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Handeln ohne Moral

Nahrungsmittelspekulation: Das Geschäft mit dem Hunger?

Ernteausfälle, Knappheit und Hungerkrisen haben das Thema Nahrungsmittelspekulation auf die öffentliche Agenda gebracht. Utopia erklärt Ihnen den ominösen Begriff genauer und geht der Frage nach, ob diese Spekulationen wirklich die Hauptschuld am Hunger in der Welt tragen.


Der Gegenwart mangelt es wahrlich nicht an Krisen. Die „erste Welt“ hat sich noch lange nicht von der Finanz- und Wirtschaftskrise erholt und in der „dritten Welt“ häufen sich die humanitären Katastrophen. Eines der weniger direkten Verbindungsglieder, mit dem die beiden Welten in Beziehung stehen, hat nun die Aufmerksamkeit von NGOs und Medien auf sich gezogen: die Warenterminbörse. Diese haben in den letzten Jahren Finanzinstitute für sich entdeckt, die sich von riskanten Spekulationsobjekten hin zum relativ verlässlichen Rohstoffmarkt umorientierten. Zeitgleich ist die Zahl an fatalen Essensknappheiten in Entwicklungsländern gestiegen. Organisationen wie foodwatch und Oxfam nehmen dies zum Anlass, Finanzinstitute zum Ausstieg aus der Nahrungsmittelspekulation aufzufordern, und das Thema taucht vermehrt in Berichten und auf Titelseiten auf.

Bauern Erwin, oder: Nahrungsmittelspekulation für Anfänger

Mittlerweile kennt fast jeder den Begriff Nahrungsmittelspekulation und verbindet ihn mit geldgierigen Investoren und verhungernden Menschen. Vielen ist dabei nicht klar, dass die Nahrungsmittelspekulation an sich ein eigentlich nützliches Instrument sein kann, um Bauern und Händler vor Preisschwankungen zu schützen. Das funktioniert stark vereinfacht so:

Am Tag A geht Bauer Erwin auf sein Getreidefeld. Er sieht, dass es eine gute Ernte wird. Er weiß aber auch, dass der Getreidepreis auf dem Weltmarkt gerade verrückt spielt. Am Tag X wird sein Getreide reif und geerntet sein, aber ob es dann noch den Preis von heute hat? Vielleicht ist es viel mehr, vielleicht aber auch viel weniger wert. Bauer Erwin will dieses Risiko nicht eingehen, darum geht er noch am Tag A an die Warenterminbörse und sucht sich jemanden, der ihm heute schon einen Vertrag unterschreibt, dass er Bauer Erwin am Tag X das Getreide zu einem ganz bestimmten Preis abkaufen wird. Bauer Erwin hat seine Sicherheit, der Käufer zwar das Risiko aber auch eine Chance auf einen ordentlichen Gewinn, wenn das Getreide bis dahin viel mehr wert sein sollte. Das ist, wie in der Grafik abgebildet, Nahrungsmittelspekulation in ihrer Essenz.

Nun aber schließt nicht mehr nur Bauer Erwin über den Preis am Tag X Verträge ab, sondern es wollen auch große Investorengruppen und Finanzhäuser mitwetten. Dadurch fließen mittlerweile auf dem  Warenterminmarkt Geldströme, die nur noch zu einem Bruchteil von der Menge an Waren gedeckt sind. Dazu kommt es beispielsweise, wenn der Händler, mit dem Bauer Erwin den Vertrag geschlossen hat, seinerseits wieder einen neuen Händler sucht, und diesem zu einem höheren Preis das Getreide am Tag X verkaufen will. Schon gibt es zwei Warenterminkontrakte auf nur eine Getreideernte. Das lässt sich so lange fortsetzen, bis sich kein Händler mehr findet, der den Vertrag unterzeichnen will.

