Leitfaden für Konsum-Strategen (2)

Wann zieht die Masse mit?


Von Peter Unfried

Mein Mitbürger in Berlin-Kreuzberg hat wenig Geld und schleppt täglich Fertiggerichte, Fleisch und andere Lebensmittel aus dem Aldi raus, die ich nicht essen möchte. Jedesmal lässt er sich zwei neue Plastiktüten geben statt einen Jutebeutel oder Stoffsack mitzubringen. Heizpilze vor Kneipen findet er gut, weil er da schön draußen rauchen kann – ohne zu frieren.

Soll er. Es ist vieles nicht gut an Discountern. Aber es ist gut für Menschen mit wenig Geld, dass sie dort viel oder zumindest genug bekommen. Die Integration des strategischen Konsums in den Lebensstil richtet sich im ersten Schritt zunächst an Menschen, die sich das leisten können. Erstens, weil sie okay-verdienend sind, zweitens, weil sie den Kopf frei haben, sich damit zu beschäftigen. Das ist die Gruppe, die vorangeht und Veränderungen entwickelt.

Strategischer Konsum heißt im übrigen nicht automatisch, etwas Teureres zu kaufen. Man gibt manchmal mehr Geld aus, weil Bioprodukte das einem wert sind. Oder weil man die ansonsten externalisierten Kosten der Natur mitbezahlen will, die ein anderer Produzent vermeidet. Strategischer Konsum heißt aber auch, etwas Modernes statt etwas Überholtem zu kaufen. Etwas energiebewusst Produziertes statt etwas energieschädlich Produziertem. Es kann konkret heißen, ein kleines statt eines großen Autos zu kaufen, ein billigeres statt eines teureren und dennoch ein besseres statt eines schlechteren. Es geht zunächst darum, nicht mit anderen zu hadern, sondern bei sich selbst anzufangen, den strategischen Konsum für sich zu besetzen und das darin liegende Glücksmodell unprätentiös und authentisch zu leben.

Massenwirksam wird der strategische Konsum aber nicht, weil in breiten Teilen der Bevölkerung plötzlich Einsicht über dessen Notwendigkeit besteht. Massenwirksam wird er, wenn die politische Dimension und jene des Habenwollens sich überlagern. Das heißt: Wenn mit dem strategischen Konsum die Leitbilder für guten Konsum umdefiniert werden, deren Hoheit bisher häufig auf Seiten der Produzenten und ihrer Werber lag. Wenn das, was die Gesellschaft unter erstrebenswertem Konsum versteht mit politischen Leitlinien übereinstimmt, die es längst gibt, etwa mehr Erneuerbare Energie und viel mehr Effizienz. Wenn erstrebenswerter Konsum nicht mehr von anachronistischen Produkten dominiert wird: große Autos, große Flachbildfernseher, möglichst viele Flugreisen. Sondern Elektroautos, energieeffiziente Fernseher, Freiburg-Urlaub.

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    Lachsi
    schrieb am 19.08.2010 um 22:18
    @ werner stickler Danke für das Interview, ich hab mal einen Artikel im Spiegel gelesen, da kam ungefähr das selbe bei rum...besonders gut gefallen hat mir: "Ich mache seit Jahren Studien mit Applekunden. Das sind oftmals Leute, die kaufen sich ein iPad und wissen gar nicht, wofür. Mit...
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    Uwe-Sievers
    schrieb am 17.08.2010 um 18:00
    Zu der Frage gibt es eine wissenschaftliche Untersuchung, zu finden unter http://www.message-pool.de/images/stories/SCP_report/SCP%20in%20the%20media%20report%20DE.pdf sind nur 143 Seiten. Lohnt sich zu lesen !!
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