Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Homers Spießer-Idylle

Öko-Hölle auf Erden?


Von Stephan Sepp

Vielleicht steht sie ja schon auf dem Produktionsplan: die Simpsons-Geburtsfolge sozusagen. In der müsste Matt Groening, der Schöpfer der beliebten Zeichentrick-Familie, der Einladung eines TV-Senders folgen, ein Konzept für eine Cartoon-Serie zu entwickeln. Man würde erleben, wie er den ersten Entwurf der Simpsons-Figuren auf ein Blatt Papier kritzelt – ganz easy und dreist aus der Hüfte geschossen, auf den letzten Drücker, im Vorzimmer des Sender-Chefs. So funktionieren die meisten Gags bei den Simpsons. Sie zeigen die ungeschorene Wahrheit. Eine sehr originelle und meist erfundene Wahrheit. In diesem Fall wäre diese Wahrheit allerdings wirklich wahr. Denn so hat es sich tatsächlich zugetragen. Als Groening den Sender-Bossen seine Skizze präsentierte, überzeugte er durch einen weiteren Spontan-Einfall: Homer Simpson, erklärte er, sei ein Idiot und arbeite in einem Atomkraftwerk. Damit hatte er damals bereits die Richtung festgelegt, in die sich die Serie entwickeln würde – zur ersten Öko-Satire-Sitcom der USA.

Auch wenn Groening das nie zugeben würde. Er sei kein Moralist, betont er immer wieder in Interviews. Eher ein Spaßmacher, der sich über alles und jeden lustig macht. Das mag schon sein, was das grundsätzliche Wesen der Simpsons betrifft. Da ist die Serie kaum anders als die meisten US-Sitcoms. Sie belustigt sich an der menschlichen Komödie, nur lauter und abgedrehter als die Konkurrenz.

Deshalb kommen Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie auch so gut bei allen Kindern an. Erwachsene dagegen ignorieren sie. Oder sie vergöttern sie. Man kann sagen, dass die Liebe zu den Simpsons unter den Über-Zwölfjährigen proportional mit dem Bildungsniveau wächst. Weil man die Serie erst richtig witzig findet, wenn man sich auskennt in Politik, Wissenschaft und Kultur. Wenn man Steven Hawking gelesen oder „Trainspotting“ im Kino gesehen hat. Mittlerweile genießen die Simpsons, die nun seit fast 20 Jahren weltweit ausgestrahlt werden, den Ruf, „eine der größten Kulturleistungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts“ zu sein – schrieb vor zwei Jahren die SZ.

Es heißt, dass Groening die besten Autoren der Branche beschäftigt, Harvard-Absolventen und Gag-Genies. Angefangen hat der 55-Jährige mit der Hippie-Frisur mal ganz klein als Musikjournalist und Comic-Strip-Zeichner. Seine erste Serie nannte sich "Das Leben in der Hölle" – und die Simpsons knüpfen daran an. Springfield, die Stadt, in der die Familie lebt, ist ein postmodernes Zwitteruniversum. Halb heile Welt, halb Hölle, in der apokalyptische Naturkatastrophen und Ufo-Attacken die Normalität nicht mehr oder weniger ins Wanken bringen als eine taktlose Tisch-Bemerkung oder ein geplatzter Autoreifen. Im Mittelpunkt: die Springfield-Comunity. Ein satirisches Panoptikum der amerikanischen Gesellschaft mit korrupten Politikern, schießwütigen Polizisten, zynischen Ärzten und Journalisten, moralisch verkommenen Entertainern. Nicht zu vergessen der gierig-gemeine Atomkraftwerk-Besitzer Montgomery Burns, der den größten Trottel der Stadt als Sicherheitsinspektor beschäftigt: den fetten, faulen Homer.

