Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Zur Lage der Welt 2010 - Michael Maniates über Choice Editing

Ist nachhaltiges Verhalten steuerbar?


Willkommen in der Welt des Choice Editing!

Einer Welt, in der Konsumoptionen bewusst begrenzt werden und das Gerangel um Glühbirnen nur den Beginn eines weitaus ehrgeizigeren Kampfs markiert: Das Ziel von Choice Editing ist es, umweltschädliche Produkte wie beispielsweise eine Smog verursachende Grillanzünderflüssigkeit (in Los Angeles) oder bleihaltiges Benzin (in Europa und Nordamerika) vom Markt zu nehmen. Alternativ kann auch die Nutzung solcher Produkte verteuert werden, wie das Irland getan hat, wo nach der Einführung einer Abgabe auf Einkaufstüten aus Plastik die Nachfrage um 90 Prozent zurückging.

Allerdings ist es nicht damit getan, missliebige Produkte einfach vom Markt zu nehmen. Wer damit Erfolg haben möchte, muss Alternativen anbieten oder beim Verbraucher zumindest die hinlänglich überzeugende Illusion erwecken, er hätte eine Wahl. Den Hinterhofköchen in Los Angeles, denen man ihre Grillanzünderflüssigkeit weggenommen hatte, blieb immerhin noch die Wahl zwischen Kaminanzündern und elektrischen Grillanzündern. In Irland stehen den Shoppern Stofftaschen in reicher Auswahl von schlicht bis elegant zur Verfügung. Und in Australien und den europäischen Ländern, die dabei oder kurz davor sind, Glühbirnen vom Markt zu nehmen, wird das Angebot an Energiesparlampen, LED-Lampen und anderen innovativen Beleuchtungsmitteln beständig größer.

Wem die Vorstellung, dass der Staat die Entscheidungsfreiheit des Konsumenten beschränkt, zu sehr nach Manipulation oder "Big Brother" schmeckt, sollte daran denken, dass das weder etwas Neues noch neuartig ist. Der Staat tut das seit langem, sowohl offen als auch verdeckt. Von den Nahrungsmitteln, die wir konsumieren, bis zu den Autos, die wir fahren, beschränken und gestalten Sicherheits- und Leistungsstandards die uns verfügbare Auswahl. Dasselbe gilt für Steuern, Zölle und Subventionen, die bestimmte Produkte attraktiver, andere dagegen teurer oder unzugänglich machen. Auf subtilerem Wege, durch Entscheidungen darüber, wo Straßen und Schienenwege gebaut, welche Schulen und Krankenhäuser geplant oder geschlossen und welche Forschungs- und Entwicklungsinitiativen gefördert oder nicht gefördert werden, beeinflusst der Staat das Wohnungs-, Bildungs- und Arbeitsplatzangebot, aus dem seine Bürger wählen können.

Das Problem ist nicht, dass der Staat über institutionelle Rahmenbedingungen das Auswahlspektrum beeinflusst. Vielmehr liegt es darin, dass er mit diesem Instrument über viele Jahrzehnte ein ganz bestimmtes, eng begrenztes Konzept von Fortschritt propagiert und gefördert hat – eines, das im Massenkonsum die Grundlage für menschliches Glück, Gleichheit und selbst Demokratie sieht.

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Stand: 03.03.2010 von

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    schrieb am 09.03.2010 um 10:59
    > Dürfen dem Konsumenten Produkte aufgrund umweltschädlicher oder anderer gesellschaftlich unerwünschter Eigenschaften vorenthalten werden?

    Natürlich. Freiheit ist nicht die Freiheit jemand umzubringen oder die Welt zu zerstören oder jemand auszubeuten, sondern ein Kompromiss aus verschiedenen Individualinteressen. Die Staaten/Gemeinschaften müssen wieder die Interessen *aller* (aller Bürger und Lebewesen weltweit, heutiger und zukünftiger Generationen) vertreten und für ausgleichende Regelungen sorgen. Ich verstehe die Frage nicht recht: das ist doch sonnenklar? Vielleicht verstehe ich auch nur die Welt nicht, in der sowas überhaupt eine Frage sein kann.

