Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopist "pg.becker" im Interview

Saisonal, regional und bio - am Ende landet man bei Wildkräutern

Sie kennen den Japanischen Knöterich oder das Indische Springkraut nicht? Und weder Newtella noch Barbie Marmelade sind Ihnen ein Begriff? Dann lesen Sie jetzt das Interview mit Utopist „pg.becker“und erfahren Sie Faszinierendes über Wildkräuter und wie man mit Messer und Gabel statt Chemie gegen schädliche Pflanzen vorgeht.


Utopia: Du bist Koch, Gesundheitsberater für Ernährung und Wildkräuterführer. Wie kam es zu diesem wunderbaren Dreiklang? 



pg.becker: Ich habe angefangen als Koch zu arbeiten, weil Ernährung für mich sehr wichtig ist. Kochen ist für mich nicht nur ein Beruf, sondern gibt mir die Möglichkeit, tagtäglich meine Lieblingsbeschäftigung auszuüben und dafür bezahlt zu werden. Außerdem hat mich die Welthungerproblematik tief berührt und eine Lösung konnte meines Erachtens auch nur in unentwegter Recherche gefunden werden. Sich in Vollwerternährung auszubilden, war für mich der moralische Berechtigungsschein, um Veränderungen vorschlagen zu können. Und wenn man die Schlagwörter gesunder Ernährung - „saisonal, regional und biologisch“  - eingehend beleuchtet, kann man nur bei den Wildkräutern landen.

"Ich wollte nie Marmeladenmulti werden"

Utopia: Auf deiner Webseite prangt der Schriftzug „Knöterich Manufaktur“. Was verbirgt sich dahinter?

pg.becker: Oberflächlich betrachtet einfach nur eine Fertigungsstätte für Wildkräuterprodukte. Da ich aber aus naturschutzfachlichen Gründen ursprünglich nur Japanischen Knöterich verarbeiten wollte, um diesen Schädling als Lebensmittel bekannt zu machen, war dieses Ziel namensgebend. Mittlerweile verarbeite ich ungefähr 50 verschiedene Pflanzen, wobei ich die geschäftsschädigende Eigenschaft habe, auch die Rezepte meiner Produkte weiterzugeben. Ich wollte nie Marmeladenmulti werden, sondern „Zeigerprodukte“ entwickeln, um Wildkräuter als Gesundheitsreform des armen Mannes und als ungenutzte regionale Ressource vorzustellen.

Utopia: Wildkräuter wie Bärlauch, Löwenzahn oder Brennnesseln kennen viele Menschen. Erzähle doch mal ein bisschen über unbekanntere Wildkräuter, die du besonders empfehlen kannst.

pg.becker: Besonders empfehlen würde ich dabei natürlich den Japanischen Knöterich, weil dieser pflanzliche Neubürger nicht nur flächendeckend verfügbar und überaus gesund ist, sondern auch unsere heimische Biodiversität zu verdrängen droht, seit er sich ungehindert verbreiten kann. Denn das Gewächs hat außer mir und meinen Kunden keine natürlichen Feinde. Darüber hinaus: jede Knöterichpopulation, die wir mit Messer und Gabel dezimieren, muss nicht mit Chemie bekämpft werden. Denn in 20 Ländern der nördlichen Hemisphäre wird Knöterich selbst an Fliessgewässern massiv mit Totalherbiziden wie Roundup begiftet. Das können wir verhindern, indem wir ihn essen und als Lebensmittel zum Objekt des Massenkonsums erheben.

"Sich autodidaktisch aus dem Loch der Ahnungslosigkeit hieven"


Utopia:
Wie erkenne ich als Laie die entsprechenden Wildkräuter? Sollte ich zunächst einen Kurs belegen oder gibt es ein Handbuch mit Bildern, das man mit sich führen kann?

pg.becker: Ideal ist es natürlich, einen Kurs zu belegen oder mindestens eine geführte Kräuterwanderung zu machen, wenn man sich essbare Wildkräuter auf die Speisekarte setzen will. Man konsumiert ja nicht wie gewohnt Lebensmittel, die  der scheinbaren Sicherheit einer Produktion entstammen, sondern muss jeweils in Eigenverantwortung entscheiden, was auf dem Teller landet. Da ist es natürlich sehr hilfreich, von einem Experten eingeführt zu werden. Wer keinen Kurs belegen kann, fängt einfach mit der Brennnessel an, die kann jeder Anfänger sogar im Dunkel bestimmen. Da Wildkräuter populärer denn je sind, gibt es eine große Auswahl an fantastischen Büchern. Mein Tipp: in der Bücherei verschiedene Bestimmungsbücher erst mal kostenlos ausprobieren. Auf meiner Website biete ich meinen Einsteiger zur Wildkräuterkunde als Ratgeber mit allen wichtigen Tipps an, um sich autodidaktisch aus dem Loch der Ahnungslosigkeit zu hieven.

