Biofach 2012 – Lebensbaum
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besser: wissen - machen - kaufen
Utopia: In den letzten Tagen verspüren viele Menschen den Wunsch, aktiv ein Zeichen zu setzen und mit einem Wechsel zu Ökostrom endlich auch ihre Verbrauchermacht zu nutzen, um Deutschlands AKW so schnell wie möglich still zu legen. Wie stark ist der Ansturm tatsächlich? Wie viele Neuanmeldungen kann Naturstrom verzeichnen?
Thomas Banning: Es ist verständlich, dass angesichts der Bilder aus Japan nun viele Menschen etwas verändern wollen. Weshalb eine Technologie nutzen, die offensichtlich doch nicht wirklich sicher ist? Und für die es längst eine Alternative gibt! Entsprechend groß ist der Ansturm auch bei uns. Seit Sonntag verzeichnen wir täglich neue Rekorde, was die Anzahl der Zugriffe auf unsere Homepage, die Online-Anmeldungen oder Anrufe betrifft. Das geht quer durch die Gesellschaft, das ist keine Sache mehr von Ökospinnern. Auch viele Leute, die wir sonst nicht erreicht haben, kommen jetzt zu uns, das sehen wir beispielsweise an der Nutzung unserer Facebook-Seite. Momentan bekommen wir etwa 15.000 Klicks pro Tag auf unserer Homepage. Normalerweise sind es 1000 bis 1500. Etwa 1200 bis 1500 Besucher entscheiden sich zurzeit direkt online, einen Vertrag abzuschließen. Das sind Neukundenzahlen, die wir sonst innerhalb einer Woche erreichen. Und das sind nur die Onlineverträge, nicht mitgerechnet also diejenigen Neukunden, die sich den Vertrag erst einmal ausdrucken und per Post senden oder die sich über unsere Hotline bei uns melden. Wir wissen von befreundeten Unternehmen wie EWS Schönau oder Greenpeace Energy, dass es dort momentan ähnlich ist.
Ich glaube übrigens, dass die Menschen nicht nur auf die Bilder aus Japan reagieren, sondern auch auf die Politik hier in Deutschland. Wenn eine Regierung erst gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit eine Verlängerung der Atomkraftwerkslaufzeiten durchdrückt, Kernkraft für 100 Prozent sicher erklärt und dann angesichts des traurigen Gegenbeweises aus Angst vor Wahlverlusten Moratorien ausruft, von denen gleich klar ist, dass diese nur dazu dienen, Zeit zu gewinnen, dann führt das zu Wut bei den Bürgern und zu der Erkenntnis, selbst handeln zu müssen und als Konsument mit dem eigenen Geld das durchzusetzen, was man für richtig hält.
Wie kann Naturstrom diese Mengen an Neukunden bewältigen? Kann es in Deutschland zu Engpässen in der Ökostromversorgung kommen?
T. B.: Natürlich macht uns aktuell das Arbeitspensum zu schaffen, aber alle Mitarbeiter ziehen da engagiert mit. Wir sind froh über Jeden, der jetzt zu Naturstrom oder einem anderen „richtigen“ Ökostromanbieter wechselt und so ein Zeichen setzt. Neukunden aufgrund solcher Ereignisse wie in Japan zu gewinnen, hat einen sehr bitteren Beigeschmack – ich wünsche mir, dass nicht erst Katastrophen eintreten müssen, damit sich etwas ändert in der großen Politik und beim Einzelnen. Als Reaktion auf das Unvermögen der Politik und die Gewinnsucht der Konzerne freue ich mich über Jeden, der nun sagt „jetzt ist Schluss, ich handle“.
