Wie bei mir: ich erinnere bei Familienfesten ab und zu an den CO2-Ausstoss von Onkels neuem Auto. Monothematische Typen nerven, das ist bewiesen. Und natürlich blockiert die Einseitigkeit auch andere wichtige Aspekte des Lebens. Ich spreche beispielsweise wenig über Freiheit, obwohl ich auch sehr für Freiheit bin. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass ich als schwäbisch-niederländischer Europäer immer in Freiheit gelebt habe. Das heißt nicht, dass mir die Freiheit egal ist. Sicher kann ich da noch einiges von unserem neuen Bundespräsidenten lernen. Er wiederum ist sicher nicht gegen die Nachhaltigkeit, wo doch Freiheit und Nachhaltigkeit zusammen gehören.
Ja, Sie hören richtig. Öko und Nachhaltigkeit hat viel mit Freiheit zu tun. Und nicht etwa mit Unfreiheit. Viele denken ja sofort an Glühlampenverbot oder an ein Tempolimit und meinen, eine echte Nachhaltigkeitspolitik fördere nur den Hang zur Ökodiktaktur. Nein, eher im Gegenteil. Nicht nachhaltige Politik und Handeln führt zur Unfreiheit. Unfreiheit der Verkehrsmittelwahl beispielsweise: Ich habe letzte Woche eine Stadt ohne Fahrradinfrastruktur gesehen. Ich war in Aberdeen in Schottland. Unvorstellbar! Eine Stadt ohne Fahrräder! So etwas ist eine schlimme Freiheitsberaubung. Zwangsmotorisierung und Autodiktatur durch verantwortungslose Verkehrsplanung. Und leider gibt es das auch immer noch in Deutschland. Da frage ich mich manchmal, warum sich Bürger eine solche Beschneidung ihrer Freiheit bieten lassen. Ich erwarte gerade in Sachen Fahrradwege klare Worte vom neuen Bundespräsidenten.
Deshalb hoffe ich, es gibt eine Schnittmenge zwischen dem Gauckschen Freiheitsbegriff und dem Umbau der Industriegesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit. So sollte der Bundespräsident beispielsweise etwas sagen zu einem schwierigen Problem der Freiheit: dem Kauf einer Hose. Ich war am Wochenende in Maastricht in einem „fairtrade“ Hosenladen. Recht einfache aber grundehrliche Hosen ab 125 Euro. Joachim Gauck sagte in seiner Antrittsrede „zur Freiheit gehört die Verantwortung“. Sehr gut. Meine Freiheit in Deutschland im Konsumkapitalismus ist ja sagenhaft: ich könnte eine Hose um 12.50 Euro kaufen.
Die wiederum hängt sehr oft direkt mit der Unfreiheit anderer zusammen. Beispielsweise unserer Näherinnen in Bangladesh, denen verwehrt wird, einer Gewerkschaft anzugehören. Oder während der Arbeit aufs Klo zu gehen. Meine Freiheit zum Schnäppchen bedeutet also Ausbeutung. Was sagt Gauck dazu? Nehmen wir an, ich kaufe die Hose um 12.50 Euro: handelt es sich um einen Missbrauch meiner Freiheit auf Kosten anderer? Mich würde freuen, wenn ein Bundespräsident auch mal was Schlaues sagen könnte zum Eingemachten des globalen Kapitalismus. Hier braucht es nämlich tatsächlich neue moralische Debatten und vielleicht auch einen neuen moralischen Grundkonsens. Bisher gehörte die Sorge um die Freiheit unserer Hosenproduzenten nicht unbedingt zum Wertekanon dieser Gesellschaft.
Schritte nach Utopia
Gehen Sie mit! mehr ...
Ähnlich ist es mit unserer Verantwortung für die Freiheit künftiger Generationen. Auch dazu würde ich gerne was hören: wo genau müssen wir unsere Freiheit freiwillig beschneiden, um die Spielräume künftiger Generationen zu bewahren? In Sachen Atomkraft hat die deutsche Gesellschaft einen Grundkonsens zum Ausstieg gefunden. Dahinter steckt eine Menge moralischer und emotionaler Überzeugung. Interessanterweise kam dieser moralische Konsens aus der Gesellschaft und nicht vom politischen Spitzenpersonal. Bei der Nachhaltigkeit ist es bisher ähnlich. Auch hier sind Teile der Gesellschaft bereits weiter als die Politik. Darum wird es spannend, wo Gauck die Grenzen unserer Freiheit sieht: bei Dienstlimousine über 350 g/km CO2? Bei Geschwindigkeiten jenseits der 120 km/h auf der Autobahn? Oder bei subventionierten Billigflügen nach Mallorca?


