Die Zahl scheint fast unglaublich: Sieben Millionen Tonnen Möbelmüll fallen alljährlich in Deutschland an. Zurzeit finden gerade mal zehn Prozent, also 700.000 Tonnen, neue Besitzer oder werden recycelt. Der Rest wird in Kraftwerken verheizt. Ein nicht gerade ressourcenschonender Umgang mit dem Müll. Werner Baumann, Projektkoordinator für nachhaltige Branchenkonzepte an der TU Dortmund, ist trotzdem optimistisch: "Ich halte es für möglich, dass der Anteil des Recyclings im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte auf 50 Prozent ansteigt."
Und tatsächlich: Möbelrecycling ist ein Wachstumsmarkt, die Branche sucht ihren Weg aus der Nische. Viele der Möbelstücke sind allerdings noch recht hochpreisig, oft handelt es sich um Unikate. Es gibt aber auch schon günstige Anbieter: Der Designer Oliver Schübbe zum Beispiel ist mit einigen seiner Entwürfe in Zusammenarbeit mit der Herforder Recyclingbörse in Serienproduktion gegangen.
Sicher ist der Boom auch dem wachsenden ökologischen Bewusstsein geschuldet. Hauptgrund für den Erfolg ist aber sicherlich, dass einige der so produzierten Möbelstücke richtig toll aussehen: Im Berliner "Schubladen" etwa passt die Designerin Franziska Wodicka alte Schubladen in einen neuen Korpus ein. Das Ergebnis sind liebevoll gestaltete Einzelstücke in unterschiedlichen Größen, vom kleinteiligen Nachtschränkchen bis zum ausladenden Sideboard. Bei Sawadee Design verschaffen Jörn Neubauer und Christian Friedrich gefällten Stadtbäumen ein neues Leben als Massivmöbel. Und Oliver Schübbes erfolgreichster Entwurf ist ein organisch geformtes Regalsystem namens "Frank", von dem schon 3500 Exemplare verkauft wurden. Kunden können wählen, ob sie den Stapelelementen von "Frank" ihre Vorgeschichte ansehen wollen: Es gibt sie in weißlackierter oder unbehandelter Form. Seine zweite Erfolgsgeschichte sind die "Pixar"-Sofas und Sessel, bei denen Stoffreste verarbeitet werden und der Kunde sogar auf die Farbgestaltung Einfluss nehmen kann.
Bundesweit vertreibt Schübbe seine Produkte über die Plattform "Zweitsinn". Hervorgegangen ist diese Firma aus einem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Forschungsprojekt der TU Dortmund. Baumann, der dieses Projekt koordiniert hat, sieht Entwicklungspotenzial für die Branche vor allem in dem Umstand, dass "nun der Schritt gewagt wurde von der Aufbereitung zum Design." Insgesamt sieben Möbeldesigner vertreiben über Zweitsinn ihre Produkte, die Internetseite bietet einen guten Überblick über das Marktspektrum: Bei jedem einzelnen Stück werden die Kunden informiert, wie viel C02 in etwa durch das Recycling eingespart wurde. Ebenfalls aus einem Uniprojekt hervorgegangen ist die mit Zweitsinn kooperierende Firma Ecomöbel. Deren Erzeugnisse sind nicht nur aus zweiter Hand, sondern zudem schadstoffgeprüft.
Die Vielfalt der Angebote zeigt: Die Branche bedient zunehmend unterschiedlichste Interessen. Design-Fans können ebenso ein passendes Stück finden, wie Leute, die an der Weiterverwertung vor allem der ökologische Aspekt interessiert.
Die innovativen Designer machen sich zu Nutze, dass gebrauchte Möbel eine Geschichte erzählen – auch wenn dieser Aspekt des Recyclings in manchen Milieus besser ankommt als in anderen: "In Herford wollen die Kunden 'Frank' lieber weißlackiert. In Berlin, wo wir besonders viel verkaufen, schätzen die Leute den Materialmix und freuen sich auch über Kratzer", erzählt Schübbe.
Auch die Firma Sawadee wirbt damit, dass die "verwendeten Bäume Berliner Geschichte abbilden. So finden sich teilweise Granatsplitter oder auch Stacheldraht aus dem Zweiten Weltkrieg im Holz. Auch klimatische Gegebenheiten lassen sich anhand der Jahresringe nachvollziehen." Bei Wodickas Schubladen ist die Vergangenheit ebenfalls deutlich sichtbar. Manche hatten ihre Funktion einst in einer Apotheke, andere in einer Küche oder einem Büro. Die Spuren gelebten Lebens sind es, die die Designerin ins Schwärmen bringen. Der Gestaltungsaspekt steht bei ihr eindeutig im Vordergrund. "Streng genommen betreibe ich kein Recycling, denn die meisten Dinge würden nicht auf dem Müll, sondern beim Trödler oder Restaurator landen." Der Korpus der Möbel entsteht in den meisten Fällen aus lackierter Mitteldichter Faserplatte (MDF). Besonders umweltfreundlich ist das nicht. Doch Wodicka schätzt die so entstehende Ästhetik und gibt unumwunden zu: "Das Ökologische ist nicht mein Antrieb. Auf Nachhaltigkeit dagegen lege ich sehr großen Wert."
Nachhaltigkeit allerdings ist ein weiter Begriff. Große Fortschritte in Sachen Resourcenschonung und Produktverlängerung wird es erst geben, wenn auch große Firmen mit gebrauchten Materialien arbeiten. Das ist Zukunftsmusik, bisher gibt es kaum Ansätze. Werner Baumann sieht hier Designer und Konsumenten gleichermaßen in der Pflicht – um durch gute Produkte die Nachfrage nach recycelten Möbeln zu stimulieren und so Druck auf die Anbieter auszuüben. "Anders als in anderen Branchen, etwa in der Automobilindustrie, haben die großen Firmen noch nicht begriffen, dass sie Rücknahmesysteme schaffen müssen. Die werden entstehen, wenn die Kunden es verlangen. Nur wer gute Produkte mit gutem Service anbietet, wird langfristig am Markt bestehen können."
+++
Links:


Kommentare (10)
abonnieren
kennt jemand noch andere Anlaufpunkte für Recycling/Upcycling-Möbel? Mir ist das Angebot leider viel zu klein, auch wenn es einige nette Stücke gibt.
viele Grüße!
mela
Zudem sind Arbeitsplätze immer kurzfristiger. Man muss damit rechnen, nach 2 Jahren bittesehr dann von Hamburg nach Dortmund umzuziehen, 2 Jahre später vielleicht dann nach Leipzig u.s.w.
Auch sind Umzugs-Lkw nicht gerade billig, und second Hand Möbel nimmt auch nicht gleich immer jeder - zudem man sie ja erst in Anzeigen aufgeben bzw über solche etc finden muss.
Also sogar bei gar nicht allzu extremer individueller Wegwerfmentalität provozieren manche heutigen Verhältnisse des Arbeitslebens etc eine gewisse Enstehung von mehr Möbelmüll.
p.s. Bitte nicht als Entschuldigung missverstehen. Einfach eine Vermutung zu einem TEIL dieses Mülls. mehr weniger