Einen Engpass in der Ökostrom-Versorgung gibt es nicht. Im Strommix sind 17 Prozent erneuerbare Energien enthalten, aber nur vier Prozent der Endverbraucher beziehen Ökostrom. Davon werden mehr als zwei Drittel allerdings auf Basis von RECS-Zertifikaten beliefert, sodass wir die Liefermengen an echtem Ökostrom auf der Stelle mehr als verzehnfachen können. Es geht ja genau darum, mit der Wahl eines Ökostromproduktes den Ausbau der Erneuerbaren Energien voran zu bringen – Naturstrom ist da führend, wir geben gegenüber unseren Kunden das Versprechen ab, dass je nach gewähltem Tarif mindestens 1 Cent je kWh in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließt. Mehr als 170 regenerative Kraftwerke sind bereits ans Netz gegangen, weil wir diese gefördert oder selbst gebaut haben. Mit jeder neuen Windkraftanlage oder Fotovoltaikanlage, die wir – ganz häufig zusammen mit engagierten Bürgern - realisieren und betreiben, entsteht auch ein neues potentielles Lieferkraftwerk, das zunehmende Nachfrage in der Zukunft abdecken kann.
Selbst die Bildzeitung wirbt in diesen Tagen für Ökostrom. Allerdings mit einer Auflistung der billigsten Anbieter. Was sollten potentielle Wechsler von solchen Angeboten halten?
T. B.: Nichts. Der Begriff „Ökostrom“ ist nicht geschützt – genauso wenig wie das Wort Naturstrom. Deshalb bringen Energieversorger in Zeiten zunehmender Aufmerksamkeit für Ökostrom Angebote unter diesem Begriff auf den Markt. Der Kunde erhält dann aber in den allermeisten Fällen nur einen mit RECS-Zertifikaten umetikettierten konventionellen Strommix, also auch Atomstrom. Der jeweilige Energieversorger kauft „Graustrom“ wie bisher an, beschafft sich zusätzlich aber für wenig Geld Zertifikate, die aussagen, dass irgendwo sonst in Europa ein Wasserkraftwerk läuft und insofern Ökostrom produziert. Der Umweltnutzen aus diesem Wasserkraftwerk wird mit dem dreckigen Strom aus Deutschland in eine grüne Waschmaschine gesteckt und heraus kommt – Ökostrom!
Die Bürger, die sich für Ökostrom entscheiden, haben solches wohl nicht im Sinn und sollten deshalb nachschauen, was ihnen unter diesem Begriff im Einzelfall angeboten wird, und sich für ein Produkt entscheiden, das den Namen auch verdient. Mit dem Wechsel zu Ökostrom geht es einem ja nicht um Papiergeschäfte mit Gewinnmaximierung für Konzerne, sondern um echte energiewirtschaftliche Belieferung und vor allem darum, den Ausbau der Erneuerbaren voranzutreiben.
Auch echter Ökostrom kann günstiger sein als der konventionelle Strom aus Kernkraft, Kohle oder Erdgas. Wie kommt das zustande?
T. B.: Ökostrom ist wettbewerbsfähig. Der Naturstrom-Preis liegt unter dem von mindestens 80 Prozent der Stadtwerke und Konzerne. Ein Kunde, der zu Naturstrom wechselt, spart also oft noch Geld, beispielsweise in Baden-Württemberg Ökostrom ist in der Herstellung aber momentan noch teurer als Strom aus alten, abgeschriebenen Atom- und Kohlekraftwerken. So lange der Staat diese Alttechnologien noch subventioniert, wird das auch so bleiben, deshalb muss auch endlich Schluss damit sein. Aber die sonstigen Kosten der unabhängigen Ökostromanbieter sind geringer und vor allem die Gewinnerwartungen, das gleicht den Nachteil bei den Produktionskosten weitgehend aus. Insofern ist auch Ökostrom mit hohen qualitativen Ansprüchen wettbewerbsfähig, wenn man uns einfach unsere Arbeit machen lässt und uns die „gleichen Waffen“ zugesteht wie den konventionellen Anbietern, wird sich unsere Wettbewerbsposition zukünftig sogar noch verbessern.
Wie viele Hoffnungen sollte man in Merkels Meiler-Moratorium legen? Und was sagt Naturstrom zum scheinbaren Kurswechsel der Regierung?
