Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Video

BMW Concept - wenn Mönche träumen



Stellen Sie sich vor, wir schrieben das Jahr 2009. Wir hätten furchtbare Dinge erlebt, zum Beispiel Kriege um fossile Rohstoffe. Oder Terroranschläge als Resultat aus diesen Kriegen. Oder Hunger und Armut auf der ganzen Welt, weil wir es einfach nicht schaffen, die Ressourcen und deren Erträge gerecht zu verteilen. Stellen Sie sich außerdem vor, wir, die wir es uns leisten können, führen noch immer mit gigantischen Autos durch die Gegend, die so viel wiegen wie ein Walfisch und mit Feuer betrieben werden. Mit Feuer! Sie wissen schon, dieses helle, flackerige, heiße Zeug, mit dem wir erst vor 300 000 Jahren angefangen haben unsere Höhlen zu heizen.
 
Unvorstellbar, denken Sie jetzt vielleicht. Natürlich nur, wenn Sie hinterm Mond leben, was Sie nicht tun, im Gegenteil. Sie sind informiert und kennen sich aus. Darum wissen Sie auch, dass der Konjunktiv im oberen Absatz völliger Schwachsinn ist, denn er beschreibt die Realität, wie wir sie kennen. Auch die Entwicklungsabteilung von BMW arbeitet in dieser Realität, obwohl berechtigte Zweifel daran aufkommen, wenn man sich den Videoclip "BMW Concept" ansieht.


Hier entsteht der Eindruck, dass BMW weit entfernt ist von der Realität. So wie Zen-Mönche in der Abgeschiedenheit eines kargen Klosters im Himalaya. Oder Medizinmänner, die "N'tokki Tokki, der Baum, der sich im Kreise dreht" heißen und einflussreiche Mitglieder abgefahrener Naturvölker sind. Betäubt von bewusstseinserweiternden Kräutermischungen aus dem Wald.
 
In der BMW-Entwicklungsabteilung - so scheint es - haben die Experten entweder einen ganz schwer zu greifenden, intellektuell stark verdrehten Humor mit dem exklusiven Charme bayrischer Ingenieurkunst, oder aber: Sie sind noch weiter draußen im spirituellen Acid-Kosmos als der Medizinmann N'tokki Tokki (der Baum, der sich im Kreise dreht).

Hauptsache Konzept
 
Im Video schauen wir einem ausgesprochen geschickten Zeichner bei der Arbeit zu. Hier wird die Ideenfindung ("So ein Auto zu planen, ist echt ganz schön schwierig") mit dem Stilmittel der Skizze illustriert, weil das so ein Flair von Konzeption und Design versprüht. Der Betrachter spürt förmlich die colanieske Verve, die diese Hand zu führen scheint.

In Zeiten wie diesen bittet sich die Automobilindustrie schon mal etwas Rücksicht aus. "Kommt schon, Leute", raunt sie uns mit zickiger, gereizter Stimme zu. "Jetzt seid mal nicht solche Miesmacher. Ich hab's schließlich auch nicht so leicht. Ihr fordert und fordert, und ich muss es dann immer richten. Von euch kommt nie mal was. Deswegen zeig ich euch jetzt mal, wie kompliziert das alles ist mit so einem Auto." Und dann holt sie, die Industrie, zu einer Art pädagogischem Rundumschlag aus, indem sie uns, den konsumgeilen Hedonisten mit den Golfschlägern unterm Himmelbett, einfach mal knallhart den Spiegel vorhält.
 
Es ist nämlich so, dass WIR daran schuld sind, dass Firmen wie BMW immer so große Autos bauen müssen! Das liegt an den Herausforderungen des modernen, urbanen Lebens: Wir müssen die Zeitung auf der einen Straßenseite kaufen, und den Soja-Latte-Decafocchino auf der anderen. Später müssen Charlotte-Marie und Leon-Dorian von der KiTa abgeholt werden (aber bloß nicht mit dem Fahrrad - viel zu gefährlich!). Dann schnell was einkaufen, denn Svetlana hat heute nur bis nachmittags Zeit. Dann noch eine Runde Golf, und am Wochenende raus ins Häuschen am See, bisschen surfen und so. Raus in "die Natur", die wir so lieben. Wie sollen wir das nur alles schaffen?

Unsere beste Freundin, die Autoindustrie, legt dem geplagten Geist indes ihre großen warmen Hände auf die Schulter und flüstert beruhigend: "Mach dir keine Sorgen - ich helf dir." - Indem sie uns ein Auto beschert, das endlich groß genug ist, dass auch unser heiß geliebtes Surfbrett reinpasst, das neuner Eisen, die plagende Brut, der Vorratskauf vom Lidl, die Schwiegermutter, die japanischen Geschäftsfreunde (alle), und das alles mit ganz viel Rundumsicht und einem Maximum an Sicherheit und Komfort. Und Style natürlich.

Und jetzt der Clou: Es gibt eine kleine UND eine große Kofferraumklappe! Wenn das mal keine Innovation ist. Oh Deutschland, du Land der Ideen. Wann kehrst du endlich in die Realität zurück?


