommen und sagen: Achtet mal auf eure Psyche, reflektiert eure Handlungen. Wie reagieren da Profisportler?
Da gibt es ein ganzes Spektrum an Reaktionen. Das hängt von der Sportart ab. Sagen wir so: Fußballer sind nicht immer begeistert.

Mögen Sie eigentlich den Ausdruck „Motivationspsychologe“? Klingt ein bisschen nach dubiosen Wirtschaftsgurus und Existenzen am Rande des Nervenzusammenbruchs ...
Die Typen, die vorne auf der Bühne stehen und sagen: „Reiß dich zusammen, du schaffst es!“ nennen sich ja zum Glück „Motivationstrainer“. Solange das Wort Psychologie mit in der Bezeichnung ist, bin ich einverstanden.

‚Reiß dich zusammen, du schaffst es!’ oder ‚Du musst nur an dich glauben, dann wird alles gut’ oder ‚Wenn wir alle am einem Strang ziehen, können wir die Welt noch retten!’. Was ist eigentlich so falsch daran?
Es reduziert! Es ist lebensfern und stimmt einfach nicht. Glaube allein hilft nicht. Wenn es so einfach wäre, würden überall nur glückliche Menschen herumlaufen, und Probleme wären im Handumdrehen gelöst. Man kann mit der Einstellung vielleicht eine schnelle Euphorisierung seiner Zuhörer erreichen, aber der Effekt ist auch ganz schnell wieder vorbei. Die negativen Seiten darf man nicht ignorieren. Wissen Sie, im Sport ist die Niederlage ein ganz wichtiges Element. Und im Umweltschutz sollte man sich auch daran gewöhnen, dass es auch weiterhin viel Mist in der Welt geben wird. Man wird nicht viel ändern können, nur weil man besonders fest an etwas glaubt.

Das klingt jetzt aber ein wenig ernüchternd.

Nein, eher realistisch. Es ist doch so: Die Perspektive muss immer eine langfristige sein. Inklusive der Rückschläge.

Den Lektionen fürs Leben...
Ja, natürlich. Sport ist nur ein Brennglas des Lebens, in dem der Leistungsaspekt noch einmal besonders beleuchtet wird. Aber im Sport und auch in anderen Dingen ist es doch so: Kontinuität ist alles. Ich muss eine Nachhaltigkeit erwirken. Es geht nie darum, kurzfristig große Effekte zu erzielen, sondern lieber in kleinen Schritten voranzuschreiten, sich Stück für Stück vorwärts zu arbeiten – und sein Niveau zu halten. Sie müssen wissen: Die menschliche Psyche ist träge, wenn es um Veränderungen geht.

Schritt für Schritt ist ja schön und gut. Da gibt es nur ein Problem: Der erste Schritt ist bekanntlich immer der schwierigste ...
Ist der erste Schritt wirklich immer der schwierigste? Den Entschluss zu fassen, etwas zu tun – und das ist für mich immer der erste Schritt – ist doch eine längere Erkenntnis. Das muss reifen. Aber wenn man einmal die Gewissheit erlangt hat, dass sich etwas ändern muss, ist der erste Schritt doch eigentlich ein Kinderspiel. Zum Beispiel beim Rauchen. Aufhören ist ziemlich leicht. Die Frage ist nur, wie lange man durchhält. Gerade bei wichtigen Entscheidungen ist nicht der erste Schritt der schwierigste, sondern der siebzehnte oder der vierunddreißigste.

Womit wir wieder beim Thema Nachhaltigkeit wären...
Genau. Wenn man die erste Schwelle überwunden hat, treten die ersten Veränderungen immer ganz schnell ein. Allein die Tatsache, dass sich etwas in meinem Leben oder in meinem Verhalten verändert, führt zu einer regelrechten Euphorie. Aber dieser Effekt verblasst ja nach einer Weile - wenn der Alltag wieder zurückkommt. Das ist wie bei der Liebe. Erst ist alles prima, später kommen die Probleme. Und dann ist es viel schwieriger, dran zu bleiben.

Das heißt, im Supermarkt sollte ich gar nicht erst über den Kaffee im Sonderangebot nachdenken, sondern immer gleich zum Fair-Trade-Kaffee greifen, auch beim siebzehnten oder vierunddreißigsten Mal, wenn ich davor stehe und die Preise vergleiche?

