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Kolumne - Ökosex

Lagerfeld goes Blau

Martin Unfried feiert einen weiteren Meilenstein im Kulturkampf: die ästhetische Erhabenheit der Erneuerbaren hat endlich die Haute Couture erreicht. Und auch unser Ökosex-Koluminst gibt seine Meinung zu den steigenden Strompreisen zum Besten: Es ist nämlich gar nicht die Energiewende, die uns "noa die Hoar vom Koopf frisst!“"


Erst die gute Nachricht. Mein Interesse für Mode ist erwacht. Überraschenderweise kann der ganze Schnickschnack in Paris doch unglaublich interessant sein. Da war in den deutschen Zeitungen dieses spektakuläre Foto von einer Lagerfeld-Show: die Models schwebten auf einem Parkett aus blauen Photovoltaikmodulen. Die sahen wahnsinnig gut aus und glitzerten im Scheinwerferlicht. Leider konnte ich nicht erkennen, um welches PV-Label es sich handelte. Das war nicht alles, was Karl an Schönheit aufzubieten hatte. Die jungen Frauen mit lustigen Blumenmustern auf ihren Kleidchen tänzelten federleicht zwischen herrlichen Miniaturwindturbinen umher. So schön kann Mode sein.

Leider konnte ich nicht entdeckten, welche Windturbinen Karl hatte nachbauen lassen. Aber das Blau des magischen Bodens harmonisierte wunderbar mit dem strahlenden Weiß der Flügel, die erhaben in den Showhimmel ragten. Das ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg ins Nirvana des Erneuerbaren.

Es gibt nämlich auch einen gar nicht so unbedeutenden ästhetischen Kulturkampf. Der wurde noch von Kampfbegriffen wie „"Verspargelung"“ beherrscht. Selbst das Blau der Dächer gilt in und bei gewissen Greisen, siehe Ex-BUND Mitglied Guttenberg Senior, als Verschandelung gewachsener Dachlandschaften. Da ist es umso bemerkenswerter, dass Karl Lagerfeld, jedweder Ökosex-Schwärmerei unverdächtig, die Ästhetik der solaren Effizienzrevolution entdeckt hat und sich berufen fühlte, ein starkes visuelles Statement abzugeben. Fashion meets Renewables. Dabei dachte ich immer, Lagerfeld interessiere sich nur für barocke Schlösser, antibarocke Körper und komische Handschuhe. Doch der weise Modepapst der Erneuerbaren hat erklärt, er sehe den Wind als Metapher für die frische Brise, die jeweils die Mode erneuere und vorantreibe. Schöner kann man es nicht sagen.

Das ist natürlich viel besser als ein Plädoyer für ein Ende des fossilen Zeitalters. Zwar auch ein schöner Nebeneffekt, aber die wirkliche Stärke der Erneuerbaren liegt in ihrer ästhetischen Superiorität. Atomare Kühltürme und umgegrabene Braunkohlehalden sind modetechnisch out. Das ist wichtig, in einer Gesellschaft, die Schönheiten vergöttert. Und nebenbei mehr Geld ausgibt für unbequeme Schuhe, die nicht getragen werden, als für Essen, Strom und Wärme zusammen.

Das war jetzt unsachlich, ist aber eine hübsche Überleitung zum unvermeidlichen deutschen Thema der Woche: die Stromwut, die in den Straßen von Köln, Berlin und Hamburg kocht. Die deutschen Medien haben Angst, dass breite Teile der Mittel- und Unterschicht am hohen Strompreis elendig zugrunde gehen, in ihren unbeleuchteten Wohnungen. Ich habe zu diesem Thema bereits recht sachliche Gedanken aufgeschrieben, beispielsweise die interessante aber wenig beachtete Berechnung von Professor Uwe Leprich aus Saarbrücken: wegen der allgemeinen Marktsituation und positiver Preiseffekte der Erneuerbaren, müssten Stromlieferanten im Moment nur wenige Zehntel der gestiegenen EEG-Umlage an die Kunden weiter geben. Diese Umlage ist nämlich, anders als in 99,9 % der deutschen Medien behauptet, kein Indikator für den unmittelbaren Anstieg der Preise im Privathaushalt.

Kleiner Tipp: Kommt vom eigenen Stromlieferanten dennoch eine signifikante Preiserhöhung mit dem Argument EEG, dann ist es Zeit "„Adele, Tschüssikowski und Auf Wiener Schnitzel"“ zu sagen. So einfach ist das.

Da es aber bei der deutschen Kostenkommunikation in erster Linie nicht um Sachlichkeit geht, hier ein paar unsachliche One-Liner für die Debatte im dialektbetonten Bekannten- und Familienkreis.

Onkel Anton: „"Die Energiewende frisst ons noa die Hoar vom Koopf!“"

Richtige Antwort: „"Aber, naa. Wenn I seh, wie die Leit mit ihren spritschluckenden Autos das Geld zum Fenster rausschmeißen, do ist der Strompreis noch viel zu niedrig!“"

Nachbar: „"Mir kloine Leit, wir zahlen doch jetzt, dass die Reichen mit ihren PV-Anlagen so viel Rendite kriegen!“"

Richtige Antwort: „"Selber schuld, du Dackel. Schraubst halt selber auch eine aufs Dach!“"

Schwager Kurt: „"Wir Deitschn wir solln doch olles zahln, so ein Strompreis des würdn die anderen in Europa gar net mitmachn, so ein Wahnsinn.“"

Richtige Antwort: „"Jo Kurt, do host recht. In Holland wird’s Gas billiger wegen dem Weltmarkt. Des kriagn die Deitschn gar nicht mit, weil se sich so übern Strompreis aufregn.“"


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Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 22.10.2012 von

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  • schrieb am 26.10.2012 um 11:48
    Ich bin ja eh ein Karl Lagerfeld Fan und finde es sehr begrüßenswert, wenn sich prominentere Persönlichkeiten auch in Richtung Nachhaltigkeit bewegen. Auf http://www.promipool.de/promis/justin-bieber/ habe ich vor kurzem gelesen, dass sich Justin Bieber auch seit längerem für solche Themen eingesetzt. mehr weniger
  • schrieb am 24.10.2012 um 07:21
    Och nee, komm @gruenebine, dass der Karl als Inkarnation von Ästhetik den eleganten Windrotoren und den blauirisierenden Wafern den ästhetischen Ritterschlag erteilt, ist doch in jedem Fall zu begrüßen.

    Kritikwürdig ist allenfalls die "Verspargelung der Landschaft" unter den Windmühlen! ;-)

    Sonnige Grüße
    Stephan mehr weniger
  • schrieb am 23.10.2012 um 22:54
    Bin ja sonst nicht der Modefreak, aber das ist wirklich die ganz große Bühne! :-)

    http://kama-s-fashionl.over-blog.de/article-ysl-110810506.html
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