Utopia: Herr Rheinländer, bei Ihnen zu Hause in Heimweiler hängt eine Mülltonne kopfüber vor Ihrem Haus. Was soll uns das sagen?
Carl Rheinländer: Zum Einen signalisiert die Tonne der Müllabfuhr, dass sie nicht halten braucht, weil es hier nichts abzuholen gibt. Zum anderen hängt sie da oben, weil sie vorm Haus nicht stehen darf. Die Kreisverwaltung hat mich deshalb vor Jahren einmal wegen Verkehrsbehinderung angezeigt.
Warum stellen Sie die Tonne nicht wie alle anderen dort auf Ihr Grundstück, wo der Müll abgeholt wird?
Weil das Verwaltungsgericht mir dann eine Nutzungsmöglichkeit und die Inanspruchnahme der Müllabfuhr konstruieren würde, es gibt da ein entsprechendes Präzedenzurteil. Außerdem gibt es bei uns keinen Restmüll, den ich hinein füllen könnte.
Aber dann brauchen Sie doch auch die Tonne nicht, die bei Ihnen baumelt.
Nein, aber wir bekommen sie aufgenötigt, weil die Verwaltung sonst bei uns keinen Grund hätte, Gebühren einzufordern.
Dagegen haben Sie ja mehrmals erfolglos geklagt.
Ja, im obersten Abfallgesetz steht, wer keinen Restmüll hat, braucht die Tonne nicht zu dulden, und wer keine Tonne hat, braucht keine Müllgebühren zahlen. Nur, man will mir nicht glauben. Obwohl ich schon alle möglichen Nachweise vorgelegt habe höre ich nur, es würde nicht reichen. Alle meine Fragen nach einem zufriedenstellenden Nachweis werden gar nicht oder nur scheibchenweise beantwortet.
Klingt in der Tat wirklich nicht ganz fair. Wie haben die Richter denn ihre Entscheidung begründet?
Die meinten, es widerspreche der allgemeinen Lebenserfahrung, dass eine fünfköpfige Familie keinen Restmüll produziert.
Aha. Hat denn mal ein Richter bei Ihnen vorbeigeschaut, um sich zu überzeugen, dass das Realität sein kann?
Nee, nie. Der eigentliche Grund für dieses ganze Theater ist: die haben Angst vor dem Präzedenzfall. Es wurmt die auch, dass ich die ganzen Prozesse und Argumentationen auf meiner Website restmuellnet.de veröffentliche. Im aktuellen Prozess klage ich jetzt erst mal auf Gebührenreduzierung. Da stehen die Chancen besser.
Wie schaffen Sie eigentlich müllfreie Realitäten?
Das beginnt beim Konsum und endet bei der Verwertung. Wir kaufen nichts, was wir nicht wirklich brauchen, vermeiden die meisten Artikel aus Kunststoff und alles, was auch nur entfernt zu Restmüll führen würde. So gibt es bei uns nur Wertstoffe, die wir entweder selbst verwerten oder an private Recyclingbetriebe abgeben.
Sie hauen sogar Glühbirnen kurz und klein, um die Bestandteile einzeln zu entsorgen. Und zwar vom Glas bis zum Wolframfaden, wie schon oft im Fernsehen zu sehen war.
Ja, die Fernsehleute lieben eben Action. Aber Müllvermeidung ist nur ein Aspekt meiner Lebensvorstellung. Man muss aufpassen, nicht auf dieses Müllding reduziert zu werden.
Wo ist der große Zusammenhang?
Wir alle leben auf Kosten der nachfolgenden Generationen. Und die Art und Weise, wie fahrlässig wir mit der Müllproduktion und der Entsorgung umgehen, ist nur ein Teilaspekt der bekloppten Dynamik, die den Menschen die natürlichen Lebensgrundlagen kaputt macht. Solange die Industrie weiterhin fast alle ökologischen und sozialen Schadkosten, die sie während jeglicher Produktion verursacht, ganz legal auf die Allgemeinheit und in die Zukunft abwälzen kann, wird sich nichts ändern. Der eigentliche Skandal ist doch, dass umweltfreundliche Produkte teurer sind als schädliche. Genau diese Fehlsteuerung wird der Menschheit zum Verhängnis.
Was schlagen Sie also vor?
Wir brauchen eine neue Marktwirtschaft, die umweltfreundliches Verhalten attraktiver macht. Dabei ist es völlig unsinnig, umweltfreundliche Produktion oder Produkte zu subventionieren. Wir müssen im Gegenteil den umweltschädlichen Alternativen den eigentlichen, den vollständigen Preis zuordnen. Stellen Sie sich doch beispielsweise einmal vor, was passieren würde, wenn biologisch und regional erzeugte Lebensmittel billiger wären, als die aus konventionellem Anbau oder aus der Industrieproduktion. Sie kriegen die Leute eben nur beim Geld. Mit unserem Verein „Zukunftslobby“ wollen wir die Menschen für so ein Wirtschaftsmodell begeistern. Wir nennen es „Kategorische Marktwirtschaft“, und für die Bekanntmachung dieses Konzepts arbeiten wir jetzt.
Helfen Sie uns vorher noch, Müll zu vermeiden?
Entsprechende Presseanfragen habe ich in letzter Zeit eigentlich nur noch abgelehnt, und auch meine Familie hat genug von Fernsehteams auf unserem Grundstück. Aber für Utopia tue ich es natürlich sehr gerne.


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