Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopisten von "Action_for_Sustainability" im Interview

Segeln für die Nachhaltigkeit oder wie man sich an das Tempo der Natur anpasst


Utopia: Auf Utopia seid ihr als "Action_for_Sustainability" aktiv. Das kann man mit „Handeln für die Nachhaltigkeit“ übersetzen. Was ist für euch Nachhaltigkeit und auf welche Weise handelt ihr für sie?

Jean: Nachhaltigkeit ist ein "leerer Signifikant", also ein Wort, das inhaltlich so überfüllt wurde, das es völlig leer ist. Alle wollen „nachhaltig“ handeln und verlieren sich schnell in Lifestlye-Antworten um ihren Freunden zu gefallen. Wir waberten da auch im Dunkeln, was es genau bedeuten soll. Daher haben wir ein europaweites Netzwerk Globalen Lernens aufgebaut und setzten uns intensiv mit unseren Gewohnheiten und tiefenkulturellen Annahmen auseinander. Eines der wichtigen Probleme sehen wir in der momentan global ausufernden Massenproduktion und -konsumtion. Dahinter steht dann die Frage: Wenn wir weltweit schon so viel Wissen über die ökologischen und sozialen Krisen gesammelt haben, wieso liegt die Priorität trotzdem darin, ein neues Handy oder ein Elektroauto zu kaufen? Es ist schon längst eine nervige Binsenweisheit, dass deren soziale Produktionsstandards und die dafür notwendigen Materialien zur ökologisch-sozialen Zerstörung beitragen, aber wir machen weiter... Man brabbelt also weiter von Wachstum, Markt, Akkumulation usw. Verantwortlich zu handeln heißt aber nicht zuletzt, ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das demokratisch ist und die Rechte von Natur und Menschen als Priorität setzt.

Sarah (alias emmaradio): Ganz praktisch sehen unsere Aktionen so aus, dass wir bereits bei der Planung überlegen, wie wir sie möglichst ressourcenarm umsetzen können. Das fängt bei der Auswahl des Papiers an, geht weiter über die Versorgung mit Energie und Nahrung bis hin zum Transportmodus einer ganzen Gruppe. Unsere Arbeitsmaterialien sind aus nachwachsenden Ressourcen hergestellt und/ oder recyclebar und/ oder mehrfachverwertbar. Auf der Segeltour wurde auf dem Schiff täglich gekocht mit regionalen, ökologisch produzierten und fair gehandelten Zutaten. Die Gerichte waren vorwiegend vegetarisch bis vegan. Und nicht zu letzt hatte die Entscheidung für die Reise mit einem Segelboot auch den Zweck möglichst wenige Energieressourcen zu verbrauchen. Vor uns hatten zwei andere Gruppen aus unserm Netzwerk für globales Lernen schon eine ähnliche Tour per Anhalter quer durch Europa unternommen - Eurizons. Da steckte viel Inspiration für unsere Segeltour drin. Die Lovis hatte den Vorteil, dass sich die Teams auf ihr einrichten und weitere Aktionen gut planen konnten. Außerdem war die Crew gezwungen sich an das Tempo der Natur anzupassen, sich auf das Meer, den Wind, den Regen, die Enge auf dem Boot etc. einzulassen und alle mussten mit anpacken. Das ist eine wichtige Erfahrung, die die TeilnehmerInnen dafür sensibilisiert, dass alles mit allem zusammenhängt. Wenn du nachhaltig handeln willst, dann steht davor erstmal zu verstehen, welche Wirkung dein Handeln oder Nicht-Handeln hat. Dann können gemeinsam Lösungen erarbeitet werden, die für alle Beteiligten funktionieren. Naja und dann geht es natürlich auch darum nachhaltiges Handeln ein bisschen sexy zu machen. Dazu trägt der Abenteuerfaktor eben auch bei.

Anlässlich der Rio+20 Konferenz habt ihr die eben schon angesprochene 4-wöchige Segeltour mit wechselnden Teams in der Ostsee durchgeführt. Das muss ein ganz schöner Aufwand gewesen sein und wir hoffen, es hat sich gelohnt. Könnt ihr schon ein erstes Fazit ziehen?

Jean: Dafür ist es noch zu früh. Wir würden momentan wahrscheinlich auch um die 150 verschiedenen Fazits haben, da so viele Leute daran beteiligt waren. Eins ist klar: so viele Ideen und so viel Lust auf Veränderung auf so einem Schiff, das zur intensiven Kooperation anstiftet – das ist inspirierend und unvergesslich. Und es erinnert uns an eine entscheidende Tatsache: auf dieser Welt sitzen wir alle im selben Boot.