Burns ist der schlimmste unter den Springfieldianern. Gewalttätig, selbstsüchtig, hemmungslos, rücksichtslos, gewissenlos. Das Publikum liebt ihn, weil er sich am Ende selbst am meisten schadet. Und weil er manchmal doch so liebenswürdig sein kann. Immer dann, wenn Lisa weint, Homers kleine Tochter. Sein Gegenpol in der Familie. Er liebt Bier, Fast Food, Fernsehen, Sex und sie die Schule, die Wissenschaft, die Kultur. Vor allem aber liebt Lisa die Tiere und die Umwelt. Kein leichtes Schicksal. in einer Hölle, die bei den Simpsons fast immer eine Öko-Hölle ist, mit gigantischen Giftmüllkippen, zerschmolzenen Gletschern, gerodeten Wäldern, toten Seen und Flüssen und Hollywood-Filmen, in denen Batman und Robin schon längst Geschichte sind. In Springfield nennen sie sich Radioactive Man und Fallout Boy und können kaum die kleinen oder großen Katastrophen verhindern. Im Simpsons-Kinofilm schließlich treiben die Stadt-Bewohner die Umweltzerstörung so weit, dass sie den Ärger von US-Präsident Arnold Schwarzenegger und seiner Öko-CIA erregen. Die rückt dann in Intependence-Day-Manier mit einer Transport-Hubschrauber-Flotte an, die über Springfield eine gigantische Käseglocke stülpt.

Da kann der Spaßmacher behaupten, was er will. Auch wenn er es nur zwischen den Zeilen tut – mit der ewigen Geschichte über das kluge und einsame Mädchen in der Welt von irren Erwachsenen bekennt sich Groening letztendlich doch zu einer Haltung. Einer zutiefst romantischen sogar. Weil Lisa die vage Hoffnung verkörpert, dass die Welt sich bessert, sobald die Kleine groß geworden ist. Das wird allerdings noch dauern.

Zur Zeit ist Lisa sieben Jahre alt und der steinalte Burns immer noch am Leben. Solange der Atomkraft Tycoon die Stadt beherrscht, wird wenig in Springfield passieren, am allerwenigsten mit alternativen Energien. Mal abgesehen von dem elektrischen Stuhl im Stadt-Gefängnis, der mit Solarenergie betrieben wird. Der schont die Umwelt und manchmal sogar das Leben der Delinquenten - weil er nur bei gute Wetter funktioniert.

Stand: 11.03.2009 von

Kommentare (6)   abonnieren

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    schrieb am 11.03.2009 um 13:16
    Auch wenn die Produzenten der Simpsons es nicht zugeben wollen, der Autor dieses Artikels hat vollkommen recht, wenn er behauptet, die Simpsons und besonders Lisa als das gute Gewissen der Familie, zeigen ihrem Publikum alternativen auf und prangern das Bestehende an. Das Ganze wird natürlich Simpsons typisch mit sehr viel Humor und teilweise auch zynisch dargestellt. Das beste Beispiel ist die Folge wo Lisa Vegetarierin wird und der Satz: "Ich bin Veganer fünften Grades, ich esse nichts was einen Schatten wirft." Haha!
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    schrieb am 12.03.2009 um 08:30
    Na dann passt es ja, dass am Tag der Erde am 22.04. auf ProSieben zwei besonders "grüne" Folgen der Simpsons im Rahmen des "Green Seven Days" gezeigt werden.
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    schrieb am 30.03.2009 um 13:00
    Dazu gibt es auch einen coolen kleinen Film --> http://link.brightcove.com/services/player/bcpid271557392?bctid=1125865300
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    schrieb am 15.04.2009 um 17:38
    Kann dem als langjähriger Simpsons-Zuschauer nur zustimmen.
    Super Artikel!
    Die manchmal unterschwelligen Botschaften find ich total gut verpackt, wenn sich nur mehr Zeichentrickserien daran orientieren würden.
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    schrieb am 17.04.2009 um 11:59
    ... dem ich nur zustimmen kann. Die kritischen Botschaften, die die Simpsons vermitteln, sind wirklich wunderbar (Die Kritik an Chinas Tibet-Politik gefiel mir auch durchaus :D )
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    schrieb am 05.05.2009 um 15:23
    Ein gut gelungener Artikel über das Unterschwellige von den Simpsons. Sehr gut.

    Das Wichtigste aufgefasst und komprimiert in einem interessanten Text.

    Ich bemerke gar eine gewisse Zunahme mit den subtilen Dingen im Hintergrund. Und gleichzeitig eine gleichbleibende Qualität, die im Simpsons-Humor zaubert.

    Und die Umwelt ist ja nur eins der wenigen Themen bei den Simpsons, welche speziell subtil bearbeitet werden.
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