Utopistin Regina Oswald im Interview

„Essen hat einen viel zu geringen Stellenwert“


Utopia: Sie vertreiben Bio-Spezialitäten aus den Bergen. Was treibt Sie an?

Maria_L: Da gibt es viele Beweggründe – neben dem, daß mein Partner und ich seit 15 Jahren selbst haupsächlich Bio-Lebenmittel kaufen. Im Urlaub in den Alpen sind uns immer wieder verlassene Bergdörfer aufgefallen oder solche, wo nur noch ein paar alte Leute leben.

Und gleichzeitig haben wir vor Ort die leckeren Berg-Produkte gekauft, die nach alten Rezepten hergestellt wurden. Da hat uns dann immer wieder die Frage umgetrieben, wie man diese Produkte so vermarkten könnte, daß die Leute wieder eine Chance haben, in ihren Dörfern zu leben. So ist dann die Idee zu unserer Firma Berggenuss entstanden.

Uns liegt sehr am Herzen, die kleinen handwerklichen Betriebe und die kleinräumige biologische Berg- Landwirtschaft mit ihrer Artenvielfalt zu stärken. Wir sind immer wieder beeindruckt, über den Ideenreichtum bei der Vermarktung und das herrausragende Engagement dieser Betriebe, das weit über das hinausgeht, was die Bio-Zertifizierung verlangt. Da werden besonders hohe Umweltauflagen erfüllt, es werden Milchbauern besser bezahlt, die ihren Kühen die Hörner lassen und es entstehen soziale Projekte, die Arbeitsplätze schaffen.

Und dann treibt an, daß wir fast täglich erleben, wie kleine Naturkostläden schließen müssen. Kürzlich erst der Hoflanden, wo wir selbst jahrelang unseren Bedarf gedeckt haben. Das ist für uns hier auf dem Land richtig schmerzhaft, wo solche Läden inzwischen zum Teil die Funktion des Nahversorgers übernommen haben.

Wenn Naturkostfachgeschäfte vorwiegend das gleiche Sortiment haben, wie der große Bio-Supermarkt oder der Lebensmittel-Einzelhandel in der Bio-Abteilung, dann können sie mit den Preisen nicht konkurrieren. Die Chance für solche Läden sehen wir in der Kombination gute Beratung plus Profilierung durch ein besonderes Sortiment – zusätzlich zum normalen Standard-Alltags-Sortiment.

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Als Anhängerin der Slow-Food-Bewegung: Wo sehen Sie die Stärken von „Slow Food“?

M.L.: Slow Food versteht sich als Förderer regionaler Qualitäts-Produktion. Zum Beispiel hat sich Slow Food sehr stark um den Erhalt der Rohmilchkäse bemüht. Es gibt den Genussführer (auch im Internet), wo besondere regionale Spezialitäten oder alte, robsuste Tierrassen publiziert werden. Es werden Restaurants vorgestellt, die mit frischen (Bio-)Produkten aus der Region kochen- und zwar erschwinglich für jedermann.

Slow Food versteht sich als Lobby für Geschmack. Das klingt erst mal etwas elitär. Ist aber in Wirklichkeit unwahrscheinlich wichtig, wenn es zum Beispiel um Geschmacks-Schulung bei Kindern geht. Die heutigen Kids wissen zum Teil gar nicht mehr, wie eine bestimmte Frucht schmeckt, weil sie nur noch deren künstliches Aroma oder Speisen mit Geschmacksverstärker kennen. Um solche Werte macht sich Slow Food immer wieder stark. Deswegen verstehen wir unsere Fördermitgliedschaft bei Slow Food sozusagen als Kür zusätzlich zur Bio-Zertifizierung.

Sehen Sie eine Chance, dass Deutschland sich von einer Billig-Esser-Nation zu einer Slow-Food-Nation entwickelt?

M.L.: Wenn man die Entwicklung der letzten Jahre betrachtet und beispielsweise die einschlägigen Vorträge auf der Biofach zum Thema verfolgt, dann muß man sagen, daß die Chance verschwindend gering ist. Das Essen nimmt nach wie vor einen geringen Stellenwert ein. Die Eßkultur in den Restaurants ist so niedrig, daß Bio-Restaurants kaum Nachwuchskräfte finden, die noch kochen können ohne die diversen Hilfsmittel, die im Bio-Bereich nicht zugelassen sind. Die können alle nur noch mit Rührbesen, Meßbecher und Schwere für die Tüten umgehen, hat ein Koch erklärt.

Es muß ja auch nicht gleich die ganze Nation Slow Food essen. Wichtig ist, aufzeigen: Es geht auch anders und bewußtes Essen hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern nur mit einer gewissen Werte-Verschiebung. Und das ganze Wissen um naturbelassene Lebensmittel darf nicht verloren gehen.

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    Bubensteyn
    schrieb am 23.03.2012 um 07:17
    Das ist wirklich ein guter Weg. Je mehr Menschen wie Du hier ein Vorbild abgeben, desto überzeugender wirkt die Utopie „Nachhaltigkeit“.
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    Polarnacht
    schrieb am 22.03.2012 um 14:49
    Ich weiß gerade überhaupt nicht, was ich sagen soll, das Interview hat mich wirklich berührt und ich finde es wunderbar zu lesen, wie glücklich man doch mit einem ganz "einfachen" Lebensstil sein kann. Danke. Sonnige Grüße von einer Sprachlosen, die angespornt ist, noch mehr in ihrem Leben zu...
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