Das "berühmte Restrisiko" habe sich jetzt in Japan realisiert, sagte gestern Norbert Röttgen der ARD. "Das ist schon eine Zäsur, weil jetzt doch das passiert ist, was man immer gesagt hat, das kann nicht passieren, wir haben alle Sicherungen dagegen - das ist etwas sehr Veränderndes", meint der Bundesumweltminister.
Restrisiko: Laufzeitverlängerung auf dem Prüfstand!
Und tatsächlich, Bundeskanzlerin Merkel bestätigte heute das vorübergehende Moratorium der Laufzeitverlängerung für drei Monate. Den zeitweiligen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg sozusagen. Die schwarz-gelbe Regierung will nun erstmal jedes deutsche Atomkraftwerk auf den Prüfstand stellen.
Auf den ersten Blick darf sich der Bundesbürger glücklich schätzen. Die Mehrheit der Deutschen ist ja nicht allzu gut auf Atomkraft zusprechen, da ist es doch eine gute Sache, wenn das Unglück in Japan unsere Regierung nochmals dazu bringt, über die Sicherheit der deutschen Meiler nachzudenken. Auch auf den zweiten Blick bleibt die Wiedereröffnung der Debatte eine begrüßenswerte Angelegenheit, keine Frage. Aber zum Wohlgefallen mischt sich mindestens Ungläubigkeit, vielleicht sogar ein wenig Wut.
Risiko: berechenbar, entscheidbar, nicht beherrschbar
Risiken bezeichnen mögliche Ereignisse in der Zukunft, deren Eintreten es zu vermeiden gilt. Sie unterscheiden sich von der unkonkreten Gefahr durch zwei Eigenschaften: Sie gelten 1.) als berechenbar und darum kann man sich 2.) entscheiden, ob man ihre Möglichkeit in Kauf nehmen möchte, oder nicht. Letztendlich beherrschbar sind Risiken freilich nicht, ansonsten müsste man sich nicht dazu entscheiden, sie einzugehen.
Nach allem wohl kalkulierten Gutdünken hatte die schwarz-gelb Bundesregierung im September 2010 also die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschlossen. Demnach galt die Wahrscheinlichkeit einer Gefährdung der Bevölkerung als vertretbar. Das Risiko konnte man eingehen, die Sicherheit der Atomkraftwerke: ausreichend.
Verkalkuliert: Wie viel Risiko wollen wir hinnehmen?
Welche Gründe erlauben es also unseren politischen Entscheidern, ihr bedächtiges Urteil zu überdenken? Nicht die eigentliche Katastrophe, die sich in Japan abspielt. Menschliches Leid und unwirklich anmutende Bilder der Zerstörung gelten im berechnenden Risikodiskurs nicht. Es ist die Tatsache, dass man sich in Japan beim Bau der Atomkraftwerke verkalkuliert hat. Die Natur hat sich nicht an die größte angenommene Erdbebenstärke gehalten. Die meisten Atomkraftwerke können in Japan eine Erdbebenstärke von 8,2 aushalten, das Beben hatte eine Stärke von 9 ... Genau das bezeichnet Röttgen, wenn er von einem „Restrisiko“ spricht, welches sich nun in Japan realisiert hat.
War es also wirklich nötig, dass sich das Risiko der Atomkraft anderswo als Katastrophe verwirklicht, damit man hierzulande begreift, in der eigenen Risikokalkulation daneben liegen zu können? Diese Frage stimmt nachdenklich. Bedenkt man, dass Atomkraft bei weitem nicht die einzige moderne Risiko-Technologie ist, tun sich sogleich weitere auf. Der Soziologe Ulrich Beck, der Autor der Risikogesellschaft, hat sie jüngst in einem Interview mit dem Deutschlandradio auf den Punkt gebracht:
"Wir werden akzeptieren müssen, dass eine risikofreie Gesellschaft nicht möglich ist, daran aber anknüpfend die Frage diskutieren müssen, wie viel Sicherheit, wie viel Risiko wollen wir hinnehmen, was macht die Kultur der Unsicherheit aus, in der wir leben wollen?"


Die besten Ökostrom-Anbieter
Kommentare (24)
abonnieren
Japaner, die in Polen studieren erzählen, was in Tokio gesagt wird, medienfern ...
Ruft doch mal in Disney in Tokio an, da spricht man Englisch ...
Den ganzen Text könnt ihr hier lesen:
http://www.utopia.de/blog/leben-eben-bunter-mix/ruft-doch-mal-in-disney-in-tokio-an-da-spricht-man mehr weniger
Du schreibst "Billiger oder gar sauberer Atomstrom: das ist eine perverse Lüge, die angesichts der Todesopfer in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schon satanisch anmutet."
Genau das, die "satanische Anmutung", treibt mich vor dem Hintergrund des ansonsten bei jeder Gelegenheit hochgehaltenen "Christlichen Welt-und Menschenbildes" schon seit Jahrzehnten um.
Und es ist schwer erträglich, dass das offizielle Christentum hinsichtlich der eigentlichen Tiefe der atomaren Menschen-u. Erdverseuchung platter als eine Briefmarke ist. mehr weniger
Das Verursacherprinzip sollte gnadenlos streng bei gefährlichen Technologien wie Atomspaltung angewendet werden, dann erfolgt der Wechsel zu ökologisch und ökonomisch verträglichen Technologien von selbst. mehr weniger
Wieso ist es eine Zäsur, 14 Tage vorher war alles sicher, nach dem Gau nicht mehr. Das ist unlogisch, die vermeintliche sicherheit, das Rest-Risiko war es immer.
Was uns halt jetzt vor Augen gehalten wird von der Natur, ist, dass das Rest-Risiko in Rauch aufgegangen ist, in radioaktiven Rauch.
Wenn dieses Rest-Risiko also auch unter "höchsten sicherheitsvorkehrungen" immer noch eintreffen kann, dann ist es ein Gau-Risiko.
Insofern war es immer falsch und unglaubwürdig zu behaupten, wir könnten damit leben. Das Auto fahren bietet auch ein Rest-Risiko, man und vieleicht auch einige mehr können Schaden erleiden, sterben.
Vermutlich hat man so ein Vergleich angestellt, als man Rest-Risiko meinte
Nun., ich hoffe, dieser Gau wird wirklich eine Zäsur, wer immer an der Regierung sitzt, er sollte seine Verpflichtung Schaden von Deutschen Volke abzuwenden, intensiver nachkommen.
Zeigt dieser Regierung bitte, dass sie so nicht weitermachen kann. Ich halte zwar nichts davon Landtagswahlen für Bundespolitik zu instrumentalisieren, aber hier ist auch dieses mittel gerechtfertigt.
Warum nicht eine Vertauensfrage im Bundestag gestellt wird, da versteh ich die Opposition nicht, die Chance jetzt zu kippen, wäre günstig.
Leider haben wir keine starke SPD mehr und die Grünen und Linken sind zu handsam, wollen alle Wahlen gewinnen. Alles Kalkül, wie immer! mehr weniger