Nahrungsmittelspekulation und die Hungerfrage

Von dieser Entwicklung reden foodwatch, Oxfam und Co. wenn sie sagen, dass sich die Finanzmärkte von den realen Märkten entkoppelt haben. In den USA wurden beispielsweise im Jahr 2011 70mal mehr Weizenkontrakte gehandelt als die Ernte hergab. Das heißt, Bauer Erwins Getreide ist nach seinem ersten Vertrag mit dem Händler noch 70 mal weiter verkauft worden – bevor es überhaupt geerntet war. Sogar die Weltbank hat anerkannt, dass Spekulationen von derlei Ausmaß Auswirkungen auf den realen Preis der Güter haben können.  Ein Preisanstieg bedeutet in Entwicklungsländern, in denen Menschen schon heute 60 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Nahrung ausgeben, dass man sich dort irgendwann auch das einfachste Essen auf dem Teller nicht mehr leisten kann.

Doch genau hier liegt die Crux: Allerorten wird davon geredet, dass es so sein könnte. Ob es denn nun wirklich so ist, darüber tobt ein erbitterter Streit. Die Argumente der Gegenseite sind nicht von der Hand zu weisen: Reis etwa, dessen Knappheit und rasanter Preisanstieg maßgeblich für die Hungerkrise in Haiti im Jahr 2008 gewesen ist, wird vom Index, an dem die Spekulanten ihre Geschäfte aufhängen, gar nicht erfasst. Als vor mehr als 100 Jahren die Spekulation an der Berliner Börse verboten wurde, hatte das fatale Auswirkungen für die Bauern. Der Preis schwankte enorm und Einfuhr und Weiterverkauf der Ernte wurden zum Zeitroulette.

Diese zwei Punkte sind zwar Ausnahmen in einer großen Zahl an Fakten, die das Gegenteil, nämlich einen durchaus engen Zusammenhang von Spekulation und Realpreis, vermuten lassen. Eine Regel, einen systematischen, unwiderlegbaren Zusammenhang (bzw. das Gegenteil davon) hat jedoch bis heute weder die eine noch die andere Seite liefern können.

Nahrungsmittelspekulation bleibt unmoralisch, ist aber nicht das Hauptproblem

Einen gewichtigen Vorwurf aber wird keine Rechnerei der Welt je entkräften: Darauf zu wetten, dass wegen Knappheit und Hunger der Preis für Nahrungsmittel steigen wird, ist zynisch und unmoralisch. Ungeachtet dessen, ob die Spekulation selbst den Hunger sogar noch verschlimmert.

Außerdem kann sich vielleicht ein Bauer Erwin hier in Deutschland oder ein Bauer Sam in den USA seine Spekulantentätigkeit erlauben. Dass die bettelarmen Reisbauern in Fernost jedoch munter Händlern die Hände schütteln und den Börsenmakler geben, ist schon ein paar Schritte zu weit auf dem Weg von der Abstraktion zur Perversion. Diese Bauern verkaufen ihre Ware am Erntetag zum aktuellen Marktpreis. Spekulation oder gar Einlagerung der Ware können sie sich ganz einfach nicht leisten.

Beachten sollte man aber auch: Momentan ist das größte Problem nicht ein möglicher Preisanstieg, sondern die Möglichkeit, dass durch historische Ernteausfälle eine ernsthafte weltweite Knappheit an Nahrungsmitteln auftritt. Diese wird unter anderem durch die Produktion von Biogas und Bioethanol, z.B. für den E10-Kraftstoff, erheblich verstärkt. Foodwatch hat bereits die Zeichen der Zeit erkannt und konzentriert momentan seine Aufmerksamkeit auf die Forderung an die Bundesregierung, die Produktion von E10 nicht weiter zu subventionieren.

