Herr Luthe, darf man als umweltbewusster Mensch überhaupt noch zum Wintersport in die Berge fahren?
Natürlich darf man das. Es entstehen zwar auch Umweltschäden durch Wintersport, aber es gibt in diesem Bereich immer größer werdendes Engagement in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Wintersportler zeigen großes Interesse an der Natur. Die vom Wintertourismus abhängigen Orte wissen, dass eine intakte Umwelt ihr Kapital darstellt. Wenn die Umwelt der Berge leidet, dann geht es auch mit den dazugehörigen Wintersportregionen bergab.
Woher kommt dann das umweltfeindliche Image, das oft mit Wintersport verbunden wird?
In den achtziger Jahren hatte die Umweltzerstörung in den Alpen aus wirtschaftlichen Gründen bizarre Ausmaße angenommen. Damals musste vehement auf den Raubbau am Berg aufmerksam gemacht werden, weil das Bewusstsein für die ökologischen Zusammenhänge noch nicht so geschärft war wie heute. Die Menschen mussten erst einmal lernen, dass eine in den Berg gefräste Skipiste einen massiven Eingriff in ein sensibles Ökosystem bedeutet, von dem ein Berg sich nur langsam erholt, wenn er das überhaupt tut. Es war also wichtig, die Menschen darauf aufmerksam zu machen. Heute werden eben keine Pisten mehr gebaut, und das ist auch gut so. Der Fehler war nur, zu sagen, man soll komplett auf Wintersport verzichten. Das ist zu einseitig und hat nur für Verwirrung gesorgt. Wenn die Leute Skifahren wollen, dann machen sie das auch. Und wenn der Schnee in den Alpen irgendwann weg ist, dann fahren sie eben woanders hin. Das hat man inzwischen verstanden.
Also sind die Betreiber von Skipisten jetzt alle Umweltschützer?
Sie sind eher gute Geschäftsleute, die ihre Hauptressourcen schützen aber sie wissen auch, dass die Umwelt geschützt werden muss. Ein Skilift ist ein gutes Beispiel: Nach 20 bis 30 Jahren ist er abgeschrieben und wird erneuert. Der Betreiber orientiert sich an den aktuellen Bedürfnissen und stellt dann zum Beispiel fest: Für den Einsatz von Schleppliften muss eine durchgehende Lifttrasse auf dem Boden befahrbar sein, zudem ist man abhängig von Schnee, der diese Trasse auch in geringen Höhen bedecken muss. Also denkt er über den Ersatz durch einen bodenunabhängigen Sessellift nach, was wiederum die Bereiche der Lifttrasse entlastet - eine gute Entwicklung. Andererseits baut er möglicherweise eine Sitzheizung in die Sessel ein, weil er glaubt, dass die Touristen das toll finden. Hier geht’s dann wieder in die falsche Richtung, weil hier Energie verschwendet wird für eine Sache, die wirklich niemand braucht. Man muss aber auch sagen, dass die Skigebiete in den Alpen heute immer stärkeres Engagement zeigen, die Natur zu erhalten. Es gibt ein paar clevere Ansätze und einige gute Programme, die sich damit beschäftigen die immensen CO2-Emissionen, die durch Alpentourismus entstehen, in den Griff zu kriegen.
In welchen Bereichen kann man denn effektiv CO2-Emissionen vermindern?
Eine neue Studie aus Davos hat gezeigt, dass die größten Einspar-Potenziale im Straßenverkehr und bei den Immobilien liegen, weil von diesen beiden Faktoren auch die größten Belastungen ausgehen. Ist ja auch klar, bei etwa 45 bis 50 Millionen Alpen-Touristen in jeder Saison. Sommer wie Winter. Wenn jeder von denen mit dem Auto anreist, kommt schon einiges zusammen. Und vor Ort müssen sie ja auch mobil sein. Dann kommen die Heiz- und Stromenergie für die Unterkünfte und die Liftstationen dazu und so weiter. Deswegen konzentrieren sich die meisten Schutzprogramme auch auf die Faktoren Mobilität und Immobilien. Die Skigebiete nutzen dafür Umweltmanagementsysteme, die auf Umweltschutznormen wie der ISO 14001 basieren. Damit können unterschiedlichste Wirtschaftsfaktoren relativ exakt auf ihre Umweltverträglichkeit geprüft und gegebenenfalls angepasst werden.
Gibt es noch andere Möglichkeiten, den Wintersport umweltgerechter zu gestalten?
Es gibt schon mal keine Komplettlösung. Wie immer kommt es sehr darauf an, welchen Bereich Sie betrachten wollen. Einsparpotenziale gibt es viele, aber jeder Ort hat andere Eigenschaften - ökologisch wie ökonomisch. Die Orte in den Skigebieten haben spannende Projekte ins Laufen gebracht, um die Touristen dazu zu bringen, ihr Auto stehen zu lassen oder gar nicht erst mit dem Auto anzureisen. Wer zum Beispiel in Werfenweng in Österreich beim Einchecken im Hotel seinen Autoschlüssel abgibt, bekommt attraktive Vergünstigungen. Zum Beispiel Freikarten für öffentlichen Transport oder ein kostenloses Mobiltelefon für individuelle Fahrdienste. Immer verbreiteter werden Elektrofahrzeuge, gasbetriebene Pistenfahrzeuge oder die Rückkehr zur guten alten Pferdekutsche. In Davos setzt man auf regionale Holzkreisläufe und erneuerbare Energien. In St. Moritz haben sich die Immobilien-Eigentümer sogar verpflichtet, mindestens ein Drittel der benötigten Energie aus erneuerbaren Quellen zu beziehen.