Sarah: Wir werden die Aktion in ein paar Wochen gründlich auswerten. Du nimmst dir am Anfang meistens mehr vor als du letztlich umsetzen kannst. Und trotzdem kommen dabei am Ende wundervolle Dinge heraus. Wir haben ja ganz am Anfang klare Ziele für die Aktion formuliert. Natürlich gibt es immer Dinge die besser laufen könnten. Aber wir haben, denke ich, unsere Ziele schon jetzt weitestgehend erreicht: Wir haben rund 120 Menschen aus verschiedenen Teilen Europas zusammengebracht und für verschiedene Aspekte von nachhaltiger Entwicklung sensibilisiert. Sie haben während dieser Tour eine 5-Sinne-Erfahrung gemacht, die noch eine Weile nachwirken wird. Die TeilnehmerInnen haben außerdem einen Methodenkoffer mit nach Hause genommen, mit dem sie die Diskussionen zuhause weiterführen und Aktionen selbständig organisieren können. Und wir haben unser Netzwerk für Globales Lernen erweitert. Wie viel mediale Aufmerksamkeit und damit noch andere wir erreicht haben, das müssen wir noch genauer auswerten.

Wie kann man sich einen Tag auf eurem Segelboot konkret vorstellen?

Jean:
Das kommt darauf an, wie seefest man ist. Alles bekommt einen neuen Rhythmus. Wenn das Wetter sich ändert müssen auch mitten in der Diskussion mal alle an Deck und die Segel einfahren. Zwischendurch machen wir Seminare, streiten uns über die Rolle von Geld und Macht im Alltag, halten uns am Tisch fest, damit wir bei starkem Wellengang nicht umfallen, kochen magenverträgliche Suppe und bereiten Projekte vor, die wir zuhause verwirklichen können. Abgesehen davon haben wir Arbeitsschichten, in denen einzelne Gruppen in Notfällen bereit sind, sich um das Schiff zu kümmern.

Thema: Klima- und Umweltschutz, Stand: 27.07.2012 von

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    schrieb am 02.08.2012 um 07:29
    Hi Ihr zwei,
    das Interview habe ich jetzt erst entdeckt und ich habe es jetzt zweimal gelesen, um die ganze Infofülle zu erfassen.

    Dieser Aspekt "Ich bin Geographin geworden, weil ich fürs Reisen bezahlt werden wollte" ist mir ja sehr bekannt. Ich habe auch meine Interessen zum Beruf gemacht.
    Bei mir sind es die Berge mit der wahnsinnigen Anziehungskraft und natürlich sind die Fahrten dorthin meine Ökosünde Nr. 1.
    Deswegen auch der Wunsch, den Wohnort so zu verlegen, daß ich meine beruflichen und privaten Aktivitäten dort auch ohne lange Fahrten umsetzen kann.

    Emma, ich würde mir da kein zu schlechtes Gewissen machen.
    Geograph ist ein sinnvoller Beruf und wenn jemand mit Deiner Einstellung das macht, dann ist das viel wertvoller, als wenn Du Dich irgendwo vergraben würdest, wo Du keine solche Einflussmöglichkeiten hast, wie jetzt auf dieser Reise.

    Du hast ja noch ein paar Jahre im Beruf vor Dir und sicher findet sich eine Nische, wo Du die positiven Aspekte voll ausleben und die negativen einschränken kannst.

    In diesem Sinne wünsche ich Euch beiden, daß die jeweiligen Wünsche in Erfüllung gehen und mir, daß ich noch viele interessante Berichte von Euch lese! mehr weniger
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    schrieb am 30.07.2012 um 14:38
    Hey Sarah und Jean: ´Wünsch' Euch weiterhin viel Erfolg +i auch Spaß mit eurem Projekt mitsamt Auswertung. Übrigens, unter anderem Euerer Sichtweise, dass das Wort "Nachhaltigkeit" durch quasi inflationäre Benutzung heute schon fast zur Bedeutungslosigkeit abgegriffen ist, kann ich nur ausdrücklich (und mit Bedauern) zustimmen. - p.s Für ALLE: A propos "Transportmittel Segelschiff" ... Es lohnt sich z.B. auch mal das Wort " Öko-Verkehrs-Revolution " in das Utopia-Suchfeld einzugeben ;`)
    sowie auch z.B. in die Gruppen
    "Mobilität & Verkehr" ( www.utopia.de/gruppen/mobilitaet-verkehr-85/forum ),
    "Fahrradfahren" ( www.utopia.de/gruppen/fahrradfahren-135/forum ) und
    "nachaltig Reisen" ( www.utopia.de/gruppen/nachhaltig-reisen-232/forum )
    reinzuschauen (nur als Beispiele / Anregungen, v.a. für Leute, die hier erst noch relativ neu sind, viell. auch für User, die schon länger hier sind, denn so manches entdeckt eine/r ja auch erst später mal. mehr weniger
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