Das können Konsumenten tun: Billig-Nahrungsexporte nicht unterstützen

Für den einzelnen Verbraucher gibt es eine längerfristig wirksame Handlungsmöglichkeit: Erst die industriell produzierten, mit Millionen subventionierten Nahrungsmittel aus der „ersten Welt“ haben arme Länder so abhängig von den Weltmärkten gemacht. Es war für sie wahnwitzigerweise billiger, die überschüssige Nahrung aus Europa und den USA einzukaufen, als in die eigene Landwirtschaft zu investieren. Viele Bauern gaben deswegen die Arbeit auf und suchten sich andere Arbeit. Das rächt sich jetzt. Die Länder können sich nicht selbst versorgen aber haben auch nicht die finanziellen Mittel, um genug Nahrung auf dem Weltmarkt einzukaufen. Deswegen sollte jeder Verbraucher versuchen, wo immer möglich industriell produzierte Lebensmittel zu vermeiden. Werfen Sie der EU-subventionierten Agrar-Abhängigkeits-Maschinerie nicht weiter Ihr Geld in den Rachen. Unterstützen Sie stattdessen mit Ihren Einkäufen regionale Initiativen und Verbände, die nicht nur mit dem Geldbeutel, sondern auch mit dem Herz bei der Sache sind. Ein paar Beispiele:

  • Echtes "Bio" von Bioland, Demeter und Naturland
  • Gemeinschaftliche Agrarprojekte
  • Kaufen bei kleinen familiären Läden um die Ecke

Wer sicher sein will, dass sein Erspartes nicht in Wetten gegen Hunger und Ernten fließt, der sollte sich an den Ratgeber zu den besten grünen Banken halten.

Hier können Sie die Foodwatch-Petition gegen Nahrungsmittelspekulation unterzeichnen: 

Thema: Politik & Gesellschaft, Stand: 30.08.2012 von

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    schrieb am 04.03.2013 um 19:26
    Liebe Maria,
    danke für das Lob. ;) War nicht wenig Arbeit, aber ich musste mir das Video sowieo ansehen und dann habe ich gleich an die Anderen gedacht, die vor dem selben Problem stehen: 3h Material!

    Was ich aus dem Video herauslese, das ist, dass es weniger die Spekulationen sind, die die Preise treiben, sondern vielmehr die (leider) sehr, sehr laxen Rahmenbedingungen. Ich versuche in meinem Blog eine Art "Wissensdatenbank" zum Thema zusammenzustellen. Es gibt schon eine Menge von interessanten Beiträgen und ich versuche möglichst viele Links in die Beiträge zu integrieren.

    Interessantes Detail am Rande: Das Thema ist mehrere hundert Jahre alt, am ende des Videos zeigt Dirk Müller ein Dokument aus dem 14. (?) Jahrhundert, in dem die Stadt Strassburg ein Verbot der Terminmärkte verhängt. Die historischen Argumente sind den aktuellen Argumenten erstaunlich ähnlich.

    Hier gehts zur gesamten Sammlung an Wissen: http://www.jkms.info/blog/category/nahrungsmittelspekulationen-infos/

    Viele Grüße!
    Raphael mehr weniger
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    schrieb am 04.03.2013 um 19:01
    Danke Bolius, das ist toll aufgemacht, so daß auch Video-Meider wie ich was damit anfangen können.
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    schrieb am 04.03.2013 um 18:17
    Auf Youtube gibt es ein ausgesprochen gutes, aber dreistündiges (!) Video mit Expertenmeinungen über Nahrungsmittelspekulationen. Für alle, die die Infos komprimiert haben wollen, hier der Link zur Zusammenfassung: http://www.jkms.info/blog/expertenvideo-nahrungsmittelspekulationen/

    Es gibt für jede Expertenausage einen Zeitstempel im Video. Man kann also die interessantesten Statements mühelos finden und anschließend im Video genau ansehen.
    Grüße!
    Raphael Bolius


    Viel Spass beim Ansehen!
    Raphael Bolius mehr weniger
  • gelöscht am 04.03.2013 um 18:14 von RaBo
    Dieser Kommentar wurde gelöscht..
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    schrieb am 04.03.2013 um 16:44
    Keine Rendite auf Kosten der Ärmsten
    Jeder kann auf Geldanlagen verzichten, die Mensch und Umwelt schaden! Keiner braucht Finanzprodukte, die auf Kosten der Ärmsten mit Nahrungsmitteln spekulieren! Dafür setzt sich die Initiative handle-fair.de ein!
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