Lifestyle
Lohas – eine Abkürzung verwirrt die Welt
"Also, ich bin ja jetzt voll auf GUNAL."
"Auf was?"
"Na, auf GUNAL. Das bedeutet, ich pflege einen gesunden und nachhaltigen Lebensstil."
"Ach, du meinst, du bist ein LOHAS."
LOHAS. Im Grunde steht es für das Gleiche wie GUNAL, nur eben auf englisch. Lifestyle of health and sustainability, das soll es bedeuten, und es klingt ja auch wirklich viel schöner als GUNAL. Das Kürzel LOHAS steht also für ein Hauptwort, nämlich den Lifestyle, den Lebensstil. Man kann also kein LOHAS sein oder machen, man kann auch nicht LOHAS leben. Das einzige, was man damit machen kann, ist ihn haben oder pflegen.
"Du, ich habe einen LOHAS."
"Oh, das tut mir leid. Woher hast du den denn? Ist das ansteckend?"
"Nein, das bedeutet, ich pflege einen Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit."
"Ach so. Warum sagst du das nicht gleich?"
Eigentlich müsste die Frage eher lauten: "Warum sagst du das überhaupt?" Denn wenn man sich für einen bestimmten Lebensstil entscheidet, dann tut man das doch für sich selbst. So etwas schreibt man sich allenfalls in einer mitteilsamen Teenagerphase auf ein T-Shirt, aber man läuft doch nicht durch die Gegend und bindet jedem seinen Lebensstil auf. Es schwappen durch die Promi-Magazine immer wieder Meldungen über Berühmtheiten, die jetzt einen Hybrid-Wagen fahren oder Hardcore-Veganer geworden sind, in die Welt der Normalsterblichen herüber. Für ihre Kinder kaufen sie Buggys aus Korkeiche und Kuscheltiere aus nachwachsenden Tropenhölzern - kurz: Sie übernehmen zum ersten Mal Verantwortung. Sie tun Gutes, und sie sprechen darüber - so wie es die Tradition der Yellow-Press verlangt. Vermutlich liegt hier auch ein Entstehungsgrund für den merkwürdigen LOHAS-Begriff. Irgendwie muss man den neuen Geist, der unsere heimlichen und unheimlichen Vorbilder beflügelt, ja nennen. Warum nicht gleich den Lebensstil als Abkürzung zusammenfassen.
Die LOHAS-Begriffsklärung erinnert an die Geschichte mit den Yuppies in den achtziger Jahren. Die "young urban professionals" wurden wegen ihrer dem Hippietum entgegengesetzten, von Egoismus und Karrierebewusstsein geprägten Lebenseinstellung so genannt. Ansonsten hätten sie schlicht Yups geheißen, und das knallt einfach nicht so gut. Der Yuppie hatte einen großen Vorteil: Man konnte (und kann) einer sein. Ein LOHAS kann man wie gesagt nicht sein, obwohl einem der Begriff in der Sein-Form immer häufiger begegnet. Noch verdrehter wird es, wenn aus dem vermeintlichen Hauptwort obendrein ein vermeintlicher Plural gemacht wird.
"Hast du schon gehört? Der Schmidt ist jetzt ein LOHA.“
"Ein was?“
"Na, ein LOHA. Das heißt, er gehört zu den LOHAS.“
"Ach. Und ich dachte immer, der wäre bloß ein Angeber.“
Bayerische LOHAS-Freunde werden aufgrund dieser Verwechslung oft im Urlaub auf Hawaii vermutet, wenn sie bei Bekannten anrufen:
"Du Schorsch, I bin jetz a LOHA.“
"Geh, bist bei die Hawaiianer?!“
"Naa, i moan A LOHA!“
"Joa, scho’ recht, Bertl - Pfirti und Aloha. Schreib halt a Kart’n, Kruzifix.“
Doch zurück zum LOHAS. Eine weitere Tücke dieser begrifflichen Zusammenkunft ist, dass ein nachhaltiger Lebensstil mit einem gesunden vermengt wird. Das ergibt natürlich einen Sinn, denn wer an seine und die Gesundheit anderer denkt, der denkt per se nachhaltig. Aber was ist mit denen, die mehr Wert auf Nachhaltigkeit als auf Gesundheit legen? Könnte die begriffliche Reihenfolge innerhalb des Kürzels etwas über die Gewichtung der Prioritäten aussagen? Nehmen wir an, mir ist Nachhaltigkeit wichtiger als Gesundheit. Wäre mein Lebensstil dann der eines LOSAH? Das wäre fatal, denn sobald ich einen meiner britischen Kollegen treffe und mit neu erworbenem Lebensstil glänzen möchte, bewege ich mich sprachlich nahe an der Grenze zum LOSER, und das geht auf keinen Fall.
"Did you notice my new hemp sneakers?"
"Oh yeah, I really love them. They're so LOSAH."
Geht gar nicht, oder? Sehen Sie. Nun erkennen Sie das eigentliche Dilemma. Begriffe schränken ein, sonst nichts. Sie fassen zusammen, rationalisieren, abstrahieren und verdrängen den Kontext, aus dem sie entstanden sind.
Sie müssen wissen: Meine Gesundheit ist ganz in Ordnung, ich habe aber an diesem neuartigen nachhaltigen Lebensstil irgendwie meinen Spaß gefunden und möchte, dass das auch zum Ausdruck kommt, wenn ich anderen davon berichte. Das Kind braucht also bei aller Abstrahierung einen Namen. Weil dieser aber aus Gründen der zeitgemäßen Kommunizierbarkeit englischen Ursprungs sein sollte, müsste man ihn logischerweise LOFAS nennen, lifestyle of fun and sustainability. Und all jene, denen ihr bisheriges, nicht nachhaltiges Leben vor lauter CO2-Emissionen und Fleischverzehr tiefe Schuldgefühle verursacht, pflegen folglich den LOGAS, den lifestyle of guilt and sustainability. Nicht zu vergessen die vielen Menschen, die den nachhaltigen Lebensstil eben erst entdeckt und sich deshalb einen LONDS, einen lifestyle of new discovered sustainability, angeeignet haben.
Was uns bei allem Begreifen und Begriffsfinden allerdings abhanden zu kommen scheint, ist der eigentliche Grund, warum wir unseren Alltag ändern und uns nachhaltigen Aspekten widmen. Und der lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Wir tun das, weil wir morgen noch Luft zum Atmen, Licht zum Wachsen und Wasser zum Trinken haben wollen. Und weil wir wollen, dass für unsere Kinder und deren Kinder auch noch etwas davon übrig bleibt.
Mir ist natürlich klar, dass man immer eine gute Verpackung braucht für so etwas, ein Label. Es reicht nicht mehr aus, die Dinge einfach nur beim Namen zu nennen. Obwohl es für dieses Prinzip mit der Luft, dem Licht und dem Wasser bereits eine sehr schöne Bezeichnung gibt. Zugegeben, sie ist nicht mehr ganz neu und klingt nicht so frisch und unverbraucht. Aber sie bringt all jene Zusammenhänge sehr schön auf den Punkt, die nachhaltige Aspekte überhaupt erst erkennbar machen. Außerdem ist sie kurz und knapp, und es gibt in jeder Sprache ein Wort dafür: gutes Leben.


Kommentare (17)
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Hans-Werner Neumann
schrieb am 07.05.2010 um 11:22 ¶mfazzi
schrieb am 07.05.2010 um 11:01 ¶Kommentar schreiben
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