Eine Nacht im Klimaschutzhaus
Weder unmodern noch zugig!
Von Volker Eidems
Zunächst fahren wir an dem weißen Eckhaus vorbei. In Erwartung eines Holzhauses fiel der hell verputzte Würfel nicht ins Auge, erst auf den zweiten Blick weisen Photovoltaik- und Solarthermieanlagen auf dem Dach auf die inneren Werte hin. Die schlichte Selfkantdorfatmosphäre kommt ohne Kuhmistgeruch aus, es ist ein warmer Freitagnachmittag im September. Die Gartentüren stehen einladend offen, Bert Dreßen begrüßt uns in der Eingangstür. Eine angenehme Wärme empfängt den Besucher im Wohnzimmer, obwohl die Türen offen stehen. Bei geschlossenen Augen könnte man sich auch in einer Berghütte wähnen, in den dezenten Holzgeruch mischt sich das Musterhausambiente, die Ausdünstungen neuer Möbel und unbewohnter Räume. Holzwände und Decke weisen in regelmäßigen Abständen kreisrunde Holzdübeleinlassungen auf, das wirkt auf den ersten Blick etwas technisch. In der Mitte des Hauses hält eine große Holzsäule den einzigen schweren Deckenbalken.
Die untere Etage ist ein einziger großer Raum, der Wohn- und Esszimmer und die Küche vereint. Zentral befindet sich ein Holzpelletofen, der laut Planer Dreßen aber kaum benutzt werden müsste: „Mit einem zusätzlichen Sack Pellets sollte man problemlos durch den Winter kommen, wenn das Haus bewohnt ist“, gibt er sich überzeugt, Abwärme der Bewohner, technischen Geräte und beim Kochen halten ausreichend warm. Dreßen ist ein frischer Mittvierziger, mittelgroß, gegelter Igelschnitt. Ein fliederfarbenes Hemd und dunkle Schuhe runden den Architektenstyle ab, doch Dreßen ist Bautechniker, „ein Praktiker“, wie er betont. Sicher kein Fantast, sondern Überzeugungstäter. Er baut seit 1994 in Holz, seit 2003 ausschließlich: „Lehm und Holz sind die richtige Kombination, weil die beiden ähnliche Eigenschaften haben“, sagt Dreßen heute und ist sicher, dort angekommen zu sein, wo er hin musste.
In einer kleinen Kammer neben der Küche ist die Technik untergebracht: Ein Warmwasserboiler, die Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, aber auch eine normale Waschmaschine finden hier Platz, vergleichbar einer Heizungsanlage ohne Öltank. „Die Kinderzimmer lassen sich separat wärmer stellen, sie hängen an einem unabhängigen Wärmekreislauf“, erläutert Planer Dreßen, selbst Vater von zwei Kindern, und spricht sich gleich gegen die ursprüngliche Passivhausidee aus: „Fenster und Türen müssen offenstehen können, die Kinder müssen rein- und rauslaufen.“ Die Solaranlage für das Warmwasser benötigt etwa eine Stunde Sonneneinstrahlung, bis der Boiler voll ist, die Photovoltaik produziert genug Strom für die ganze Familie (für die Experten: 3500 kWh pro Jahr). Der findige Hausherr nennt seinen nächsten großen Coup: „In Kürze werde ich noch ein kleines Windrad auf dem Dach installieren, passend zum Einfamilienhaus. Mit dem zusätzlichen Plus an Energie ist auch die Elektromobilität der Bewohner gesichert, außerdem ist die zweite Technologie wichtig für eine gleichmäßige Stromausbeute: Wenn kein Wind weht, scheint die Sonne – und umgekehrt.“ Dreßen erwartet zwischen 100 und 150 Kilometern Elektromobilität, die täglich ermöglicht werden, gemessen am aktuellen Strombedarf von Elektroautos.
Unter der Treppe schlucken Einbauschränke Putzmittel und Besen, auch eine Staffelei findet Platz. „Man muss den Raum natürlich gut ausnutzen, wenn es keinen Keller gibt“, gibt der Bautechniker zu, „aber vielfach sammeln sich in den Kellern ja nur Dinge, die man eigentlich schon lange nicht mehr braucht – und eine Garage gibt es draußen ja auch noch.“ Ein großes Oberlicht lässt das Treppenhaus bis zur letzten Stufe hell erscheinen, über uns ist nur Himmel zu sehen. Ein (Eltern-)Schlaf-, ein Jugend- und ein Kinderzimmer befinden sich im oberen Stockwerk, außerdem ein freundliches Badezimmer, der einzige geflieste Raum im Haus. Die Steckdosen sind unten im Boden angebracht – klar, denn die massiven Holzwände sollten wohl besser nicht für Kabel aufgefräst werden. Es liegt Linoleum, farbig oder in Korkoptik, die Lehmwände sind pastellfarben gestrichen und ähneln einem schlichten Rauputz. „Hier sind nur Naturmaterialien verbaut“, zählt Dreßen auf, „es kommt keine Chemie zum Einsatz, auch nicht für Holzschutz oder Verleimungen.“ Und handelt es sich um FSC-zertifiziertes Holz? „Natürlich, gibt es denn noch was anderes?“ kommt die Gegenfrage forsch zurück.


Kommentare (19)
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Christian Silberhorn
schrieb am 26.11.2010 um 11:59 ¶beabernau
schrieb am 16.04.2010 um 15:59 ¶Kommentar schreiben
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