BMWwebTV via Youtube

 

Stand: 28.04.2009 von

Kommentare (9)   abonnieren

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    schrieb am 28.04.2009 um 18:51
    Sehr schöner Artikel - dafür gebe ich gerne 5 Punkte!
    Für den Schwachsinn, den BMW - und die entsprechenden Kunden, wie so großartig beschrieben - da verzapfen, gibts 0 Punkte.
    Herzlicher Gruß
    KaDe
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    schrieb am 29.04.2009 um 12:13
    Hallo Henrik!

    Ein sehr guter Bericht zum Thema Premiummarken. Ich denke, die haben noch nicht kapiert das der Trend in eine andere Richtung geht. Die Fahrzeugauswahl im Zuge der Abwrackprämie zeigt doch eindeutig, dass die Themen Spritverbrauch und Umweltschutz an Wertigkeit gewinnen. Und da werden nicht nur Kleinwagen gegen Kleinwagen eingetauscht. Von den Anschaffungskosten für ein Premiummodell mal ganz zu schweigen. Die Werbung zielt jetzt auf Emotionen ab, auf alte Beuteschemata. Wirtschaftskrise hin oder her, diese Hersteller werden langfristig Schwierigkeiten bekommen, da sich die Einstellung eines erkläglichen Anteils der Verbraucher ändert.
    Die sollten mal weniger tradierte Zielgruppenmuster hernehmen und mehr dem Verbraucher zuhören.

    Schönen Gruss

    Raoul Haagen
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    schrieb am 29.04.2009 um 19:45
    Irgendwelche Nobelkarren wird es wohl immer geben. Obwohl ich das Image von BMW für nicht zukunftstauglich halte (Ich bin ja ach so sportlich, indem ich meine Wampe in einen BMW hieve und super doll aufs Gaspedal drücke), sind diese Autos vielleicht noch das kleinere Übel, und haben tatsächlich noch soetwas wie Nutzwert, wenn man sie mit anderen vergleicht (irgendwelche Bentley-protzkarren zB) .

    Die beschriebenen Probleme, mit denen sich die Oberschicht anscheinend herumplagt bleiben natürlich ein Rätsel ...

    Letztens konnte ich mir zum Thema auf heise.de (kennt ihr schon TELEPOLIS und TECHNOLOGY REVIEW? - genial!!) ein kurzes Wortgefecht mit einem gut situierten Auto-fanaten nicht verkneifen:

    http://www.heise.de/autos/foren/S-Gratulation/forum-156926/msg-16564867/read/

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    schrieb am 29.04.2009 um 20:53
    Super Artikel!!!

    Witzig ist, dass das Video nur auf zwei Aspekte eines Autos eingeht: Der komfortable Raum und ... ja was eigentlich noch? Hat ein Automobil, dass seit über 100 Jahren über die Straßen der Erde fährt, nicht mehr zu bieten? Bei BMW jedenfalls nicht!
    Keine Rede von leichten, spritsparenden, sicheren, günstigen, durchdachten, schicken Autos.

    "Nothing to be seen, smelled or heard." … HEARD???
    Spätestens hier wird klar, dass Mafiosi oder Tierschmuggler auch eine Zielgruppe sein können.

    Traurig ist, dass nicht nur in den Köpfen der oberen Klasse beim Autokauf umweltverträgliche Fahrzeuge weniger wichtig sind, als PS, Platz und protziges zur Schau stellen. Ein Cayenne macht halt viel mehr her, als ein kleiner Prius. In den Köpfen muss sich was ändern...

    LG, Melfore
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    schrieb am 29.07.2009 um 14:52
    Na, dann verpass' ihm doch einen Lesenwert-Punkt... ;-))
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    schrieb am 30.04.2009 um 06:59
    Endlich mal jemand der Mut hat ein deutsches (oder muss ich sages bayrisches) Statussymbol kritisch zu betrachten. Guter Artikel. Ich hoffe, dass die Männer aus München dies als Anstoss zum erneuten Denken nehmen, denn der Anfang war ja wohl nicht verkehrt - nur leider in die falsche Richtung gedacht.
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    schrieb am 30.04.2009 um 16:26
    Ich frage mich in was für eine Realität Deutschland zurückkehren soll. Eine Realität in der es offensichtlich keinen Platz für die Realität der Zen Mönche gibt. Die wollen ja mit ihren Zen-Übungen nix anderes als den Menschen in Kontakt mit der Realität zu bringen. Eine Realität jenseits aller Ideologie.
    Und die Aussage, unsere Lebenswelt ist "realer" als die der Zen Mönche ist schon ein bisschen ideologisch verbrämt, oder?
    Ich würde mir für unsere Zukunft weniger ideologische Grabenkämpfe, als vielmehr an Notwendigkeiten ausgerichetes Handeln wünschen.
    Die Naturvölker jedenfalls müssen ihren Lebensstil nicht ändern, die haben sich nicht zuviel vom Kuchen abgeschnitten.
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    schrieb am 29.07.2009 um 14:23
    Immerhin steigt BMW aus der Formel 1 aus.
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    schrieb am 29.07.2009 um 14:50
    Hihi, köstlich... Die deutsche Autoindustrie im weltentrückten Tiefschlaf.
    Wie kriegen wir die bloß wach …?

    Henrik, Du hast wieder mal den Nagel auf den Kopf getroffen ;-))

    Danke und liebe Grüße
    Hans-Werner
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