Und was kann ich als Einzelner tun?
Das Interessante ist, dass sich die Kunden immer häufiger als treibende Kraft bemerkbar machen. Als bekannt wurde, dass einige Skigebiete Beschneiungsanlagen mit Bakterienzusätzen im Wasser einsetzen, um auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Schnee erzeugen zu können, wurde dies durch die Medien entsprechend angeprangert. Mit dem Erfolg, dass diese Zusätze im Schneiwasser, obwohl sie in der Schweiz und in Frankreich noch nicht verboten sind, nicht mehr eingesetzt werden. In Deutschland, Österreich und Italien ist dies seit längerem verboten. Ein immer größerer Teil der Touristen ist daran interessiert, umweltbewusst Winterurlaub zu machen. Deswegen setzen sich die Umweltprogramme der Skigebiete auch immer mehr durch. Die Nachfrage bestimmt auch hier das Angebot. Man sollte vorher Kontakt zum Zielort aufnehmen, sich informieren. Surfen Sie im Internet, oder noch besser: Rufen Sie in den Unterkünften an und fragen Sie gezielt nach Umweltschutzmaßnahmen.
Zurück zum Sport. Gibt es für den Umweltschutz eigentlich „gute und schlechte“ Sportarten?
Es kommt weniger auf die Sportart an als auf die Höhe, in der man sie ausübt. Eine Langlaufloipe im Tal hat sicher geringere Auswirkungen als eine Alpin-Piste in höheren Lagen. Ab ungefähr 2000 Metern Höhe wird der Lebensraum für Pflanzen und Tiere so speziell, dass er sich von Eingriffen nur schwer und in sehr langen Zeiträumen erholt, wenn überhaupt. Potenziell heikel sind alle abseits durchgeführten Sportarten, also solche, die man nicht auf den Pisten oder in den Orten ausübt. Ein relativ großes Problem können Ski- und Schneeschuhtouren darstellen, die in den letzten Jahren immer beliebter geworden sind. Individualität ist auch im Wintersport angesagt. Die Touristen möchten einzigartige Naturerlebnisse wie Ski- und Schneeschuhwanderungen erleben. Leider ist das Ökosystem Berg so empfindlich, dass selbst kleinste Störungen der Tier- und Pflanzenwelt große Belastungen bedeuten können. Man sollte sich für diese Aktivitäten genaue Bergkarten besorgen und sich an die Gebietsmarkierungen halten. Naturschutzgebiete sind dabei natürlich sowieso tabu. Wenn Störungen abseits der gewohnten Bereiche, wie etwa Skipisten, auftreten, werden Wildtiere besonders stark gestört, da sie sich hieran nur schwer gewöhnen können.
Verraten Sie uns, wohin Sie selbst in diesem Winter fahren werden?
Das sage ich Ihnen lieber nicht so gern. Schließlich will ich, dass meine Geheimtipps auch welche bleiben. Wenn ich eine Empfehlung aussprechen soll: Es kommt immer darauf an, was Sie vorhaben. Für einen Skiurlaub mit der Familie empfehle ich Spitzingsee. Aber wenn Ihnen Nightlife wichtiger ist, dann finden Sie dies zum Beispiel im Zillertal. Je geringer die Anreisewege, desto besser für Umwelt, Geldbeutel und Zeitbudget, das besser im Schnee genutzt wird als im Auto oder in der Bahn.

Foto: privat
Tobias Luthe ist Diplom-Forstwissenschaftler und hauptamlicher Umweltreferent beim Deutschen Skiverband. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind Natursportarten und Ökologie, nachhaltige Tourismusentwicklung, Teamtraining und Erlebnispädagogik, Umweltkommunikation, vernetztes Denken und Systemforschung, Nachhaltigkeitsindikatoren und Evaluation sowie Nachhaltigkeit in Unternehmen. Er ist Autor zahlreicher Buch- und Magazinveröffentlichungen, in diesem Jahr ist sein Buch „Schneesport und Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ im Rahmen der DSV-Umweltreihe erschienen.
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Kommentare (2)
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Wir waren vor einigen Jahren auf einem Gletscher Skifahren (und ich muss auch zugeben, dass es sooooooooooooooooo schön war...) und haben entdeckt, dass es im gleichen Ort auch Skipisten in einer Höhe gab, in der eigentlich noch Baumbestand ist... Deshalb wüsste ich halt gerne: Schadet es mehr auf dem Gletscher, der ja ohnehin keine Bäume hat, in den aber natürlich Liftmasten und dergleichen eingesetzt werden müssen oder mehr in Gebieten, die durch Rodung dann vielleicht lawinengefährdeter sind?
(Dieses Thema kommt übrigens gerade recht, da wir überlegt haben, im nächsten Jahr ökorrekt in Winterurlaub zu fahren... mit Bahn und so... Vielleicht nach Werfenweng? ;) )