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Von Peter Unfried
Sind die Bürgerbewegungen dieser Tage der Anfang von etwas Gutem oder verschärfen sie die Krise der repräsentativen Demokratie? Für die Einen sind die Leute, die in diesen Tagen gegen das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21, gegen die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und anderes protestieren, entweder "Berufsdemonstranten" oder wohlstandsverwöhnte, saturierte "Wutbürger", die sich aus selbstsüchtigen Motiven gegen Veränderung zum Wohle der Gesellschaft von morgen stemmen - und dabei demokratische Entscheidungen mißachten. Für die anderen sind es "Mutbürger", engagierte Menschen, die erstmals oder neuerdings wieder bereit sind, ihr kreatives, kritisches Potenzial abzurufen, ihre Interessen zu artikulieren und dafür kämpfen, verlorene politische Partizipation zurückzugewinnen.
Für mich ist das Spannende die Heterogenität der Protestierenden, ihre Anzahl und ihre breite inhaltliche Kompetenz. In Stuttgart wehren sich nicht nur Umweltverbände-Profis, die sich an Bäume ketten, gegen ein aus ihrer Sicht falsches Verständnis von technologischer Moderne und zukunftsfähiger Mobilität. Es wehren sich auch gutinformierte Schüler, Anwälte, Werber und Golden Agers, die sich selbst als konservativ bezeichnen und seit einem halben Jahrhundert die CDU wählen. Beziehungsweise: Wählten. Das zukunftsentscheidende Neue ist die veränderte Definition von Radikalität.
Die Protestkultur in (West-)Deutschland ist geradezu obsessiv besessen von der Protestbewegung von 1968, ihres systemischen Ansatzes, ihrer Radikalisierung und Polarisierung. Radikal sein steht seither in der Regel für: kompromisslos eine extreme Position durchsetzen wollen - unter Einsatz extremer Mittel, auch von Gewalt. Dadurch wurde die Gesellschaft gespalten.
Die neue Radikalität ist anders. Dieser Bürgerprotest schöpft seine Kraft und gewinnt seine Dynamik nicht aus Wenigen, die Extremes zu tun bereit sind. Sondern aus der Masse, der lager- und altersübergreifenden Anschlussfähigkeit und der kompromisslosen Gewaltlosigkeit. Und im Denken einer kompromissfähigen Alternative.
Für viele Gruppen der Vergangenheit war die Nicht-Zugehörigkeit die entscheidende Motivation. Die rechts, wir links. Die blöd, wir gut. Damit ist nichts zu gewinnen. Zudem stellen sich die großen Fragen der Bürgerkinder(kinder)revolution der 70er und 80er nicht mehr - oder völlig anders. Die wirklich radikale Frage des 21. Jahrhunderts wird erst langsam in ihrem ganzen Ausmaß begriffen: Die dezentrale Energiewende in ihrer gesellschaftlichen, sozialen und ethischen Dimension, wie sie Hermann Scheer seit Jahren beschrieben hat.
Es ist in diesem Zusammenhang unproduktiv, die sich Bewegenden als lasche Wohlstandskonsumenten zu sehen, deren individuelle Bewegung hin zu einem nachhaltigen Leben viel zu gering ist, zu halbherzig und sowieso vergebens.
Der Schriftsteller Jonathan Safran Foer hat in "Tiere essen" die neue Radikalität für den Bereich Fleichkonsum auf den Punkt gebracht. Früher dachte man, es gehe darum, dass man selbst Vegetarier werde. Man schaffte es nicht - und gab auf.
Es geht aber gar nicht darum, dass einer Vegetarier wird. Das ist altes Verständnis von qualitativer Radikalität: Bewundernswert, aber nicht gesellschaftlich effektiv. Es bedeutet maximal siebenmal kein Fleisch pro Woche.
Kommentare (26)
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gokui
schrieb am 01.11.2010 um 08:59 ¶Kommentar schreiben
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