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Kommentare (30)
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Freiheit braucht Empfindsamkeit aber auch Kultur!
Deine Beiträge zeigen ausnahmslos, daß Du ein Mensch bist, der im Hier und Jetzt zwar stark verankert ist, aber von einer wirklichen Unfreiheit noch nie etwas gehört, geschweige denn, selbst erlebt hast. Deshalb beziehst Du alles, was mit Freiheit zu tun hat auf Konsum und Marktwirtschaft.
Wenn man für die Zukunft lernen will, darf man die Vergangenheit nicht ignonieren.
Wenn Du Dir nur ein paar Info`s über Gaug`s Leben reinziehst, wirst AUCH DU feststellen, daß die Leute in der DDR nicht aus "Not und Mangel" auf die Straße gingen. Dann bemerkst Du vielleicht, daß es etwas gab, was man Diktatur nannte. In einer Diktatur gab es einen Diktator, der diktiert.
Vielleicht sollte man das - zur besseren Verständigung zwischen den Generationen - als Basis und damit als Gegenteil zur Freiheit nehmen.
Hallo Stephan Rieping!
Natürlich stimme ich Dir zu, daß Freiheit sehr anspruchsvoll ist und auch Herzensbildung verlangt. Es erfordert Sensibilität, vielleicht ist das der Grund, warum oft Menschen, die in ihrer Freiheit beschnitten wurden, diese zu respektieren wissen.
Zum Glück bewegen wir uns, trotz aller Rückschläge einer Bewußtseinserweiterung entgegen. mehr weniger
Taugt nichts? Frag mal den Käufer der 12€ Hose, den Kunden am Grillhähnchenstand, den Aldischnäppchenjäger oder da unten den Hern Assad. Für die Leutchen taugt das als Einbahnstraße ganz gut. Ist doch schön, wenns kein Gegenverkehr gibt.
Der Freiheitsbegriff bezieht ja traurigerweise sich von der Grundphilosophie her nur auf den der sie praktiziert. Da findet sich dann die Systemimmanenz wieder.
"Daher ist ein hohes Maß an (Herzens-)Billdung grundlegende Voraussetzung für die verantwortungsvolle Inanspruchnahme von Freiheit." - Wunderschön gesagt! ;D mehr weniger
Wirkliche Freiheit ist ungeheuer anspruchsvoll!
Denn: FREIHEIT ohne VERANTWORTUNG - heute häufig praktiziert - taugt nichts!
Daher ist ein hohes Maß an (Herzens-)Billdung grundlegende Voraussetzung für die verantwortungsvolle Inanspruchnahme von Freiheit.
Aber genau hier hapert es in unserer Gesellschaft nach meinem Gefühl zunehmend, weil immer größere Teile aus ganz verschiedenen Gründen von (Herzens-)Bildung abgekoppelt werden. Zu den wichtigsten Gründen gehört natürlich die immer weiter fortschreitende soziale Spaltung und die, ich nenne es jetzt mal, systemimmanente Verantwortungslosigkeit unseres "liberalen" Wirtschaftssystems. mehr weniger
Wenn man den Begriff - FREIHEIT - verwendet, muss man doch immer fragen, wessen Freiheit ist gemeint?
Wo meine Freiheit aufhört, fängt die des nächsten an und umgedreht.
Wir sind eben alle mit einander verbunden - nicht 12 Mann oder 17 Millionen sondern ganz Deutschland, Europa oder die ganze Welt. Wenn wir das begriffen haben, können wir, wie die 17Millionen die Chance nutzen zum Umbruch, Aufbruch, Rebellion, aber wir sollten uns nicht so aufkaufen lassen, wie sie damals, dann gibts kein Zurück mehr.,
Bis dahin brauchen wir noch sehr viel Zeit für Bildung, Zeit und Ruhe, bedingungsloses Grundeinkommen. mehr weniger