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Kolumne: Ökosex

Jetzt neu: ich bin ein Feindbild!


Nun ging aber bisher alles schief, was schief gehen kann. Gegen die geplante Wasserkraft an der Maas haben die Fischfreunde geklagt und bekamen erst mal Recht. In der bereits erstellten Genehmigung waren die Fischverluste nicht genügend evaluiert. Die Photovoltaikpläne stocken, weil ein geplantes neues Stadtviertel wegen der Finanzkrise teils auf Eis liegt. Und gegen die Windräder gab es von Beginn an heftigen Protest der Leute, die am dichtesten dran wohnen. Letzte Woche war dann eine Art D-Day, ein Erörterungstermin im Stadtrat mit der Chance für Bürger, ihre Stimme hören zu lassen. Super! Gelebte Demokratie ist ja eine feine Sache.

Auf der Rednerliste hatten sich elf Bürger eingetragen. Zehn sprachen vor mir. Es waren die Gegner der Windmühlen, vereinigt in verschiedenen Nachbarschaftsinitiativen. Und die waren genauso drauf, wie früher meine Freunde in den Bürgerinitiativen, wenn es gegen Atom, Verkehrsprojekte oder sonstige Umweltschweinereien ging: Wut in ihren Augen, Schaum vor dem Mund. Im Saal waren heftige Vibrations unterwegs.

Kurz zusammengefasst: der Stadtrat versündigt sich wegen schnöder Investoreninteressen an der Gesundheit der Anwohner. Windkraftanlagen machen krank. Die Geräusche sind unerträglich, das Flackern katastrophal, dabei bringen sie nix. Nullkommanull. Viel zu teuer und unsinnig. Offshore sowieso viel besser. Alles nur Prestigesucht.

Eigentlich war es wie bei Stuttgart 21: eine echte Debatte über Fakten, mögliche Gesundheitseffekte und Geräuschpegel war nicht möglich. Meine Mitbürger misstrauen dem System zutiefst, auch wenn die Stadt argumentiert, alle gesetzlichen Vorlagen einzuhalten. "Alle korrupt!" Die gesetzlichen Lärmbestimmungen sowieso zu lax und die Angaben der potentiellen Betreiber geschönt. Der neunte Eisenharte Windenergiegegner sprach von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Dänemark: tiefe Töne, sehr besorgniserregend. Ganz neutral betrachtet, fand ich das recht schlau gemacht. Auch dieser unglaubliche Schrecken war gut vorgetragen.

Nach der zehnten Bürgerin hatte sogar ich das Gefühl, diese Windmonster sind wesentlich gefährlicher als Atomkraftwerke, landschaftsvernichtender als Braunkohle und lärmender als jede Stadtautobahn. Dann durfte ich sprechen. Als letzter. Als einziger Freund der Windmühlen. Und tatsächlich sagte ich Dinge, die Vertreter der korrumpierten Politik immer so daher reden. Sprach vom Verständnis der Sorgen und Ängste (!?). Aber auch vom Abwägen der Vor- und Nachteile (mhm). Von der großen Chance dieser Investition für die lokale Ökonomie und den Klimaschutz (uih!). Sprach von echten Risiken: vom 35 Kilometer entfernten alten belgischen Atomkraftwerk, vom benachbarten Garzweiler und den zerstörten Braunkohle-Dörfern in NRW (schnief!).

Und auch für mich selbst völlig unerwartet: ich sprach Betreiber und Stadt mein Vertrauen aus und betonte die Rechtmäßigkeit des Genehmigungsverfahrens. Rechtmäßigkeit! Zu Recht wurde ich später von den Bürgerinitiativen als das angesprochen, was ich bin: „der Feind!“ Ein mieser korrumpierter Büttel der Macht.

Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 15.02.2012 von

Kommentare (10)   abonnieren

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    schrieb am 16.02.2012 um 10:53
    Das Traurigste an den meisten "Diskussionen" ist, dass es eigentlich nur zu einem Meinungsaustausch kommt. Niemand will sich dann so recht bewegen und Argumente haben die Wirkung von heißer Luft, egal wie gut sie sind. Eigentlich gemeinsame Ziele wirken immer konträrer und widersprüchlicher und das Potenzial, welches ein "gemeinsames Anpacken" gehabt hätte, verpufft und verraucht, nur der Ärger über die eigentlichen Mitstreiter nicht.
    Wer dann daneben steht und sich die Hände reibt, kann sich wohl jeder denken...
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    schrieb am 16.02.2012 um 15:50
    Ergänzung zum ersten Kommentar: Außerdem sind diese "Meinungen" nicht mal wirklich subjektiv, sondern (auch und zu einem großen Anteil) medial vermittelt. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sämtliche sich neu etablierenden Bewegungen erstmal opportunistisch gegenüber aktuellen Themen eingestellt sein müssen. Völlig gleichgültig gegenüber "wirklich objektiver" (streitbar!) Kriterien, wie der begrenzten Wissensfähigkeit oder nicht intedierter Nebenfolgen jeglicher Handlungszusammenhänge. Verflixte Komplexität! Sind alle nur noch Opportunisten, Mitläufer, oder korrupte, monopolisierte Meinungsvermittler, die den Anschein einer wirksamen "Gegenmacht" erzeugen wollen, um genau diese zu unterbinden?
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    schrieb am 16.02.2012 um 21:14
    Lieber Leidensgenosse,
    so ein beliebter Öko-Fuzzy bin ich jetzt auch!!!

    Nachdem ich als Vorsitzender meines Vereins Energietsch-Lübeck eine Webseite für den Aufbau dezentraler Strukturen mit Erneuerbaren Energien für unsere Stadt Lübeck aufgebaut hatte, wagte ich einen "Appell zu Windkraft " vor Ort. Daraus entstand ein Aufsatz mit dem Titel:

    "Appelle zur Windkraft in Lübeck und für Lübeck".

    Nach und nach kriegte ich mein Fett weg.

    Z.B. auf der Jahreshauptversammlung der BUND-Kreisgruppe, der ich als Beisitzer beiwohnte, wurde ich ungefragt thematisiert. und sah mit einem mal in viele verneinende Gesichter, die auf mich gerichtet waren. Das Kopfschütteln hörte gar nicht mehr auf, wo ich auch hinschaute. Da ich zu dem Thema nicht's gesagt hatte, wurde mir mit einem mal erst jetzt klar, worum es hier überhaupt ging:

    "Ich hatte unserem Vorsitzenden zur Landesdelegiertenversammlung ein gedrucktes Exemplar der Präsentation zu diesem Thema in die Hand gedrückt". Selbiger hatte aber über Jahre hinweg im gesamten Lübecker Süden für Naturschutzgebiete gekämpft und erklärte mich jetzt auf diese Weise wortlos zu seinem politischen Gegner!
    Wer den Teufel "Klimawandel" mit dem Belzebub "Windkraft" austreiben will bekommt es nicht nur mit Immobilienschützern und Wahlkämpfern, sondern auch mit dem klassischen Naturschutz zu tun!!!
    Das hätte mir doch klar sein müssen, oder!???
    Nun bin ich ein (un)geliebter Quertreiber und kann es mir bis heute nicht abgewöhnen, meine Sicht der Dinge laut zu verkünden:
    Ich fordere jeden, der sich mit diesem Thema ernsthafter auseinandersetzen will auf, seinen Standpunkt
    über unsere Vereins- Appelle zur Windkraft mit eigener Urteilskraft zu finden und füge hier den Link zu unserer Revolutionsschrift an:

    http://www.energietisch-luebeck.de/diverses/Resources/ETL-Pressekonferenz_Windkraft.pdf

    Vielen Dank an Euch(Sie) alle für die unendliche Geduld

    Jürgen Heinrich
    Vorsitzender im EnergieTisch-Lübeck
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    schrieb am 17.02.2012 um 11:01
    "Wo ein Feuer brennt, da gibt es Rauch" sagt meine Nachbarin immer.
    Man kann es nie allen recht machen. ;-)
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    schrieb am 17.02.2012 um 10:51
    @Lao-C: Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass sämtliche sich neu etablierenden Bewegungen erstmal opportunistisch gegenüber aktuellen Themen eingestellt sein müssen.
    So funktioniert es. Wenngleich "neu" müssen sie nicht sein. Ich denke auch unter uns Ökos gibt es verschiedene Prioriäten. Tierschutz vor Erneuerbaren Energien z.b.

