Lucia Reisch im Interview

Wandel nach Fukushima: Ängste, Trends und die Macht der (Vor-)Bilder


Fukushima – die Macht der Bilder

 

Utopia: Umfragen zu Folge ist die Mehrheit der Deutschen gegen Atomkraft, aber nur etwa acht Prozent der Haushalte beziehen Ökostrom. Jetzt – mit der  Atomkatastrophe in Japan – nehmen die Menschen die Möglichkeit wahr, mit einem Wechsel zu Ökostrom gegen Atomkraft zu stimmen. Warum braucht es solche Ereignisse zum Umdenken?

Prof. Lucia Reisch: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und wenn da nicht heftige Einschläge kommen, ändert sich nichts. Das ist wie bei der Gesundheit. Jeder weiß, was ist gesund, was ist ungesund – trotzdem haben die meisten Menschen einen furchtbar ungesunden Lebensstil. Erst wenn, der Arzt sagt „Wenn Sie jetzt nichts ändern ...“, dann passiert etwas.

Der Mensch ist nicht auf ein fluides, wechselhaftes Verhalten ausgerichtet. Wir brauchen Routine, wir können uns nicht ständig grundsätzlich neu entscheiden. Zum Umdenken braucht es eine Mischung aus einer entsprechenden Motivation – die zurzeit bestimmt auch da ist, aber auch bald wieder abflachen wird – und leicht zugänglichen Alternativen. Der Ökostromwechsel erfüllt diese Vorrausetzungen. Aber viele Menschen glauben mit Ökostrom teurer weg zu kommen [Ökostrom-Anbieter sind meistens nicht teurer als die gängigen konventionellen Stromanbieter, Anmerkung d. Redaktion].  Und der Preis ist natürlich nach wie vor meist das schlagende Argument.


Was genau motiviert uns im Fall von Fukushima? Die Macht der Bilder?

L.R.: Absolut. Einen brennenden Reaktor gab es zwar schon vor 25 Jahren, aber bei Fukushima  ist es nicht „so ein blödes russisches Werk“ – wie man damals sagte, sondern eines aus der Technologie-Nation Japan.


Und warum wird diese Motivation schon bald wieder verschwunden sein?

L.R.: Zum Normalzustand zurückkehren – das ist eine richtige und wichtige Strategie der menschlichen Psyche, ohne die wir ständig in Aufregung versetzt wären. Wir brauchen das Normale, wir brauchen das Beruhigende, wir brauchen auch das Unter-den-Teppich-kehren und das In-die-Ecke-Stellen. Dennoch schaffen es Ängste, die bei Ereignissen wie Fukushima entstehen, die Einstellungen von Menschen zu ändern. Viel schwieriger ist dagegen, eine Änderung im Verhalten, die braucht Zeit.

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Ausstellung "Café Endlager"

„Strom ist ein unsichtbarer Konsumbereich“

 

Wie schaffen wir es, dass nachhaltiger Konsum tatsächlich zur Norm wird?

L.R.: Das halte ich für einen zwangsläufigen Trend – eine Entwicklung, in eine positive Richtung. Zurzeit ist er zwar nur auf ganz niedrigem Niveau  festzustellen, aber er wächst. In einigen Konsum-Bereichen geht das schneller. Zum Beispiel bei der Nahrung, weil es auch um gesundheitliche Aspekte geht. In weniger offensichtlichen, wenig diskutierten Bereichen dauert das länger, zum Beispiel bei Geldanlagen. Trends brauchen Zeit.

Wenn die Wechselwelle weitergeht, wird Ökostrom zum Trend. Was hat die Leute letzten Herbst, als die Bundesregierung die Laufzeiten für Atomkraftwerke verlängert hat, daran gehindert, zu Ökostrom zu wechseln?

L.R.: Strom ist ein unsichtbarer Konsumbereich, den man gut verstecken kann. Niemand wird rauskriegen, dass man heimlich den billigsten konventionellen Strom bezieht. In den sichtbaren Bereichen halten sich viele Leute dann an den aktuellen Trend, auch wenn das etwas teuer ist, wie zum Beispiel Bio-Essen und nachhaltige Mode.

Gegenbeispiel: das Auto ist vollkommen im sichtbaren Bereich, es gilt als Prestigeobjekt. Jeder weiß, dass Autos massiv die Umwelt belasten, trotzdem ist der Trend extrem unvernünftig: SUVs säumen die Straßen, der Porsche Cayenne ist ein Verkaufsschlager. Was müsste passieren, dass bei Autos eine Trendwende stattfindet?

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    csilla
    schrieb am 29.03.2011 um 13:30
    Guter Artikel! Die 10 % Prozent mehr nachhaltiges Handeln pro Person wären wirklich schon schön und vor allem sind sie nicht so unrealistisch und lassen den einzelnen Konsumenten nicht so machtlos vor dem großen Problem stehen. Man muss doch einfach mal sagen: Mensch, sei gütig zu dir selbst,...
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    Berthild Lorenz
    schrieb am 27.03.2011 um 13:12
    "L.R.: Strom ist ein unsichtbarer Konsumbereich, den man gut verstecken kann. Niemand wird rauskriegen, dass man heimlich den billigsten konventionellen Strom bezieht. In den sichtbaren Bereichen halten sich viele Leute dann an den aktuellen Trend, auch wenn das etwas teuer ist, wie zum Beispiel...
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