Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Kolumne - Ökosex

Der große Held dreht sich für mich

Martin Unfried meint: Wirtschaft von unten braucht neue Gesetze. Unser Kolumnist erklärt, warum er zuhause in den Niederlanden eigenen Windstrom verbrauchen kann und warum das auch in Deutschland nötig ist. Es geht um die Machtfrage: wer produziert wo, wie, für wen und zu welchem Preis? Konzepte wie "Solidarische Landwirtschaft" und "Versichern im Kollektiv" sind neue Antworten darauf.


Hermann Scheer hatte es immer wieder voraus gesagt: Konsumenten werden zu Produzenten, wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu ihren Gunsten verändert werden. Dezentralisierung und Emanzipation von Konzernen fallen eben nicht aus der Luft, sondern müssen politisch gewollt und rechtlich verankert werden. Deshalb ist auch das ganze Generve bei der deutschen Stromdebatte so unglaublich oberflächlich. Es geht nämlich nicht um den abstrakten Preis des Stroms. Mehr noch geht es um die Machtfrage: wer produziert wo, wie, für wen und zu welchem Preis?

Der niederländische Nachhaltigkeitsexperte Jan Rotmans hat gerade ein spannendes Buch geschrieben zum Thema: wie Bürger alle möglichen wirtschaftlichen Aktivitäten aus den Händen der Konzerne nehmen. Das Buch heißt “Im Auge des Orkans” (In het oog van de orkaan) und beschreibt die Niederlande mittendrin in einem spannenden Übergangsprozess dieser Bottom-up Wirtschaft. Der Boom von Energie-Genossenschaften ist auch hier bekannt, Geld abziehen von Großbanken und unterbringen bei kleineren ethischen Banken auch.

Solidarische Landwirtschaft und Versichern im Kollektiv

Ebenso zündet langsam die Idee der solidarischen Landwirtschaft. Wer einen Hof kennt in der Gegend von Maastricht/Aachen, der melde sich bitte bei mir. Ich würde nämlich auch gerne Blumenkohl vom eigenen Hof verspeisen. Überrascht habe ich sogar gelesen, dass es in NL Initiativen gibt unter Selbstständigen, die sich gegenseitig im Fall von Krankheit unterstützen (www.broodfonds.nl). Das ist eine Art Krankenversicherung im kleinen Kollektiv und eben nicht beim großen Versicherer.

Reden ist Silber, eigenes Geld verschieben in diesem Sinne Gold. Das dachte ich letzte Woche und erweiterte mit großem Spaß mein unternehmerisches Portfolio. Bekanntlich bin ich als Genossenschaftsmitglied bereits Miteigentümer einer deutschen Tageszeitung und einer Energiegenossenschaft. Aber schon seit längerem wollte ich auch meinen Strom zuhause in Maastricht selber machen. Auf meinem Dach ist aber kein Platz mehr für PV wegen der Wärmekollektoren. Da kam der große Held gerade recht. Gucken Sie mal auf die Seite: www.windcentrale.nl/teller. Sie sehen eine toll gezeichnete Graphik von zwei Windmühlen mit vielen bunten Köpfen. Die Mühlen heißen “de grote Geert”, also der große Geert, und  “de jonge Held”, der junge Held. Mir gehören bald zwei kleine Anteile vom jungen Helden, der in 10 000 Teile zerlegt wurde.

Modell "Wincentrale": der eigene Windstrom zuhause

Das wäre an sich noch nicht spannend. Viele Leute haben in Deutschland Anteile von Bürgerwindanlagen gekauft. Spannend ist die Windcentrale deshalb, weil ich ab Januar tatsächlich meinen eigenen Windstrom zuhause verbraten kann, obwohl die Mühle woanders steht.Das werden in meinem Fall rund 1000 kWh Strom im Jahr sein, da ich zwei Anteile von je 350 Euro gekauft habe und die ungefähr gut sind für 500 kWh Stromproduktion – je nach Wind. Der Schlüssel zum ganz großen Vergnügen heißt natürlich “Eigenverbrauch”.

Und der ist auch in NL rechtlich gar nicht so einfach zu realisieren. Nun funktioniert das so: Die Windcentrale arbeitet mit einem Ökostromer zusammen, bei dem ich Kunde sein muss und der mir meinen Strom durchleitet. Das Unternehmen gibt mir ab nächstem Jahr pro selbstgemachter Kilowattstunde den Preis zurück, den ich für den reinen Strom (also ohne Steuern und Gebühren) für Strom gezahlt hätte plus Mehrwertsteuer. Das sind im Moment zusammen rund 9 Cent. Logischerweise bezahlen wir natürlich auch für unseren eigenen Strom Netzkosten und lustiger weise auch die volle Stromsteuer. Aber am Ende zahle ich eben für meine Kilowattstunde nicht rund 23 Cent, sondern nur 14 Cent. Und das  reicht mir, um längerfristig besser dazustehen als mit Fremdstrom. Insbesondere wenn der Strompreis steigt. Logischerweise kann ich nur so viele Kilowattstunden selber machen, wie ich auch verbrauche. Es geht eben um Eigenstrom.

Wer es nun schafft, dieses Modell auf Deutschland zu übertragen, bekommt von mir ein Ökosex T-Shirt. Die rechtliche Lage bei der Durchleitung von eigenem Strom ist nämlich höchst komplex. Oder anders gesagt, skandalös unvorteilhaft für den Privathaushalt. Das Modell wäre ein wichtiger Durchbruch: der Einstieg in die Stromproduktion mit 350 Euro pro Anteil ist sehr niedrig und auch für Leute ohne große Ersparnisse möglich. Und es ist wirklich der eigene Strom. Das könnte endlich für viele Mieter ohne Dach der Einstieg sein in die faszinierende Welt der Stromwirtschaft von unten.

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Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 14.11.2012 von

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    schrieb am 21.11.2012 um 07:57
    Ein T-Shirt mußt Du jetzt aber definitiv schon vergeben, Martin. Es gibt nämlich tatsächlich auch in Deutschland einen Windparkt, der seinen Strom direkt an die Bürger verkauft:

    http://www.windpark-lichtenau-asseln.de/

    Lieferanschrift fürs T-Shirt:
    Johannes Lackmann
    Asselner Windkraft GmbH @ Co. KG
    Paderborn

    Sonnige Grüße
    Stephan mehr weniger
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    schrieb am 14.11.2012 um 12:03
    Hallo Stephan,
    da bin ich ja gespannt, ob das klappt! Okay, das T-Shirt wird schon mal reserviert...
    Viele Grüsse
    Martin
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    schrieb am 14.11.2012 um 11:59
    Das ist mal ein hübsches Gewinnspiel. Ich werd noch ein paar "Harsewinkeler Pferdeäppel" drauflegen! Aber ob das reicht . . . ? Ehr geht ein Kamel durchs Nadelöhr . . . !

    Du kannst mir aber trotzdem ein T-shirt zurücklegen, Martin! Weil wir (Energiegenossensschaft) wohl bald PV-Strom für die Mieter von Wohnungsbau eG s produzieren und weit unter Haushaltsstrompreis verkaufen!

    Sonnige Grüße
    Stephan mehr weniger
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