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Debatte um steigende Strompreise

Energiewende verteidigen – mit einer Waffe, die jeder zu Hause hat!

Bitte wandern Sie nicht aus oder steigern Ihren Stromverbrauch mit unlauteren Mitteln ins Unermessliche. Nach der Logik, die hinter den steigenden Strompreisen steht, wäre das nämlich konsequent. Die Bundesregierung schont die Industrie, damit sie im Land bleibt – die Verbraucher zahlen.


Es ist Herbst, es wird wieder heiß im Land der Energiewende. Anfang 2011 sind wir aus dem Ausstieg vom Ausstieg gestiegen. Verständlich gesagt: die Katastrophe von Fukushima brachte die Bundesregierung dazu, die deutschen Kernkraftwerke bis 2022 abschalten zu wollen. Wenn Sie ein paar Monate zuvor nicht das exakte Gegenteil beschlossen hätten, hätten wir richtig stolz sein können auf unsere politischen Interessenvertreter. Mit der Kernschmelze in Japan im Rücken, war es dann doch nur eine folgerichtige Kehrtwende,  in der plötzlich Gefühle und nicht mehr nur riskante Grenzwerte eine Rolle spielen durften.

Die "böse" Energiewende treibt die Strompreise auf lange Sicht  in die Höhe

Dass die Vorstände der deutschen Atom-Konzerne nicht gleich fröhlich mit an der Energiewende geschoben haben und seither „Atom-Kraft, nein danke“ Sticker an ihrer Brust tragen, war zu erwarten und ist sogar verständlich. Auch heute lehnt man sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man zu spekulieren wagt: RWE, EnBW, E.On und Vattenfall sind keine Ökostrom-Freunde. Denn über Freunde darf man bekanntlich nicht schlecht reden. Genau das aber tun die Chefs der Atomkonzerne in diesen Tagen: die Energiewende gebe es nicht zum Nulltarif, hat der RWE-Vorstandsvorsitzende Peter Terium gesagt. Vattenfall-Europa-Chef Tuomo Hatakka machte ihr konkrete Vorwürfe: sie werde den Strom bis 2020 um fast ein Drittel verteuern. Arme Energiewende, die Verbraucher werden sauer auf sie sein.

Bald zahlen wir mit jeder Stromrechung mehr für Ökostrom-Umlage

Natürlich kosten der Ausbau des Stromnetzes und die notwendigen neuen Kraftwerke für erneuerbare Energien viel viel Geld, da haben die großen Atom-Männer Recht. Darum zahlen bekanntlich alle Strom-Kunden dieses Landes automatisch eine so genannte „Umlage“ mit jeder Stromrechnung. So schreibt es das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vor. Mit der Umlage werden den Strom-Netzbetreibern die Mehrkosten, die für sie durch die Abnahmeverpflichtung von Öko-Strom entstehen, ausgeglichen. Kommenden Montag wird die Höhe der aufgeschlagenen Umlage für 2013 bekannt gegeben. Erwartet wird, dass der Ausgleichsbetrag von 3,6 Cent je Kilowattstunde auf bis zu 5,3 Cent steigen könnte. Für einen durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden würde das jährliche Mehrkosten von bis zu 60 Euro bedeuten. Derzeit schlägt die Förderung mit 125 Euro im Jahr zu Buche, 2013 könnten es also 185 Euro sein. Das klingt erstmal nicht nach einem unfassbaren Mehr an Kosten, ist aber für Geringverdiener eine finanzielle Belastung und rückt die Energiewende weiter in schlechtes Licht.

