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Ökosex-Kolumne

Mehr überdachte Ideen

Philosophisch angehaucht überlegt Martin Unfried diese Woche, was mit den großen Visonen der Nachhaltigkeit passiert ist. Wo sind die spektakulären Ideen? Warum werden manche Forderungen als Träumereien abgetan? Steht er mit seinen Ideen von überdachter Mobilität und überdachten Radwegen etwa allein in der Gesellschaft da?


Die Welt ist bekanntermaßen philosophisch gesehen Vorstellung und Idee. Meine Vermutung ist, dass wir Freunde der Nachhaltigkeit ein bisschen zu bescheiden sind, wenn es um den großen Wurf geht. Realpolitik braucht nämlich immer wieder mal geräumiges Denken, über den Mainstream hinaus. Ein gutes Beispiel für den Bedarf an neuen großen Ideen ist die Mobilität.

Viele Deutsche können sich bis heute nicht vorstellen, in ihrer Stadt mit einem Fahrrad unterwegs zu sein. Das ist einleuchtend, denn bis heute wohnen die meisten in einer Autofahrerstadt. Und kein Selbstbetrug bitte: trotz des ein oder anderen Radweges ist die Idee „Autofahrerstadt“ bis heute gut in Schuss. Dieser Traum der Autogesellschaft wurde in den 50er Jahren mit viel Geld und Beton verwirklicht. Da war es natürlich ein super Sprachwitz, dass in den 70er Jahren extra „Zonen“ eingerichtet wurden, in denen der Mensch zu Fuß gehen durfte. Momentan werden in diesem Sinne die bisher mickrigen Zonen für das Radfahren etwas erweitert.

Die Richtung des Denkens hat sich allerdings noch nicht gedreht. Das Problem: Bis heute können sich viele nicht mal vorstellen, was eine echte Fahrradstadt sein könnte. Radikal weniger Raum für Autos? Radboxen statt Parkplätze und Garagen vor den Häusern? Ein konsequenter Rückbau der Autospuren? Züge und Busse als Standard mit komfortabler Fahrradmitnahme?

Wer so etwas fordert, gilt schon als Träumer. Und das, obwohl mit dem Pedelec heute sogar ein praktisches Elektromobil auf dem Markt ist, dass die Möglichkeiten des Fahrradverkehrs nochmals revolutionär vervielfältigt. Und zwar heute und nicht in einer imaginären Elektroautozukunft. Problem: Die Visionen der Bundesregierung, der Wirtschaft und der Medien haben immer noch vier Räder. Also wartet der Mainstream auf das Wunder des Elektroautos oder der Wasserstoffinfrastruktur. Deshalb gibt es auch keine nationale Plattform für die Pedelec-Stadt von heute, sondern für den Elektrodaimler von morgen.

Und jetzt wird es bitter: Ideenlosigkeit herrscht sogar unter den Freunden der nachhaltigen Mobilität. Die haben nämlich häufig aus Frust an der Trägheit der Kommunalpolitik ihre großen Träume längst aufgegeben und kämpfen zu Recht pragmatisch für den bescheidenen nächsten Radweg. Visionen gelten da eher als kontraproduktiv.


Ich habe mal für Berlin vorgeschlagen, das Geld für die Verlängerung der Stadtautobahn in ein international spektakuläres Panorama Bike-Way Projekt zu investieren. Also in eine atemberaubende Fahrradschnelltrasse auf Stelzen, die kreuzungsfreies Hochgeschwindigkeitsradeln auf bestimmten Magistralen ermöglicht. Viele dachten, das sei ein Witz. Eine Milliardeninvestition für ein Prestigeprojekt für das Fahrrad? Unvorstellbar und völlig unpragmatisch. Ja, wahrscheinlich könnte man mit dem Geld in der Fläche mehr Radwege bauen und anpassen. Aber darum geht es nicht: Es geht um den Leuchtturmcharakter, um die Ausstrahlung des Spektakulären, um die längerfristige Kraft der Idee.

Im Energiebereich haben wir solche Dinge gesehen: Die Schönauer Stromrebellen stellten in den Anfangsjahren natürlich keine wirtschaftliche Bedrohung für die Stromkonzerne dar. Allerdings war den Konzernen gleich bewusst, dass die Übernahme eines Stromnetzes durch eine Gruppe von Bürgern einer Gemeinde eine explosive „Idee“ war. Die Verbreitung dieser Idee hat die deutsche Energiepolitik natürlich hundert Mal mehr verändert als die wirtschaftliche Zwergenmacht der Schönauer. Plötzlich hat sich in vielen Gemeinden die Richtung des Denkens wirklich gedreht. Die bundesweiten Initiativen zur Rekommunalisierung von Netzen und der Boom von Bürgergenossenschaften sind ohne die Schönauer und deren Mut machenden Leuchtturm nicht denkbar. Eine Idee kann also mächtig werden.