Generell: Das Leben findet nun einmal in der Unmittelbarkeit statt. Immer in diesem Augenblick. Wenn ich etwas verändern will, warum soll ich dann meine Ideale ständig verschieben? Pläne, Ziele und Strategien sind wichtig – aber immer nur dann, wenn sie auch umgesetzt werden. Es gibt eigentlich keinen Grund, erst „morgen“ anzufangen. Allerdings gibt es ein entscheidendes Problem: Die Gefahr der Strenge.

Die Gefahr der Strenge?
Ja. Das bedeutet: Ich darf nie so weit gehen, dass eine Absolutheit mein Handeln diktiert.

Also doch ab und zu der Billig-Kaffee?
Ein einfaches Beispiel: Ich hatte einmal eine Klientin, die wollte es schaffen, regelmäßig zu laufen. Wir haben dann einen Plan gemacht, zwei Mal die Woche steigernd zu laufen. Dann haben wir allerdings auch einen Joker eingeführt: Einmal im Monat durfte sie sich frei nehmen – wann sie wollte. Es ist doch so: Jede Regel braucht eine Ausnahme. Sonst ist es keine Regel, sondern ein Dogma. Und ein Dogma ist schädlich, weil es starr ist und mich erdrückt. Und das ist beim umweltgerechten Verhalten ja genau das Gleiche. Ökologisch korrektes Veralten ist etwas Positives, macht sogar Spaß – solange es mich nicht erdrückt. Man muss sich Freiräume lassen. Entscheidend ist nur, dass der Freiraum nicht zur Regel wird. Die Ausnahme muss die Ausnahme bleiben und die Regel die Regel.

Wie wichtig sind äußere Anstöße bei Veränderungen?

Sehr wichtig. Äußere Einflüsse sind oft der Anlass für Veränderungen. Ein Ereignis, das mich zum Nachdenken bringt. Der Partner, der einen verlässt, Krankheiten ...

Der Klimawandel...

Genau! Das ist so ein Wachrüttler. Aber das muss nicht einmal negativ sein. Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Reise gemacht oder waren im Zoo und haben einen Eisbären gesehen. Und plötzlich haben Sie gemerkt, dass der Klimawandel dieses Wesen ja in seiner Existenz bedroht. So banal kann es manchmal sein. Aber Sie bekommen plötzlich ein Bewusstsein für die Thematik.

Wenn ich mich ökologisch sinnvoll ernähren will, sollte ich als erstes meinen Kühlschrank ausmisten und aussortieren. Dann sehe ich sofort den Effekt meiner Handlung – nämlich einen kleinen Haufen mit den korrekten Lebensmitteln. Und einen großen Haufen Schrott. Richtig?

Ja. Und dann sollten Sie von Anfang an die Ausnahmen einbauen. Zum Beispiel die Avocado aus Südafrika mit auf den kleinen Haufen legen. Oder die italienische Pasta, weil die einfach viel besser schmeckt als unsere deutschen Birkelnudeln. Die Ausnahme muss ja nicht unbedingt nur die Avocado sein oder die Pasta. Sie können sich auch eine Regel machen, dass Sie bei jedem Einkauf fünf, zehn, zwanzig oder von mir aus achtzig Prozent des Geldes völlig unökologisch ausgeben. Je nachdem, wo Sie starten. Sie versuchen sich sukzessive zu ändern – und da, wo es zur Gewohnheit wird, können Sie sich Schritt für Schritt steigern.

Wir können unseren ökologischen Alltag also ruhig etwas sportlich sehen? Als eine Herausforderung?
Klar. Herausforderungen machen Spaß. Man kann sich anschließend auf die Schulter klopfen, sich gut fühlen – und tatsächlich real etwas davon haben. Nur zu sagen ‚Ich bin moralisch besser als die anderen’ reicht nicht ein Leben lang. Ich muss ja auch einen realen Profit für mich sehen. Weil Ihnen das Biogemüse viel besser schmeckt. Oder etwas anderes. Ich genieße es zum Beispiel, zum Biostand auf dem Markt zu gehen. Das ist für mich ein sinnliches Erlebnis. Ich könnte Bio-Waren auch woanders kaufen, aber ich gehe lieber auf den Markt an einen Stand. Es ist also für mich eine Belohnung – und ich habe Biogemüse gegessen. Wenn Sie etwas dauerhaft verändern wollen, muss es angenehm und schön sein. Der Verzicht und das Weniger sind einfach keine guten Argumente.



