Herr Hochfeld, kann man eigentlich einen Gewinner bei unserem Vertrauensbarometer ausmachen?
Christian Hochfeld: Gegenfrage: Kann man beim Marathon auf den ersten Metern absehen, wer als Gewinner durch das Ziel gehen wird? Dafür ist es nach dem ersten Vertrauensbarometer noch etwas zu früh, wie ich finde. Gut sind aber erst einmal all diejenigen ins Rennen gegangen, die überhaupt auf die Fragen geantwortet haben: Ohne glaubwürdige Transparenz wird es das notwendige Vertrauen in die Wirtschaft von morgen nicht geben. Stetes Fragen höhlt den Schein! Die Unternehmen, die auf dem Vertrauensbarometer nicht messbar sind, sollten mit Hochdruck zusehen, aus diesem Tief zu kommen. Schade, dass die üblichen Verschwiegenen wie Aldi und die Schwarz Gruppe wieder einmal eine Chance vertan haben, aber leider auch „unübliche“ Unternehmen wie die Deutsche Post World Net oder die Robert Bosch GmbH, die eigentlich genügend zu berichten haben sollte.
Frau Grimm, viele Unternehmen begründeten Ihre Absage mit dem „hohen Rechercheaufwand“. Waren unsere Fragen zu komplex?
Jordis Grimm: Ich bin der Meinung, dass eine Beantwortung der Fragen für die Unternehmen ein gutes Kosten-Nutzen-Verhältnis hatte. Der Aufwand, diese Fragen zu beantworten, ist für das Unternehmen recht gering, man kann auf der anderen Seite sicher sein, dass man eine größere Gruppe Meinungsführer erreicht. Im Gegensatz dazu ist es sehr aufwändig und kostenintensiv einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen, den im Zweifelsfall keiner liest.
Was für Schlüsse können wir denn aus dem finalen Ergebnis des ersten Barometers ziehen?
Jordis Grimm: Das Barometer ist sicher ein gutes Stimmungsbild. Empirisch nachvollziehbare Aussagen können darüber hinaus aber nicht gemacht werden. Ein Problem ist die geringe Anzahl von Bewertungen bei vielen Unternehmen. 30 Treffer sind in der Statistik eine Mindestgröße, die oft herangezogen wird. Das Barometer wäre allerdings auch dann nicht allgemeingültig zu interpretieren, da die Utopia-Community ja kein repräsentativer Schnitt durch die Gesellschaft ist. Allerdings könnte man bei mindestens 30 Bewertungen pro Unternehmen eine so genannte „indikative“ Aussage machen, unter der Annahme, dass die Utopisten eine Meinungsführerrolle zum Thema haben. Vielleicht ist ja die Community beim nächsten Barometer noch aktiver!
Christian Hochfeld: Die Meinungsführerrolle lässt sich aus den Kommentaren zwar nicht durchgängig erkennen, aber auch die einzelnen Meinungen, die geäußert wurden, sind sehr wichtig: Die Unternehmen, die antworteten, haben schon deshalb gewonnen, weil Ihnen mit den mehr oder weniger kritischen und kontroversen Kommentaren der Utopisten der Spiegel vorgehalten wird, wie glaubwürdig Ihre Antworten auf die Fragen sind. „Ich sag Dir was, was Du nicht fragst…“ wird nicht honoriert, und das ist auch gut so. Je mehr Kommentare eingehen, desto wahrscheinlicher ist es, dass Unternehmen darauf reagieren, um den Vertrauensbonus nicht auf das Spiel zu setzen. Bei wenigen Kommentaren halte ich die Ergebnisse noch nicht für aussagefähig über den Stand des Unternehmens. Hier habe ich das Gefühl, dass zum Beispiel die Deutsche Telekom unter Wert geschlagen wird.
Von der Community wurde Kritik laut, dass wir mit dem Vertrauensbarometer Greenwashing Tür und Tor öffnen. Können wir den Unternehmen doch nicht trauen?
Christian Hochfeld: Etwas mehr Skepsis halte ich für angebracht, wenn Unternehmen in den Antworten das Gefühl vermitteln, dass sie das ultimative Ziel des Klimaschutzes bereits erreicht haben. Zu einer glaubwürdigen Auseinandersetzung mit dem Thema gehört auch die Einsicht, dass wir alle erst am Anfang stehen und dass der größte Teil der Strecke noch vor uns liegt.
Ob die Utopistin und der Utopist in der ersten Runde des Vertrauensbarometers auch bereits gewonnen hat – zumindest etwas mehr Vertrauen – lässt sich nur schwer sagen. Zumindest konkrete Kaufentscheidungen mit Klimaschutz im Kalkül könnten noch schwierig sein.
Wir wollen die Unternehmen bald wieder befragen. Was wünschen Sie sich von einem zweiten Vertrauensbarometer, und was sollten wir besser machen?