Zurück zum Fahrrad: Merkwürdigerweise gibt es nicht viele Leute, die meinen Berliner Panorama-Bike-Way toll fanden und mit einer noch spektakuläreren Vision kamen. Auch meine bescheidenere Idee, Fahrradwege wegen Regen standardmäßig in der Stadt mit Photovoltaikdächern zu überdachen, wurde weder vom ADFC noch vom VCD freudig aufgegriffen. Die haben mich nicht mal angerufen. Die Forderung nach überdachten Radwegen gilt als weltfremd. Für Autos werden dagegen kilometerlange Tunnel durch Städte gegraben, damit es schneller voran geht. Beim Fahrrad brüstet sich so manche Stadt als radfreundlich, wenn sie ein paar Wegweiser aufstellt. Das ist murks.

Also, liebe Freunde des Nackttanzes im Passivhaus: Bitte keine falsche Bescheidenheit, sondern spektakulär überdachte Ideen.

Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 15.07.2012 von

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  • schrieb am 28.07.2012 um 17:26
    Die Situation für Fahrradfahrer scheint innerhallb Deutschlands sehr unterschiedlich zu sein-ich habe das Glück, in einer fahrradfreundlichen Stadt zu leben:

    http://www.utopia.de/gruppen/fahrradfahren-135/diskussion/500-mitglieder-in-der-gruppe-fahrradfahren-201691

    Letzte Woche war ich in Freiburg: und war davon angetan, dass auch dort innerstädtisch sehr viele ausgewiesene Fahrradwege existieren.
    Leider wurden diese oft einfach durch einen "Mittelstrich" vom Fußweg abgeteilt: dadurch ist sowohl der Fußweg als auch der Radweg sehr schmal geraten-fur mich eine Notlösung, da besteht Verbesserungsbedarf.

    Ich bin sowohl Fahrradfahrer, Fußgänger als auch Autofahrer: und da ist eben Rücksicht das oberste Gebot.
    Gäbe es diese auf allen Seiten, müßte ich mir (hier als Beispiel Fahrradfahrer) weder über gedankenlose "Fahrrad-Geisterfahrer", noch über gedankenverlorene Fußgänger, die auf dem Radweg herumlaufen, noch über Autofahrer, die beim Abbiegen den "Blick nach hinten" vergessen, Gedanken machen.

    Ist ein Überdenken wert. mehr weniger
  • schrieb am 28.07.2012 um 10:08
    Überall da wo wenig Menschen leben wo es flach ist wo neues gebaut wird kann das klappen.
    Nur Städtebauer und Bewohner, die regelmässig von Fahrradraudies belästigt werde...die geben doch keine Euros für diiieee aus die....
    villeicht sollten wir Radler mal zahmer fahren damit wir grössere Rechte bekommen..
    mal wieder so ein Gedanke...elke mehr weniger
  • schrieb am 19.07.2012 um 19:56
    Die Niederländer machen es vor: Radschnellwege lohnen sich
    http://www.nationaler-radverkehrsplan.de/neuigkeiten/news.php?id=3200
  • schrieb am 18.07.2012 um 00:43
    Das ist die Gelegenheit, meinen Uralt-Artikel (2008) zur Drei-Wege-Stadt aus der Mottenkiste hervorzuholen. Kern des Modells ist es, einen großen Teil der Stadt für den fossilen, motorisierten Vier-Räder-Verkehr komplett zu sperren und an dessen Stelle Radschnellwege und barrierefreie Fussgängerwege zu bauen:

    Mein Schreibstil von damals gefällt mir nicht mehr, aber das Modell hat nichts an Relevanz verloren und passt genau zu Martins Artikel:

    Bitte hier entlang...
    http://www.geozentrale.blogspot.de/2008/09/energie-heute-und-morgen-teil-2-ein.html mehr weniger
  • schrieb am 17.07.2012 um 10:53
    Eine Vision wäre der kreuzungsfreie Radschnellweg mit Richtungsfahrbahnen durch den Ruhrpott: http://www.utopia.de/gruppen/fahrradfahren-135/diskussion/radautobahnen-in-nrw-geplant-202015
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