Der klügste Mensch, den seine Frau kennt

Von Peter Unfried

Als Michael Braungart dem Präsidenten der USA seinerzeit vorschlug, die elektrischen Stühle in Texas aus Gründen des Umweltschutzes künftig mit Windenergie zu betreiben, lachte George W. Bush amüsiert, wie es seine Art ist. "Der findet so was lustig", sagt Braungart. Er auch.

Braungart predigt die ökologisch-industrielle Revolution. Und er hat in Amerika gelernt, dass man seine Zuhörer niemals langweilen darf, wenn man sie erreichen will. Das hilft ihm auf dem Weg, der erste Weltstar des 21. Jahrhunderts zu werden, der von Beruf Chemiker ist. Okay, in Deutschland hält sich sein Ruhm noch in Grenzen. Aber sonst gilt der alte Witz: Wer ist der Typ da neben Michael? Ach, Arnold Schwarzenegger?

Kaliforniens Gouverneur steht auf ihn. Seine Heimatstadt Graz auch. Steven Spielberg dreht einen Film über ihn. In den Niederlanden ist er ständig im Fernsehen. Bei der Konferenz des Nachhaltigkeitsportals utopia.de stach er den Hollywoodstar Daryl Hannah aus. Und Brad Pitt sagt, Braungarts "Cradle to Cradle" sei eines der drei wichtigsten Bücher, die er gelesen habe. Worauf Braungart sagte, danke, sehr nett. Aber er wisse ja nicht, ob Pitt tatsächlich schon drei Bücher in seinem Leben gelesen habe.

Zitat Michael Braungart BHFrage 1: Was will Braungart? Er will eine Welt ohne Umweltverschmutzung und Abfall. Eine Welt, in der man alle Verbrauchsgüter gefahrlos aufbrauchen kann, weil sie nützlich für die Umwelt sind. Und in der man alle Gebrauchsgüter endlos wiederverwerten kann.

Frage 2: Was bedeutet das für mich als Konsumenten? Es heißt, dass ich auch künftig nicht kalt duschen oder Energie sparen oder verzichten muss, sondern weiter in Saus und Braus leben kann, weil alle Produkte nützlich und "gesund" sind. Es heißt, dass mein Toilettenpapier oder mein Shampoo das Grundwasser nicht vergiftet und dass alle Teile meines alten Fernsehers Teile eines neuen Fernsehers werden. Im Prinzip ist Braungart Designer. Einer, der neue Produkte konzipiert und herstellt. Der Witz: Sie sind "rematerialisierbar". Das heißt: Sie werden nicht weggeschmissen, verbrannt oder beim Recyceln ganz schnell immer weniger, sondern sollen in zwei geschlossenen Kreisläufen entweder schadstofffrei in die Natur zurückgehen oder endlos wiederverwertbar sein. Braungart glaubt, dass man Veränderung eher über Design erreichen kann als über Bewusstsein.

Am ehesten trifft man ihn auf Flughäfen. Er lehrt in Rotterdam. Weltunternehmen wie Philipps oder Ford lassen sich von ihm beraten. Eines seiner eigenen Unternehmen ist in Virginia. An diesem Tag sitzt er mal in einem Büro seines Umweltforschungsunternehmens EPEA in Hamburg, im Hause der Patriotischen Gesellschaft an der Trostbrücke. Und führt erst die Aussicht vor, dann einen schwarzen Büstenhalter. "Wenn Ihre Freundin einen schwarzen BH trägt", sagt er, "dann sagen Sie ihr: Zieh den sofort aus." Der Laie wundert sich womöglich über eine solche Ansage, aber Braungart sagt, diese Kleidungsstücke seien "nicht für Hautkontakt gemacht". Ausnahme: der vom ihm selbst entwickelte schwarze Büstenhalter, der schadstofffrei und daher hautverträglich ist.

Nike Considered Mid Cradle to CradleFür die Fotografin posiert er dann mit weiteren seiner Erfindungen: Da sind die komplett recycelbaren Schuhen für Nike. Das kompostierbare T-Shirt für Trigema. Ein Bürostuhl namens "Think!", dessen Einzelteile entweder kompostierbar sind oder dem technischen Kreislauf zugeführt werden können. Eine Eiskremverpackung, die bei Raumtemperatur schmilzt. Kinderspielzeug, das nicht giftig ist (auch das ist die Ausnahme, nicht die Regel). 600 Produkte hat er mittlerweile entwickelt. Der absolute Renner sind die "essbaren" Sitzbezüge in der First Class des Langstreckenflugzeugs Airbus A380.

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  • h.yurén
    schrieb am 25.04.2009 um 16:26
    der superstar des angeblich 21. jahrhunderts bringt ja, wie friedrich hinterberger bemerkt, "im Detail gute Ansätze", aber wie etliche kritiker dagegenhalten, auch viel wind. was soll z.b. das (fr)essbare bisschen im airbus?! das ist entertainment. das endlich mal frisch fromm fröhliche gesicht zum grenzenlosen konsum mit grenzenlosem wachstum!!!
    vom dr. dilemma dachte ich, dürften wir mehr erwarten.
    die ölologisierung der gesellschaft ist nicht etwas, worüber die menschen lachen können, also muss man sie mit nachdruck kitzeln.
    es klang in der kritik schon an, dass die macher gar nicht fröhlich gucken, wenn es ökologisch wird oder werden soll. die macher und die mehrheit sind auch durch lustige einlagen nicht munter zu machen. den rest kann sich mensch an den zehn fingern ausrechnen....
  • zarathustra358
    schrieb am 21.04.2009 um 21:17
    C2C-so muss das funktionieren. Michael Braungart hat weiter gedacht. Vielleicht mag es nicht die Antwort auf alle Fragen sein, aber definitiv ein wichtiger Teil davon, die Perfektion des Recycling, wie Michael Braungart sie vorschlägt.
    Das Buch hab ich mir schon bestellt, schließlich bleibt vieles noch offen. Ohne einen sorgsamen Umgang mit den Ressourcen werden wir aber trotzdem nicht herumkommen, spätestens wenn es um Ackerland geht, auch wenn Braungart das Wort Nachhaltigkeit nicht gerne hört ...
    Die Utopia-Gruppe ist auch zu empfehlen:
    http://utopia.de/community/gruppen/cradle-to-cradle-design
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