T. B.: Meine Meinung dazu ist mehr als skeptisch. Ich bin, wie viele andere in Deutschland, sehr enttäuscht. Die Leute, die aktuell in der Regierungsverantwortung sind, hören weder auf die Bürger noch auf die Experten – zumindest nicht auf solche, die nicht von den Energiekonzernen bezahlt werden. Von wegen „Sicherheit geht über alles“. Kein AKW in Deutschland war am 14. März unsicherer als am 14. Februar. Das Moratorium und das hektische Runterfahren einiger AKW ist reiner Aktionismus – und dann hofft man, dass in drei Monaten sowieso kein Hahn mehr danach kräht, wenn die AKW wieder laufen. Und um ein Argument nochmals ganz klar zurück zu weisen: Wir brauchen keine AKW als angebliche Brückentechnologie, denn deren Strom verstopft die Leitungen - und den Konzernen die Millionen in die Taschen. Eine Million pro Tag und AKW – das ist die Hausnummer.
Statt wie in Sonntagsreden versprochen die Erneuerbaren zu fördern, wurde in den letzten 18 Monaten alles so eingestellt, dass es für uns und die Erneuerbaren insgesamt immer schwieriger wird. Das ganze riecht so langsam nach „Bananenrepublik“. Es sieht doch alles danach aus, als ob Merkel und Brüderle ihre politische Karriere mit Ende dieser Wahlperiode als abgeschlossen betrachten und kurz darauf in gut bezahlten Ämtern eines Konzerns wiederzufinden sein werden – Laurenz Meyer, Martin Bangemann, Werner Müller und Gerhard Schröder lassen grüßen.
Das ist also definitiv kein Kurswechsel, sondern ein Sand-in-die-Augen-Streuen. Das Moratorium ist nur eine Worthülse. Selbst die rechtliche Grundlage dafür ist in keiner Weise geklärt, darauf hat ja auch Herr Lammert als Bundestagspräsident hingewiesen. Nur das Parlament kann die von der Regierung erst vor wenigen Wochen durchgepeitschte Gesetzgebung ändern. Und die vier AKW-Betreiber E.on, RWE, Vattenfall und EnBW werden es sich bestimmt nicht entgehen lassen, rechtlich gegen die Abschaltung vorzugehen. Deshalb haben die ja mit dem Ausschalten auch gewartet, bis schriftliche Anweisung des Staates einging. Da wird wie immer Monopoly vom Feinsten gespielt. Dass wir längst eine Überproduktion an Strom in Deutschland haben und dass die ihren Strom sowieso nicht mehr zu den früher üblichen Preisen verkauft bekommen, das wird geflissentlich verschwiegen. Teilweise können die froh sein, wenn sie ihn für einen Cent die Kilowattstunde ins Ausland verscherbeln können, denn die erneuerbaren Energien drücken längst auf den Strompreis an der Börse und versauen so einigen Leuten die Geschäfte. Kein Wunder also, dass die alle Hebel in Bewegung setzen, um den Hebel wieder umzulegen und den Markt wieder in die Hand zu bekommen. Insofern: Es liegt nun an den Bürgern zu sagen und zu zeigen, wo die Reise hingehen soll!
Herr Banning, vielen Dank für das Gespräch!
Foto: Bengelsdorf / Quelle : photocase.com
Dr. Thomas Banning ist Vorstandsvorsitzender der Naturstrom AG. Die Naturstrom AG wurde 1998 als einer der ersten unabhängigen Ökostromanbieter u. a. von Mitgliedern der Umweltschutzverbände BUND und NABU gegründet.
Foto: Naturstrom
Ökostromwechsel: einfach und wirkungsvoll gegen Atomkraft stimmen!
Kommentare (6)
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Waldplanet
schrieb am 19.03.2011 um 22:20 ¶Waldplanet
schrieb am 19.03.2011 um 22:17 ¶Kommentar schreiben
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