Ausgleichsregelung: Die Industrie wird verschont, die Verbraucher zahlen

Wie soll man der Energiewende nur den schwarzen Peter wieder aus der Hand nehmen? Wir lassen einfach die Bundesregierung ziehen. Unser Gesetzgeber ist nämlich dafür verantwortlich, dass von den aktuell 125 Euro, die ein Haushalt mit 3500 kWh Verbrauch für die EEG-Umlage zahlt, 30 Euro auf die Entlastung der Industrie entfallen. Denn für stromintensive Unternehmen kennt das EEG eine „besondere Ausgleichsregelung“. Statt knapp 3,6 Cent wie jeder Haushalt, zahlen sie zum Teil nur 0,05 Cent Umlage pro Kilowattstunde Strom. Dabei ist das Motiv der Bundesregierung nachvollziehbar: Sie will vermeiden, dass die Großunternehmen (als wertvolle Steuerzahler) den Industrie-Standort Deutschland aufgrund der verschlechterten Produktionsbedingungen (höhere Stromkosten) verlassen und ins Ausland abwandern. Die Logik hinter der Ausgleichsregelung ist allerdings absurd: Wer am allermeisten Strom verbraucht, muss am allerwenigsten dazu beitragen, dass (Öko-)Strom trotz der (bösen) Energiewende aus der Steckdose kommt.

Werden Sie nicht zum stromintensiven Unternehmen, ziehen Sie Ihre Waffe!

Wir sind gegen Atomkraft, wir wollten die Energiewende und niemand sollte sich darüber beschweren, dass Öko-Strom ein wenig mehr kostet. Aber dass wir die Mehrkosten für die Industrie ungefragt mitzahlen, ist nur schwer untätig zu verkraften. Logische Konsequenzen wären wohl, mit Auswanderung zu drohen oder selbst durch stromverschwenderische Maßnahmen zum stromintensiven Unternehmen zu werden. Riesige geöffnete Kühltruhen direkt neben scharenweisen Elektroherden, die 24 Stunden am Tag heißlaufen oder stets vollaufgedrehte Heizungen bei weit geöffneten Fenstern, geben ein schönes Bild im Kopf ab, wären aber eine kindische Revanche. Wenn Sie Befürworter der Energiewende sind und deren guten Namen retten wollen, bleibt nur eine Möglichkeit. Zugegeben, sie wirkt eher altbacken und kommt zunächst ein wenig kleinlaut daher. Aber sie bewirkt, dass Sie und alle denen Sie´s weitersagen, nicht mehr Geld für Strom zahlen und die Schuld dafür der armen Energiewende zuschieben müssen. So gesehen handelt es sich doch um eine geladene Waffe mit großer Reichweite, die überraschenderweise in jedem Haushalt zu finden ist: Sparen Sie Strom!


Übrigens: Ein Haushalt kann in kurzer Zeit mit einfachen Mitteln ein Drittel seines Strombedarfs senken und dabei schnell mal 250 Euro sparen – auf längere Sicht können es sogar 1.000 Euro werden.
Utopia zeigt Ihnen, wie das geht – schon bald geht's los:

Thema: Erneuerbare Energien, Stand: 10.10.2012 von

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    schrieb am 12.10.2012 um 11:58
    Lieber Martin,

    danke für Deinen amüsant-provokativen Beitrag zur „Debatte um steigende Strompreise“.

    Dein Resümée am Ende des Artikels („Sparen Sie Strom“) finde ich jedoch zu simpel und zu eindimensional.

    Energiewende heisst für mich, neben Strom auch Wärme, generell, fossile Energieträger sparen. Wärme sparen ist (als Mieter) ebenso einfach wie Strom sparen: im Herbst/Winter die Heizkörper nur soweit auf wie notwendig, richtig lüften. Fossile Energieträger sparen: möglichst wenig alleine Autofahren, möglichst wenig oder gar nicht (mehr) fliegen, zunehmende vegentarisch-veganer essen … überall dort sparen, wo fossile Energieträger verbrannt werden oder „drinstecken“.

