Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopist "Bubensteyn" im Interview

Keine Karikaturen unter der Gürtellinie

Wiesenhof, Monsanto und Marillenknödel – „Bubensteyn“ kriegt sie alle gebacken. Mit Hingabe kocht und mit Feinsinn karikiert er. Das bayerische Utopia-Urgestein spricht im Interview über die Grenzen seiner Kunst, den schöpferischen Genuss des Kochens und seine größte Öko-Sünde.


Utopia: Glaubst du, du kannst mit deiner Kunst etwas verändern?

Bubensteyn: Gute Frage gleich zum Anbeginn. Die stelle ich mir ebenfalls oft. Zunächst einmal sind die Karikaturen ein Mittel für mich, bei vielen Dingen genauer hinzusehen, Gegebenheiten zu hinterfragen und Gedanken auf die Spitze zu treiben. Bei mir hat die Beschäftigung mit den Karikaturen bewirkt, dass ich für Etliches „Antennen“ entwickelt habe, die mir helfen, Themen zu finden.
Kann man mit Kunst überhaupt etwas verändern? Ich kann mir vorstellen, dass manche Betrachter durch meine Bilder kurz innehalten, ihre Meinung mit der meinen vergleichen und dann Stellung beziehen. Vielleicht regen manche Karikaturen zum Nachdenken an und wenn sich dann und wann ein Schmunzeln einstellen sollte, ist es mir auch sehr recht.

Bubensteyn - wie ist dieser Künstlername entstanden?

B: Das ist eine etwas längere Geschichte, die ihren Ursprung vor einem halben Jahrhundert hatte. Damals läutete es einmal an der Tür meiner Eltern und ein kleiner Junge stand davor. Auf Nachfragen antwortete er mit einem herzigen „Bubi da“. Das wurde zu einem geflügelten Wort. Als dann einige Jahre später die ersten Computerspiele (etwa der Commodore C64) kamen, in denen man gegen einen menschlichen Gegner spielen konnte, war die Eingabe des Spielernamens auf drei Buchstaben und Großbuchstaben begrenzt. Somit gab ich gerne BUB ein. Bei späteren Spielen konnte man längere Namen eingeben. Gerade wenn man dann Kaiser werden wollte, war ein etwas mittelalterlich klingender Name nicht abwegig. Und so entstand Bubensteyn.

In deinem Blog auf Utopia, stellst du oft originelle Rezepte ein, wie ist deine Leidenschaft fürs Kochen entstanden?

B: Ich habe wohl die Experimentierfreude meiner Mutter geerbt. Sie war beim Kochen immer neugierig und hat immer wieder Neues ausprobiert. Und wenn ich, kindlich naiv-verspielt, auch etwas probieren wollte, so durfte ich das. Als ich dann Ende der 1960er Jahre ein Taschenbuch mit chinesischen Rezepten gekauft habe, war es für damalige Verhältnisse schon ein gewagtes Experiment, die ganze Familie zu einem chinesischen Essen zu bitten. Dabei war die Beschaffung der entsprechenden Zutaten das größte Problem. Um die Sojasauce – es gab nur eine Sorte – zu kaufen, musste ich noch mit dem Dampfzug von Erding nach München fahren, um beim Dallmayr diese und andere Ingredienzien – wie Wasserkastanien, Bohnenpaste oder Sojabohnenkeimlinge – zu bekommen.

Ans Klischee der chinesischen Küche hast du dich ja hoffentlich und vermutlich nicht rangewagt. Deine Rezepte sind meist vegetarisch, die Zutaten natürlich. Seit wann legst du Wert auf gesunde und bewusste Ernährung?

B: Vor über einem Vierteljahrhundert wurde im Landkreis Erding die Genossenschaft „Tagwerk“ gegründet. Von nun an hatte ich Zugriff auf Bioprodukte. Auch wenn das Angebot am Anfang optisch noch recht dürftig daher kam – es war wieder eine neue Welt. Gemüse und Obst, das authentisch schmeckte, Fleisch und Eier und Käse von Tieren, die unabhängig von Großkonzernen artgerecht gehalten wurden, daran ging für mich kein Weg mehr vorbei. Dass ich seitdem Genossenschaftsmitglied bei Tagwerk bin, damals schon gegen Atomenergie war und Flughafengegner muss ich eigentlich nicht mehr gesondert erwähnen. Als dann vor 12 Jahren meine Enkelin auf die Welt kam, habe ich mich entschlossen, für sie einige gute Rezepte aufzuschreiben. So ist inzwischen ein Fundus von über 1500 Rezepten entstanden.

1500! Und die teilst du gerne mit anderen Utopisten ...

"Ein Verbrechen, diese Meisterwerke durch die Mühlen der Fabriken zu jagen"

B: Bei Utopia hat für ich ein neues Zeitalter begonnen. Die Begegnung mit Menschen, die ebenfalls bewusst essen, ob als mäßige Fleischesser, Vegetarier oder Veganer hat mich sehr beeinflusst und ich bin froh darüber. Ich sehe mich als alten Hedonisten. Und dieses Grundgefühl von mir möchte ich vermitteln. Es gibt so viele großartige Produkte von Mutter Natur, die man genießen kann, die sich unterschiedlich anfühlen, die alle ihre feinen Gerüche haben, die das Auge immer wieder erfreuen durch Form und Farbe – da ist es doch ein Verbrechen, diese Meisterwerke durch die Mühlen der Fabriken zu jagen, mit künstlichen Zusatzstoffen zu versehen und als Halbtote oder als biologische Leichen in künftigen Plastikmüll einzusargen. Daher koche ich selbst und diese Freude, den schöpferischen Genuss dabei möchte ich anderen Menschen vermitteln.

Thema: Utopisten-Interviews, Stand: 28.08.2012 von

Kommentare (27)   Kommentare abonnieren

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  • schrieb am 13.08.2015 um 08:07
    Lieber litter,
    da bin ich ja gespannt.
    Mal sehen.
  • schrieb am 12.08.2015 um 14:07
    ... und an den S-Bahn-Bahnhöfen oft auch nicht mehr. Da heißt es, die Getränkezufuhr planen.
  • schrieb am 11.08.2015 um 14:31
    Hallo Maria_L,

    also "Münchner- Verkehrs- und Tarifverbund".

    Ich erkunde sehr gerne mein Umfeld mit der "Bahn": da gibt es hier in Hannover auch immer wieder angebotene Touren mit "alten" Bahnen": das macht echt Spass :-)
  • schrieb am 09.08.2015 um 17:24
    Ich hoffe, dass jetzt (seit 1 Woche im Ruhestand) langsam wieder die Ideen zu sprudeln beginnen.
    Momentan habe ich fast keine Zeit, da ich sämtliche Endstationen des MVV anfahren möchte.
  • schrieb am 09.08.2015 um 16:27
    Hallo Bubensteyn,

    zufällig bin ich heute beim "Schmökern" auf diese Deine Seite gestoßen: und ich finde, dass man diese mal wieder hervorholen sollte :-)
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