Ebenso wichtig natürlich der Utopia Award. Leider konnte ich nicht in Berlin dabei sein, was aber nicht bedeutet, ich wüsste nicht genau, was dort so alles verliehen wurde. Ich habe mir das natürlich in Maastricht im Webstream angeschaut. Großes Kino: wie mein Bruder beispielsweise eine Laudatio gehalten hat und sich Hannes Jaenicke ganz cool via Schalte auf dem Flughafen bedankte. Seien wir ehrlich: mein großer Bruder sieht zwar besser aus, aber Hannes ist wahrscheinlich doch der größere Öko. Das war jetzt Spaß.
Besonders gefreut habe ich mich über den Publikumspreis für die Weltläden. Die Utopia Gemeinde wünscht sich glaube ich mehr Jaenickes im Weltladen, das ist für mich die spannende Mischung zwischen cool kämpferisch und gediegen beharrlich. Das zeigt auch, dass die künstliche Aufteilung der Welt in schrecklich moralische „Altökos und Gutmenschen“ versus unpolitische „Lohas und Konsumjunkies“ nichts mehr hergibt. Die Szene ist ein bisschen gemischter geworden und das ist super. Früher war es nämlich einfacher zu bestimmen, wer Freund und Feind ist. Heute sind Konzerne wie Telekom und Otto Utopia Award Sponsoren und Philips kriegt einen Produktpreis.
Dabei verkörpert der von Utopia prämierte Energiesparfernseher Philips 55 PFL 6606 sehr schön das Dilemma der Nachhaltigkeit. Ich habe nämlich daheim noch ein Röhrenmonster mit einem ausgezeichneten Bild. Das braucht natürlich mehr Strom als der prämierte Philips, könnte allerdings noch 10 Jahre laufen.
Der gesellschaftliche Druck in Sachen digitale Flatscreens wird aber immer unerträglicher. Unser Kabelprovider hat schon einige analoge Sender abgestellt. Das ist unverschämte Nötigung in Sachen digitales Fernsehen. Will sagen: natürlich ist das kommerziell gesteuerte Verschrotten von Millionen funktionierender Fernseher Quatsch und ein Zeichen für eine perverse Wegwerfgesellschaft. Das heißt aber noch lange nicht, dass der 55 PFL 6606 nicht eine tolle Kiste ist und einen Preis verdient. Genau diese Spannung gilt es leider auszuhalten, wenn man sich auf grüne Preisverleihungen einlässt.
Wobei wir wieder bei der alten Frage wären, ob es das richtige, grüne Leben im falschen kapitalistischen Film gibt. Bei der noblen deutschen Nachhaltigkeitsgala am Freitag in Düsseldorf war dies wohl noch schwerer zu sagen. Der Preisträgerin Sina Trinkwalder sah ich das Unbehagen sogar im Webstream an. Die Modeunternehmerin von Manomama wurde dort vom deutschen Nachhaltigkeitsrat zum „social entrepreneur“ der Nachhaltigkeit geschlagen, und vermittelte den Eindruck, dass Sie die Veranstaltung ziemlich daneben fand.
Diese lächerliche Smokingverkleidung, die ministerielle Umarmung durch Herrn Pofalla und Frau Aigner und die Kuscheltour mit Unternehmen wie Siemens. Deshalb hatte Sina Trinkwalder am Tag ihrer Preisverleihung einen wütenden Artikel in der taz gegen Greenwashing veröffentlicht. Es gehe eben nicht nur oberflächlich um das Austauschen von Produkten, sondern um die gesamte Frage der Bedingungen der Produktion weltweit. Also zähle auch die ferne Umweltzerstörung, das globale Sozialdumping und die strukturelle Ausbeutung. Mit dieser Haltung kuschelt es sich tatsächlich nicht so toll mit globalen Unternehmen wie Siemens, das am Freitag eben auch einen deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen hatte.
Keine Sorge, den bekamen auch glaubwürdigere Unternehmen wie die Drogeriemarktkette dm. In einem kann ich Sina nicht zustimmen. Sie meint nämlich, es gäbe eine klar zu bestimmende Linie zwischen Ehrlichkeit und Fake in Sachen Nachhaltigkeit und beschwört ein höheres Gutes. Ich fürchte, die Grenzen sind leider nicht immer so einfach zu erkunden.
Interessanterweise dämmerte dies auch Peter Maffay, der prämiert wurde für seine Stiftung. Der gab auf offener Bühne zu, er habe am Anfang gedacht, er sei auf der falschen Veranstaltung und war dann doch überrascht über die Ernsthaftigkeit trotz Smoking. Aber so grenzwertig muss nachhaltiges Shobizz sein. Immer hart an der Grenze zu Gaga und Greenwashin. Hannes Jaenicke, der auch da war, hat nur gelächelt. Noch süffisanter als sonst.


Kommentare (4)
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Man merkt bei Sina, dass sie sich nicht nur auf ihrem Geschäftsfeld gut auskennt, sonder dass sie auch umfassend über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft informiert ist. Ich bin schwer beeindruckt, auch darüber dass sie das auch noch so kämpferisch in Worte fassen kann.
Ich finde in ihrem Kommentar werden auch einige Punkte angesprochen, die man als Kritik an Utopia anbringen kann. Vor allem bei so etwas wie dem Greenwashing von Obi hier. mehr weniger
"Das zeigt auch, dass die künstliche Aufteilung der Welt in schrecklich moralische „Altökos und Gutmenschen“ versus unpolitische „Lohas und Konsumjunkies“ nichts mehr hergibt. Die Szene ist ein bisschen gemischter geworden und das ist super."
"Es gehe eben nicht nur oberflächlich um das Austauschen von Produkten, sondern um die gesamte Frage der Bedingungen der Produktion weltweit. Also zähle auch die ferne Umweltzerstörung, das globale Sozialdumping und die strukturelle Ausbeutung. Mit dieser Haltung kuschelt es sich tatsächlich nicht so toll mit globalen Unternehmen wie Siemens, das am Freitag eben auch einen deutschen Nachhaltigkeitspreis bekommen hatte."
"Sie [Sina Trinkwalder] meint nämlich, es gäbe eine klar zu bestimmende Linie zwischen Ehrlichkeit und Fake in Sachen Nachhaltigkeit und beschwört ein höheres Gutes. Ich fürchte, die Grenzen sind leider nicht immer so einfach zu erkunden."
Obwohl: "Aber so grenzwertig muss nachhaltiges Shobizz sein. Immer hart an der Grenze zu Gaga und Greenwashin." - warum eigentlich? mehr weniger
Ich schätze ihre Blog-Beiträge sehr.
Zuletzt z.B. über die Webeaktion von KiK.
Ich finde es einfach überaus erfrischend, wenn ich Unternehmer/innen lese, die auch noch was anderes als Marketing-Talk kennen, können und vor allem sich trauen.
Und ich denke, was die Preisverleihung angeht, wäre es mir ähnlich ergangen.
Außerdem kommt sie aus Augsburg und wenn mir auch sonst jeglicher Patriotismus für meine schwäbische Wahlheimat fremd ist, in dem Fall gibts dafür noch mal ein Lob mehr...
(Augsburg wird von Marktforschern immer als ultimative Teststadt gewählt.
Ein Produkt, das sich in Augsburg bei den allem Neuem eher kritisch gegenüberstehenden Schwaben durchsetzt, kann man überall verkaufen ;-)) mehr weniger