    Zusätzlich zum (Strom) Sparen – also zum „Verzicht“ auf Strom - ist aus meiner Sicht unbedingt ein effizienterer Umgang mit Strom notwendig. Für mich heisst das, möglichst stromsparende elektrische Geräte im Haushalt einsetzen, soweit diese mir schwierig ersetzbar erscheinen – z.B. Waschmaschine, Kühlschrank, Beleuchtung. Sinnvoll ist sicherlich auch eine gemeinsame Nutzung von elektrischen Geräten – da sehe ich noch viele Möglichkeiten, wenn ich an die aktuell vorhandenen 6 Waschmaschinen und Kühlschränke in unserem 6-Haushalte-Mietwohnhaus denke.

    Die Debatte um steigende Strompreise ist - aus meiner Sicht – eine dumme, irreführende Medienkampagne. Mir und Dir, uns, soll weisgemacht werden, dass kommende Strompreis-Erhöhungen hauptsächlich durch ein Zuviel an Strom aus Windkraft- oder Photovoltaik-Anlagen, durch ein zu schnelles Wachstum beim Bau entsprechender Anlagen erzeugt wird. Diese Medienkampagne und Stimmungsmache, die nun schon seit einigen Wochen läuft ärgert mich sehr.

    Danke an Dich, dass Du durch Deinen Beitrag die dummen, irreführenden Argumente dieser Kampagne größtenteils entkräftet und entzaubert hast.

    Ich möchte noch hinzufügen: die – leider nicht nur von der schwarz-gelben Bundesregierung – gepflegte und verbreitete Vision einer Energiewende finde ich mindestens so ärgerlich wie die Strompreis-Debatte. Deren Vision hört und liest sich für mich immer wieder so: Windkraftanlagen-Parke in der Nordsee bauen, Solaranlagen-Parke in der Sahara bauen … und dann mit langen (noch zu bauenden!) Hochspannungsleitungen über tausende Kilometer diesen Strom von Nord nach Süd bzw. von Süd nach Nord zum allerletzten stromverbrauchenden Bürger zu transportieren. Was für irre, großindustrielle Pläne gegenüber der von mir favorisierten Vision einer Energiewende vor Ort, regional, dezentral, 100% erneuerbar!

    Apropos: in unserem 2-Personen-Haushalt verbrauchten wir 2010/11 ca. 1000 kWh und 2011/12 ca. 1300 kWh Strom. Wenn ich den letzteren Jahresverbrauch auf 3 Personen hochrechne, komme ich auf einen über 40% niedrigeren Wert als den von Dir angegebenen Wert für einen „durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt“. D.h. die Stromspar-Möglichkeiten sind für den „durchschnittlichen“ Haushalt sehr hoch. Deshalb unterstütze ich die von Dir mitinitiierte, Aktion „Sparen Sie Strom“ – ich bin dabei, bin neugierig, welche Einsparmöglichkeiten es für unseren 2-Personen-Haushalt noch gibt.

