Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Ökosex-Kolumne

Gebäckträger und Radlerkasten

Fahrräder ohne Gepäckträger sind wie französische Filme ohne Juliette Binoche. Sie machen keinen Sinn. Dennoch, und das hat mich bei meiner letzten Deutschlandreise sehr schockiert: Sie sind schwer in Mode. Erst waren es die doofen Mountainbikes, die bei euch sogar in den Städten gerne gefahren wurden, obwohl der Rollwiderstand ähnlich schlecht ist wie der eines Schützenpanzers. Und jetzt im Moment sind eher diese alten Rennräder hipp: dünne Rennradreifen, abgesägte Lenker und fehlende Schutzbleche.


Was für ein Quatsch: besonders bei Kopfsteinpflaster, Regen und nach einem Großeinkauf. Da stellt mancher Hipster nämlich fest: mit ultracoolen Bikes kann man nicht mal die kleinste Kekspackung transportieren, weil diese nämlich keinen Gebäckträger haben. Und deshalb haben viele junge Leute einen Rucksack dabei, der allerdings heftig den Rücken belastet. Kein Wunder, dass eine ganze Generation später in die Rückenschule muss.

Meine These: Räder ohne Gepäckträger sind eine Einbahnstraße auf dem Weg ins Nirvana der Nachhaltigkeit. Hier wird in übler Weise die Funktion wegen lächerlicher Formliebhabereien beschädigt. Wie kann man nur einen Gepäckträger aus Designgründen weglassen? Das raubt dem perfekten Produkt Fahrrad sein bestes Stück. Mit Gepäckträger kann ich beispielsweise als nachhaltiger Gastgeber mühelos Bierkästen mit dem Fahrrad transportieren.

Das geht bei uns in den Niederlanden ganz locker und easy: da gibt es eine besondere Technik. Bierkasten auf den Gepäckträger und dann wird dieser mit einer Hand hinten festgehalten, die andere bleibt am Steuer. Dabei hilft uns das zeitgenössische Bierkastendesign. Nach dem Motto „form follows function“ haben die niederländischen Bierkästen nämlich extra einen Griff in der Mitte, den es von oben zu bedienen gilt. Das klappt hervorragend.


So sind Getränkekisten nur ein Beispiel dafür, wie pfiffigeres Design viele Produkte des Alltags für die Nachhaltigkeit fit machen könnte.
Bisher sind diese leider komplett für die Autogesellschaft konzipiert. Beispiel: der Drive-In von Fast-Food Ketten. Wie blöd sieht das denn aus, wenn man da mit dem Fahrrad in der Reihe steht. Insbesondere wenn es regnet. Hier wäre ein Tunnel ins Gebäude rein und eine gesonderte Spur im Restaurant an der Kasse vorbei nicht schlecht.

Anderes Beispiel: feine Anzüge für besonders schicke Business-Gelegenheiten. Auch in diesem Fall ist die Berufskleidung des Politikers und Bankers auf die Benutzung einer klimaschädlichen Limousine zugeschnitten. Wer jemals mit einem Anzug mit Hemd und Krawatte auf einem Rad mit Kettenschaltung einen Berg bei Hagel hinauf fuhr, der weiß, dass Ökologie und Mode noch zwei Welten sind. Ich warte immer noch auf den ersten Business-Bike Anzug, der die Seriosität des gepflegten Auftritts mit der Eleganz der klimafreundlichen Fortbewegung verbindet.

Zurück zum Bier: da hätte ich sogar einen Geheim-Tipp für Brauereien, womit diese steinreich werden können. Es gibt ja schon tolle Kästen, die man in der Mitte teilen kann. Da wäre es natürlich super pfiffig, wenn die Bierkastenhälften mit Haken versehen wären, die links und rechts wie Satteltaschen am Gepäckträger eingehängt werden könnten. Weil heute Norbert Röttgen in NRW verloren hat, stelle ich diese grandiose Ökosex-Design-Idee dem Bundesumweltminister und den deutschen Brauereien kostenlos zur Verfügung. Sozusagen als Gemeinleergut. Das ganze könnten wir „Radlerkasten“ nennen und natürlich sollten wir erst mal mit dem Vertrieb von Radler beginnen.

Thema: Kolumne: Ökosex, Stand: 15.05.2012 von

Kommentare (32)   Kommentare abonnieren

alle Kommentare (32)
  • Bedenklichen Inhalt melden
    schrieb am 18.06.2012 um 14:52
    "Wer jemals mit einem Anzug mit Hemd und Krawatte auf einem Rad mit Kettenschaltung einen Berg bei Hagel hinauf fuhr, der weiß, dass Ökologie und Mode noch zwei Welten sind. "

    Anzug nicht ganz, aber doch recht ansehnlich, scheinbar mit ökologischem Anspruch (ungeprüft, ich fand die nur ganz schick) und jedenfalls definitiv Radkleidung gibts bei: triple2.de zu sehen. Recht teuer allerdings auch. mehr weniger
  • Bedenklichen Inhalt melden
    schrieb am 16.06.2012 um 14:57
    Getränkekisten fürs Fahrrad bzw. radtaugliche Anzüge- das sind echt gute Ideen.
    Die Zeit wäre reif dafür. Aber falls der Gepäckträger nicht ausreicht, gibt es immer noch den guten alten Fahrradanhänger....
  • Bedenklichen Inhalt melden
    schrieb am 12.06.2012 um 16:05
    Das paßt doch in eine Bierenste Diskusion!
    http://www.youtube.com/watch?v=DRC3R2RpPV0&feature=player_embedded
  • Bedenklichen Inhalt melden
    schrieb am 29.05.2012 um 00:18
    Duo-Getränkekistenhalter für jeden Gepäckträger:
    http://www.fahrradladen.de/p_boxboy.htm
    Leider gibt es den nicht mehr, ich habe ihn aber und verleihe ihn gerne. Oder es fühlt sich jemand bemüßigt, das Ding nachzubauen.
  • Bedenklichen Inhalt melden
    schrieb am 22.05.2012 um 21:54
    Hallo Martin: Ge-B-äckträger? mit eingebautem Ofen:) Vielleicht ist ein Bio-Drive In auch eine neue Variante. Ich fände das mit Fahrrad nicht schlimm.
alle Kommentare (32)
Kommentar schreiben
(5000/5000)
Mehr zu Technik
  1. Nah am Durchfall: Bill Gates Toilette der ZukunftDas Computer-Genie will mit modernen Kloschüsseln die Hygiene-Bedingungen in armen Ländern verbessern und fällt dabei fast durch.

    Nah am Durchfall: Bill Gates Toilette der Zukunft
  2. Das iPhone 5 ist ungiftiger als das Samsung Galaxy S3Laut Expertenstudie gehört das ungiftigste Mobiltelefon weder Apple noch Samsung.

    Das iPhone 5 ist ungiftiger als das Samsung Galaxy S3
  3. „Die antidepressive Wirkung meiner Fahrradjacke"Radfahren bei fast jedem Wetter. Der Utopist "velotopist" im Interview.

    „Die antidepressive Wirkung meiner Fahrradjacke"