    Und "verflixte Komplexität" - ja, das ist wohl für uns alle eine echte Herausforderung, denn in jeder Gegenposition könnte ein Fünkchen Wahrheit stecken, die man noch nicht erkannt hat - oder, das bewegt mich noch viel mehr - Gegenargumente nicht zulässt, weil sie nicht ins ökokorrekte Weltbild passen. Da fühlt man sich lieber als un(geliebter) oder korrumpierter Büttel der Macht als die eigene Position zu überdenken. Es gibt keine objektiven Argumente, die nur für Windkrafträder sprechen. Natürlich sind Windkrafträder wichtig, aber vergessen wir nicht dabei den Naturschutz, die Tiere, Vögel, besonders die Rotmilane und unsere Tiere im Meer?
    Was wissen wir bei dem schon bestehenden Lärm durch den Schiffsverkehr über die Langzeitfolgen von Schallwellenemissionen der offshore Windkraftanlagen. http://www.delphinschutz.org/wissen/meeressaeuger/offshore-windenergie.html#seetaucher.
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    schrieb am 17.02.2012 um 11:45
    Oha, da steht uns ja was bevor: Wir wollen am nächsten Wochenende das Thema Windkraft in Harsewinkel im Rahmen einer Podiumsdiskussion wieder in Gespräch bringen. Beim ersten Versuch vor knapp zehn Jahren sind wir so kläglich gescheitert, dass man vom Gegenwind wohl ganz Harsewinkel hätte vollversorgen können.

    Aber ich habe das Gefühl, dass sich der Wind mittlerweile doch gedreht hat.

    Und in zehn Jahren werden auch in Maastricht zehn dafür und vielleicht noch ein Unverbesserlicher dagegen sprechen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass der Benefit - und damit meine ich sowohl den wirtschaftlichen Profit als auch die Versorgungssicherheit - für möglichst viele Bürger direkt spürbar wird.
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    schrieb am 17.02.2012 um 16:28
    Dann wünsche ich Euch alles Gute!
    Ich glaube die Meinung in Ortschaften wird häufig von ein paar Meinungsmachern bestimmt. Dein Satz zum Benefit ist genau richtig. Die Leute müssen auch einen direkten Vorteil davon haben! ZB bietet Naturstrom den "Anwohnern" ihres Windparks einen Rabatt auf ihre Strom-Grundgebühr.
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    schrieb am 17.02.2012 um 16:30
    @MartinUnfried
    Ich empfehle jedem, sich mal bei verschiedenen Windstärken einem solchen "Ungetüm" zu nähern. Und ehrlich aufzuschreiben, ab wievielen Metern er überhaupt ein Geräusch durch die Anlagen wahrnimmt. Und ab wann er es als störend empfindet. Geräuschdiskussionen sind häufig Phantomdiskussionen.
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    schrieb am 13.04.2012 um 23:54
    "Geräuschdiskussionen sind häufig Phantomdiskussionen"
    Ständige Hintergrundgeräusche kann man zwar ignorieren, haben aber dennoch Auswirkungen auf die Gesundheit.
    http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%A4rm
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    schrieb am 13.04.2012 um 22:12
    Nur weil man gegen ein Winrad ist daß vor der eigenen Haustür steht ist man noch lange kein Windkraftgegner. Wenn man bei Wind unter einem Winrad steht will man nur noch weg. Ich habe auch Ökostrom, kaufe im Bioladen, fahre ein sparsames Auto, kaufe second hand...
    Wenn ich sehe daß Windräder so nah an andere Windräder aufgestellt werden daß sie diesem den Wind wegnehmen, einige Leute nur aus Profitgier ein Windrad bauen und es so weit wie möglich von ihrem eigenen Haus entfernt lieber dem Nachbarn vor die Tür setzen, Stromschwankungen bei Windausfall nicht ausgeglichen werden können und deshalb in einem Krankenhaus der Strom ausfällt (das habe ich mir nicht ausgedacht, das passiert alles in meinem Wohnort). In unserem Ort wird der Stromverbrauch zu über 80% aus erneuerbaren Energien gedeckt. Von meinem Fenster aus kann ich 20 Windräder sehen und bei passender Windrichtung auch hören und nachts hat man eine rotblinkende Außenbeleuchtung.
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