    Sonnige Grüsse aus Tübingen,
    Richard

    ps: Den 30%-igen Anstiegs unseres Stromverbrauchs schreibe ich fast vollständig unserer Spülmaschine zu, die seit Ende 2011 für uns ihre stromverbrauchenden Spüldienste tut. Ach ja, „Ökos“ zu sein ist nicht einfach – Handarbeit und Wasser gespart, aber mehr Strom verbraucht. Dumm gelaufen? Womöglich, aber vor allem zeigt mir dieses Beispiel, dass Energiewende auch und vielleicht vor allem mit Nachdenken, mit Bildung, letztendlich mit einer „Bewußtseinswende“ zu tun hat. Auch hierfür werde ich mich weiter einsetzen! mehr weniger
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    schrieb am 12.10.2012 um 08:17
    Wieso gibt es keine gleiche EEG-Umlage für alle? Notwendig ist es doch, Gerechtigkeit bei der Umlegung der Kosten der Energiewende zu schaffen.
    Deshalb sollte die Erweiterung der Besonderen Ausgleichsregelung für stromintensive Unternehmen wieder zurückgenommen werden!
    Eine entsprechende Petition läuft derzeit und kann noch mitgezeichnet werden. Mehr Infos gibt es dort:https://www.openpetition.de/petition/online/streichung-der-erweiterung-der-besonderen-ausgleichsregelung-fuer-stromintensive-unternehmen mehr weniger
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    schrieb am 11.10.2012 um 23:11
    Guter Artikel und großteils gute Kommentare! 2 Dinge konnte ich beim Querlesen doch nicht entdecken:
    1.) Dem Wort "Sparen" haftet meiner Meinung nach immer noch vielzuviel "ich kann es mir nicht leisten" oder auch "Geiz" an. Dabei könnte die dahintersteckende Aktivität viel sexier besetzt sein - es wird Zeit, dass die breite Masse da Ihren Blickwinkel ändert; Bsp. meine persönliche Veränderung beim Autofahren: "Cruisen" klingt viel cooler als "Sparen" und heißt letztendlich nix anderes als verantwortlich mit Ressorcen umzugehen (auch die eigenen Nerven schont es!)
    Vielleicht sollten wir es "chillen" nennen, wenn man gelassener im Umgang mit Stromverbrauchern wird: Mal einfach mit dem Staubtuch übers Parkett wedeln, statt den Staubsauger anwerfen, unnützen elektrischen Geräten, wie Pfeffermühlen oder Milchaufschäumer eine Absage erteilen, mal wieder den Schneebesen nehmen, mal nur ne kleine stimmungsvolle Leselampe am Ort, wo ich mich grad aufhalte, statt der Festbeleuchtung, mal nicht alle UE anwerfen, sondern die Ruhe genießen, abends früher das Licht ausmachen und ins Bett gehen ...
    2.) Hat mal irgendjemand die Subventionen, die in die Atomenergie geflossen sind und immer noch fließen, zusammenaddiert? Für das Geld könnte man ausreichend Ökostrom produzieren ohne Mehrkosten! Für meine Begriffe jammern doch die fetten RWEs, Vattenfalls, EONs nur laut herum, weil sie zu phantasielos, faul, träge und unflexibel sind und sie all die Jahre in stiller Symbiose mit der Politik - gib mir dicke Subventionen, dann bekommst Du dicke Parteispenden - ihr Dasein gefristet haben. Auf einmal sollen sie sich aber bewegen und mit ihrem Geld real wirtschaften und das Netz ausbauen, was eh schon als Zugeständnis an deren Zentralismus zu verstehen ist. Mit vielen dezentralen regenerativen Stromproduktionsanlagen ließe sich das gleiche Ergebnis erzielen, nur ginge dann der Kelch völlig an den großen vorüber. Also doch die großen hofieren (sonst bleiben ja die Parteispenden aus) und sie mit der Idee gigantischer Offshore-Windparks ködern. Ich verstehe zwar den mathematischen Zusammenhang, wie die Umlage zustande kommt, aber bei normalem Verstand und Anstand kann man diese Rechnung weder azeptieren, noch kann man ruhig bleiben ob der Dreistigkeit. mehr weniger
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    schrieb am 11.10.2012 um 22:32
    Ich habe eine Frage. Für die Stromrechnung ist es egal, ob ich Ökostrom habe oder nicht oder? Ich zahle die gleiche Umlage, aber ist das logisch?
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    schrieb am 11.10.2012 um 22:31
    Logisch, daß jetzt viele einstige Öko-Strom-Kunden wieder zum Atomstrom zurückgehen.
    Dann hat Frau Merkel wieder ein Totschlag-Argument, doch nicht aus dem Atomstrom auszusteigen - das wird echt immer schlimmer und ein Schelm vermutet hier eine geplante Unverschämtheit.
    Ich jedenfalls bleibe meinem Öko-Strom treu - logisch, auch wenn ich nie an den Ausstieg aus dem Atomstrom geglaubt habe. mehr weniger
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