Foto: Philippe Stalla


Lothar Linz
wurde 1965 in Aachen geboren, groß geworden ist er in Leverkusen („Wie man da landet? Durch die Eltern. Da kann man doch freiwillig nicht hingehen!“), heute wohnt er in Bergisch Gladbach. Der Diplom-Psychologe hat an den Universitäten Hagen und Bochum geforscht, unter anderem im Fach Umweltpsychologie. Dann arbeitete er als Therapeut, bevor er sich auf die Sportpsychologie spezialisierte, in der Fußballabteilung von Bayer Leverkusen arbeitete, die Hockey-Männer zum Weltmeistertitel, und in diesem Jahr auch die Damen-Hockeynationalmannschaft überraschend zur Europameisterschaft begleitete. Der 42-Jährige gilt als einer der renommiertesten Sportpsychologen Deutschlands.



Stand: 22.04.2008 von

Kommentare (6)   abonnieren

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    schrieb am 12.11.2007 um 19:04
    Das Gespräch klingt mir ein bisschen zu sehr nach "Spaß-Gesellschaft".
    Bananen schmecken mir beispielsweise sehr, ich muss aber nicht jeden Tag eine essen. Sie nicht zu essen, würde ich nicht unbedingt mit "Freude" gleichsetzen - meine Motivation ist meist eher eine ethische. Es ist sinnvoller, X nicht zu tun - aber nicht unbedingt "spaßig" - und so entscheide ich mich gegen X.
    „Wenn ich mich ökologisch sinnvoll ernähren will, sollte ich als erstes meinen Kühlschrank ausmisten und aussortieren. Dann sehe ich sofort den Effekt meiner Handlung“ - gibt es dazu auch praktische Beispiele?
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    schrieb am 13.11.2007 um 15:17
    Den Menschen von seinem langfristig perspektivischen Denken ... das könnte man, das sollte man "mal" machen ... hin zur Verantwortung des Augenblick zu führen, das ist eine der zentralen und wichtigen Aussagen dieses Beitrags.
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    schrieb am 16.11.2007 um 12:05
    Für mich als bereits "Überzeugte" klingen viele der Aussagen in dem Artikel doch sehr nach pauschalem Psychologen-Gewäsch. Aber im Grunde ist es schon so: wenn man die große Masse überzeugen will, darf der Spaß eben nicht zu kurz kommen! Dann können egoistische Motive wie Gesundheit, Geschmack, Geruch, ein tolles Einkaufserlebnis etc. Otto-Normalverbraucher zum Anfangen bringen. Moralpredikten, Wertevermittlung und gute Vorsätze helfen da gar nicht! Ein Beispiel: ich werde es nie und nimmer schaffen, einen Fleischfan von der vegetarischen Lebensweise zu begeistern, wenn ich ihm nur rohe Möhren vorsetze :-)
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    schrieb am 19.11.2007 um 19:46
    Ja doch, bei aller berechtigten Kritik der vorhergehenden Kommentare finde ich es nett, das Thema Umweltschutz einmal sportlich zu betrachten.
    Es hat einen gewissen Reiz, seine Stromrechnung nach und nach zu drücken (wenn auch aufgrund der steigenden Preise derzeit ein echtes Husarenstück!).
    Ich finde, dies ist eine echte und lohnende Herausforderung, mit der man seinen Kopf anstrengen kann und seiner Kreativität freien Lauf lassen kann.
    Ob man es mag oder nicht: Als Hardcore- Umweltschützer hat man glaube ich oft nicht so eine positiv ausstrahlende Wirkung wie man es sich wünscht, weil viel zu viele Leute einen dann nur in die Spinnerecke drücken und sich kaum inhaltlich mit den Anliegen auseinandersetzen.
    Ich meine, es geht darum, möglchst viele Leute für "unsere"- darf ich das so sagen?- Themen zu interessieren. Die Werbung der Deutschen Bahn für das 25 €- Ticket finde ich z.B. sehr gelungen.
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    schrieb am 05.12.2007 um 10:45
    ... so sehe ich das auch. Man kann sich zwingen etwas nicht zutun, wenn es im Endeffekt, wie im Artikel steht, keinen Spass macht.
    Ich bin der Meinung, wenn man etwas, egal was, Stück für stück macht, merkt man das es Spass machen kann.
    War auch mit meinem Krafttraining so. Ich habe nur angefangen um mein kaputtes Schlüsselbein wieder zu stäken und nun habe ich Spass daran gefunden und mach das 3x die Woche :)
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    schrieb am 11.05.2008 um 21:59
    Alles gut und schön,Alles ein bisschen überzogen,man sollte mehr "Bauchgefühl"verwenden als auf all die Gurus und Motivationspyschologen zu hören.Spass muss eh immer dabei sein und wenn man etwas gerne macht gelingt es auch,da braucht man kein Traning.Bleibt geerdet .
    Fritz
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