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Thema: Utopisten-Interviews, Stand: 07.05.2012 von

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    schrieb am 10.07.2014 um 13:30
    Empfehle Melde, die mit Spinat verwandt ist. Ein überall weitgehend unbeachtet herumwachsendes Wildkraut. Wir bereiten es wie Spinat zu und nutzen es als Grundstoff für Gemüsebouletten. Lecker!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Melde
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    schrieb am 30.04.2013 um 11:45
    Nach den Fotos könnte es sich um http://de.wikipedia.org/wiki/Arznei-Engelwurz
    handeln. Am besten an ihrem würzigen Geruch zu erkennen. 2 Tips dazu: vor der Blüte mähen oder Wurzeln ausgraben und vermarkten ;-))
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    schrieb am 07.07.2012 um 13:44
    Auch ich habe ein Problem mit einer invasiven Pflanze. Sie tauchte kurz nach dem Kauf des Grundstückes auf Sardinien auf und hat mittlerweile nicht nur mein Grundstück, sondern das halbe Tal ausgefüllt, obwohl ich ihr in jedem Frühjahr mit der Sense zu Leibe rücke. Mindestens 500 Pflanzen sind es mittlerweile alleine auf meiner Wiese und beim Nachbarn, der mir freie Bahn lässt.

    Es handelt sich um einen Doldenblütler, der bis zu 2 m hoch wird und im Sommer seinen Samen weit schleudert. Wo ich sense, sieht es bald aus, wie "verbrannte Erde", denn sonst wächst dort nichts mehr und die abgestorbenen Pflanzenteile werden schwarz und alles wirkt abgebrannt.

    Die Blätter der Pflanze sehen aus wie Maggi-Kraut, werden aber viel größer. Später verholzt das Ganze. Jemand meinte mal, das sei Pferde-Eibisch und somit als Salat essbar, doch die gefundenen Bilder dazu stimmten überhaupt nicht überein und der soll ja eher selten sein.

    Hast Du eine Idee dies einzudämmen oder zu nutzen? Wäre toll!

    Bilder habe ich hier:

    http://up.picr.de/11079574ny.jpg

    http://up.picr.de/11079601up.jpg

    http://up.picr.de/11079617sp.jpg mehr weniger
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    schrieb am 10.05.2012 um 21:46
    Hallo Peter,
    natürlich schaffst du damit Toleranzen - trotz Schild. Es spricht sich nämlich herum dass diese Pflanzen essbar sind und was essbar ist, "kann bekanntlich nicht schädlich sein" - sagen die Leute. Sprich mal mit denen, die an Kräutern grundsätzlich interessiert sind, aber nicht grundlegend informiert. Geh mal raus aus deinen Kreisen. Gerade die Kochbücher mit den tollen Tipps was man alles auch Knöterich machen kann schafft Toleranz der Pflanze gegenüber. Mal davon ab, dass die breite Masse keine Wildkräuter isst und schon gar nicht in den Mengen, die es bräuchte um diese Pflanzen in den Griff zu bekommen. Du selber wirst dir die Sammelgründe nicht abgraben, indem du sie zu Tode erntest. Allein der Aufwand die Wurzeln auszugraben treibt die Kosten hoch und eine Massenvermarktung von Knöterich - die bräuchte es um die Bestände zu begrenzen - wirst du an keinem Currywurststand durchsetzen können. mehr weniger
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    schrieb am 10.05.2012 um 20:38
    Ich halte es für mehr als fragwürdig, für Pflanzen die unsere Natur nachhaltig schädigen, eine Toleranz zu schaffen. In den Köpfen der Menschen wird hängen bleiben: "essbar" = gut. Samen vom Springkraut zu verkochen bedeutet, mit jeder Ernte Samen zu tausenden zu verteilen. Ich rücke ihm lieber regelmässig mit dem Rasenmäher zu Leibe bevor er überhaupt blüht. In den Mengen wie diese Pflanzen stellenweise wachsen, kannst auch du sie nicht verkochen. mehr weniger
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