Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Beerdigungen

Nicht die Natur leidet, sondern die Seele



Das gleich vorweg: Utopia kann und will niemandem konkrete Handlungsanweisungen für eine "ökorrekte" Beerdigung geben. Eine derart persönliche und intime Frage wie der Umgang mit dem Tod verlangt nach einer angemessenen Herangehensweise. Denn die Frage, ob Sarg oder Urne aus massivem Eichenholz und die Gebinde aus Fairtrade-Blumen sind, erscheint angesichts der Dimension des Anlasses nichtig. Wer hier eine wissenschaftlich belastbare Abwägung von Feuer- und Erdbestattung unter CO2-Aspekten erwartet, wird enttäuscht werden. Ob Feuer- oder Erdbestattung; das muss jeder ganz für sich allein beantworten. Wir wollen stattdessen zeigen, was es heute für Möglichkeiten bei der Bestattung gibt und wie das Leben ein Ende finden kann, das den Vorstellungen der Betroffenen und Hinterbliebenen gerecht wird. Denn was vor allem bei diesem Thema leidet, ist die Seele – und nicht die Natur.

1. Alles muss seine Ordnung haben. Auch der Tod

Die deutsche Bestattungsordnung liest sich erbarmungslos. Bis ins kleinste Detail ist alles reglementiert. Für Sonderwünsche wie etwa Albert Einstein zu Lebzeiten postulierte – "Werft meine Asche fort!" – ist kein Platz. Die gnadenlos fixierten Vorschriften haben aber auch ihr Gutes: Ökologische Belange etwa stehen schon aus Gründen des Trinkwasserschutzes im Vordergrund. Särge dürfen nur aus Naturholz sein, umweltfreundliche Lacke sind Vorschrift, Krematorien müssen unabhängig von Bauweise und Alter moderne Partikelfilter besitzen. Bestattungen finden ausschließlich auf behördlich ausgewiesenen Friedhöfen ("Friedhofszwang") statt. Weil andere Länder den Trauernden mehr Freiheiten zugestehen, umgehen immer mehr Hinterbliebene die Deutschen Vorschriften und lassen ihre Angehörigen im Ausland einäschern, etwa um die Urne dann im Handgepäck nach Deutschland zu schmuggeln und zuhause ins Regal zu stellen. Der Deutschlandfunk berichtete unlängst über diese Auswüchse der deutschen Überreglementierung. Das Einfassen von Menschenasche in ein Schmuckstück mag vielleicht skurril anmuten, aber es kann der notwendigen seelischen Verarbeitung Rechnung tragen. Für Belange dieser Art hat die deutsche Bestattungsadministration aber kein Verständnis. Selbst die Gestaltungsmöglichkeiten der Gräber unterliegen hier strengen Auflagen. Es gibt Friedhofsordnungen, die regulieren selbst Bepflanzungshöhe und den Neigunsgwinkel der Grabsteine als „Unfallprophylaxe“. Spielzeug ist oft nur geduldet, aber gemeinhin nicht erlaubt.
Vielleicht ist die verordnete Eintönigkeit auch ein Grund, warum immer mehr deutsche Friedhöfe in Deutschland in ihrer Existenz bedroht sind; die konventionelle Grabstätte unterscheidet sich nicht deutlich genug vom Platz sparenden anonymen Urnenfeld. Warum dann mehr bezahlen, fragt sich nicht nur die deutsche Krämerseele.

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Stand: 09.02.2010 von

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