    Für mehr Einsicht der Privilegierten in die Notwendigkeit von Kompromissen könnte man sorgen, indem man sie die Folgen ihres Tuns direkt ausbaden läßt:
    - Wüstengrundstück oder Erosionsgrundstück am Fluß für Klimawandel-Leugner
    - Autobahn direkt am Haus von Autobahnbefürwortern vorbei
    - Flughafen direkt bei Flughafenbefürwortern
    - Nachtflug im Viertelstundentakt für Nachtflugbefürworter
    - Handymast direkt neben die Wohnung von Handynutzern
    - Hartz 4 für Guido
    - Gentechnik und Nanotechnik auf den Teller der Aktionäre von entsprechenden Firmen
    - verdrecktes Wasser ("Wasser ist Ware") in das Glas des Vorstandsvorsitzenden von Nestle,
    - ein kleines Döschen Atommüll ins Nachtkästchen der Atombefürworter und Atomstromnutzer
    - Manager und Aktionäre an die unsicheren und arbeitstechnisch gefährlichen Arbeitsplätze
    - Dumpinglöhne für Ablehner von Mindestlöhnen
    - reiche Luxuskonsumenten zum Plastiksammeln auf die Müllberge von Kalkutta
    ...
    Wie schnell die Welt doch besser werden würde. Leider gibt es niemand, der die Übernahme der Verantwortung für das eigene Handeln ausreichend durchsetzt. Jedenfalls noch nicht. mehr weniger
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    schrieb am 05.03.2010 um 11:11
    Ein paar nette Gedanken in dem Artikel. Die japanische Top-Runner Exzellenz-Initiative kannte ich auch noch nicht.

    Was mir fehlt, sind die marktregulierenden Maßnahmen des Staates auf der Ebene der primären Ressourcen, denn um die geht es ja doch in erster Linie.

    Die Mehrzahl der Konsumenten richtet sich bei Kaufentscheidungen nach wie vor nach dem Preis.
    Ich denke, dass man z.B. den Preis von Energie an die wahren Kosten (inkl. aller externer Kosten) anpassen müsste. Wird Energie teurer, dann lohnen sich energieeffiziente Konzepte mehr und setzten sich durch. Das gleiche gilt für alle anderen Ressourcen.

    Das Problem mit Marktregulierung ist, dass sie die nationalstaatliche Wettbewerbsfähigkeit einschränkt und daher in einer Welt souveräner Nationalstaaten langfristig nicht durchsetzbar ist.

    Es ist an der Zeit nationalstaatliche Souveränität (ein veraltetes Konzept) zu subtitutieren mit dem Prinzip der Subsidiarität.

    Es ist paradox, wie in der heutigen Welt Politik gemacht wird.

    Ein nettes Projekt, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen läuft übrigens grade in England und wird dort hart von den Nationalisten attackiert: http://GIveYourVote.org mehr weniger
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    schrieb am 05.03.2010 um 01:08
    Insgesamt lesenswert aber auf Seite 2 stört mich der in solchen Debatten übliche Subjektivismus:

    Die Vorstellung, dass der Staat (bzw. die Staaten) mit Vorschriften "über viele Jahrzehnte ein ganz bestimmtes, eng begrenztes Konzept von Fortschritt propagiert und gefördert hat – eines, das im Massenkonsum die Grundlage für menschliches Glück, Gleichheit und selbst Demokratie sieht" lebt von der Illusion, dass Staaten freie Subjekte sind, die nach Lust und Laune mal diese mal jene ideologische Mode "propagieren und fördern" können. Dem ist aber nicht so. Auch Staaten sind Zwängen unterworfen, die mit der realen wirtschaftlichen und die wiederum mit bestimmten technologischen Entwicklungen zu tun haben. Ist das Fließband erst einmal erfunden, setzten sich nicht nur die durch, die es am schnellsten und besten anzuwenden wissen sondern auch deren Gedanken, dass nämlich Autos keine Autos kaufen. Alles andere ist auch eine Frage gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse, die sich in staatliches Handeln nieder schlagen.

    Der Massenkonsum hat in der Tat auch mehr Freiheit, Demokratie und Gleichheit ermöglicht, versklavt aber gleichzeitig. Jede kapitalistisch erworbene Freiheit und auch Menschlichkeit wird gleichzeitig wieder weggemüllt. Immerhin versetzt uns die Massenproduktion von Computer und Telekommunikation in die Lage, Erkenntnisse über die Kehrseiten des Zwangs zur stetigen steigendem Stoffumsatz zu gewinnen und öffentlich zu debattieren.

    Es hilft uns aber kein besseres Denken, sondern, dass Abhängigkeiten und Zwänge, die am ökologisch-mitmenschlichen Denken und Handeln hindern, aufgespürt und beseitigt werden.

    Gruß vom Topisten mehr weniger
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    schrieb am 05.03.2010 um 00:35
    Sehr wichtig finde ich nicht zuletzt den Hinweis uaf Seite 6, dass auch der Konsum insgesamt zu reduzieren sei - vielleicht wäre genauer zu sagen, der Verbrauch an Ressourcen und die Produktion von Müll.
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    schrieb am 05.03.2010 um 00:33
    Gut finde ich auch den Hinweis auf kritische Theorie zum "Mythos des souveränen Konsumenten", denn allein die suggestiven Methoden der Werbung, die Millionen von Pysychologinnen/en und andere Leute weltweit beschäftigt, damit sie die unbewusste Steuerung möglichst perfekt machen, sind hier eine Evidenz, wie falsch dieser Mythos ist mehr weniger
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