Jordis Grimm: Das kommt vor allem auf die Ziele an. Wenn Sie eine Diskussion in der Community anregen wollen, dann ist der Ansatz völlig in Ordnung. Wenn Sie allerdings verwertbare und belegbare Aussagen tätigen wollen, dann könnten Sie beispielsweise Teilgruppen der Gesellschaft anlegen, z.B. Wissenschaft, Unternehmensvertreter, Konsumentinnen, von denen sie jeweils mindestens 15 bis 20 Treffer pro Gruppe und insgesamt circa 100 Aussagen bräuchten. Auch ist zu überlegen, ob beim Thema „Vertrauen“ nicht ein offener Prozess ein interessanterer Start wäre. Also assoziative Fragen zu stellen im Sinne von: Was denken Sie von BASF? Und erst in einem zweiten Schritt mehr Informationen an die Befragten zu geben. Das ist also die pure Stimmung, die einer Meinung nach einem reflektiven Prozess gegenübergestellt wird, und das wäre sehr spannend!
Christian Hochfeld: Zunächst einmal wünsche ich mir, dass sich möglichst alle Unternehmen aktiv beteiligen. Darüber hinaus würde ich mir noch konkretere Fragen wünschen, die die Utopisten bei ihren Unternehmensbewertungen und auch Kaufentscheidungen leiten: Mit welchem Ihrer Produkte kann ich am ehesten auch einen Beitrag zum Klimaschutz leisten? – Das wäre aus meiner Sicht eine dieser Fragen. Je konkreter die Fragen, desto konkreter die Antworten und desto wahrscheinlicher sind Reaktionen der Unternehmen. Dringend empfehlen würde ich auch, beim nächsten Mal nachzufragen, was aus den teilweise doch sehr ambitioniert klingenden Ankündigungen der Unternehmen in der Realität geworden ist. Das Vertrauensbarometer der Zukunft sollte auch darauf eingehen, ob Vertrauen in die Verantwortung der Unternehmen auch durch Einhalten der Versprechen bestätigt wird.
Der Kunde bestimmt also die Firmenpolitik?
Christian Hochfeld: Die Konsumentin und der Konsument werden für viele Unternehmen in Zukunft ein immer wichtigerer Treiber für die notwendigen und angemessenen Maßnahmen und Beiträge zum Klimaschutz. Deshalb fände ich es auch wünschenswert, dass die Utopisten Ihre Fragen auch direkt an die Unternehmen stellen können, die auch von den Unternehmen direkt beantwortet werden sollten. Ob eine Begrenzung auf die fünfzig größten deutschen Unternehmen auch in Zukunft sinnvoll ist, sollte noch einmal diskutiert werden. Aus meiner Perspektive wäre es sinnvoll auch „kleinere“ Unternehmen zu ergänzen, deren Performance im Klimaschutz teilweise deutlich besser ist als die der Großkonzerne.
Aus meiner Sicht bietet das Vertrauensbarometer viele gute Ansatzpunkte, um eine wichtige Rolle bei der Bewertung der Unternehmensleistungen für den Klimaschutz zu spielen. Und dann werden es sich die Unternehmen auch nicht mehr leisten können, nicht zu antworten oder vorgefertigte Antworten auf nicht gestellte Fragen zu geben. Auch wenn es bis dahin noch ein längerer Weg ist, er wird sich lohnen. Schließlich beginnt jede lange Reise mit einem ersten, kleinen Schritt. Daher wünsche ich dem Utopia-Team abschließend den notwendigen langen Atem und das Vertrauen der Utopisten darin, dass das Vertrauensbarometer auf dem richtigen Weg ist.
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Jordis Grimm ist als Promovendin und Projektmanagerin am Centre for Sustainability Management an der Leuphana Universität Lüneburg tätig. Ihre Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle von Nachhaltigkeitsmanagement und Entwicklungszusammenarbeit.
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Christian Hochfeld ist stellvertretender Geschäftsführer des Öko-Instituts Berlin. Er trägt Verantwortung für die strategische Institutsentwicklung, die Personalführung und -entwicklung, sowie für die Gesamtsteuerung des Instituts.
Was hat Ihnen am Vertrauensbarometer gefallen, und was sollten wir beim nächsten Mal anders machen? Im Forum finden Sie hier den Abschluss-Thread zum ersten Vertrauensbarometer.
Hier geht es zum Vertrauensbarometer


Kommentare (2)
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Ansonsten habe ich an anderer Stelle schon angeregt, wegen der z.T. elend langen und hohlen Texte vielleicht Summaries der Redaktion beizufügen, in denen - wenn irgend möglich - nach festen Regeln herauskürzbare Fakten zusammengefasst sind (natürlich keine vorgefassten Bewertungen).
Weiter finde ich die Vorher-Nachher-Idee von Jordis Grimm sehr spannend, sollte man überlegen! Das könnte sehr belebend wirken, auch auf die Teilnehmerzahlen.