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Interview

Die neue Sicht auf die Evolution


Herr Shapiro, Sie sind einer der wenigen profilierten Wissenschaftler, die eine moderne Sicht der Evolution propagieren. Wie sind Ihre Überzeugungen entstanden?
Im Labor – die Bakterien haben es mich gelehrt. Schon bei der Forschung für meine Doktorarbeit in den sechziger Jahren fand ich Mutationen, die wir nicht erwartet hatten. Später gelang es mir, ein Gen-Element aus dem Bakterium E. coli zu klonieren, mit den Mitteln der Zelle selbst – die heutigen Methoden der Gentechnik gab es ja noch nicht. Damals begann ich zu begreifen, was für raffinierte Instrumente zum Umbau ihres eigenen Genoms die Zelle besitzt. 1976 organisierte ich mit Kollegen einen Workshop zu DNA-Inserts (mobile Gen-Elemente, die Red.), und da kam heraus, dass es sie auch bei anderen Organismen gibt. Und in den Achtzigern und Neunzigern wurde immer klarer, dass äußere Bedingungen, etwa Nährstoffmangel, einen Einfluss darauf haben, wie die Zelle ihre Instrumente zum Genomumbau einsetzt. Diese Regelkreise sind eng eingebunden in das sensorische und regulatorische Netzwerk der Zelle.

Trotz solcher Erkenntnisse dominiert immer noch die traditionelle, mechanistische Sicht. Wie kann das sein? Die meisten Biologen scheuen sich, über Evolution anders zu denken als auf die Art, die sie gewohnt sind; Kollegen aus anderen Disziplinen tun sich da leichter. Aber es hat schon etwas Schizophrenes: Vielen Biologen ist mehr oder weniger bewusst, dass die konventionelle Sicht nicht mehr zu halten ist. Aber kaum einer sagt es öffentlich. Es ist praktisch ein Tabu.

Aber Sie brechen das Tabu. Werden Sie von der Wissenschaftsgemeinde ausgegrenzt?
Persönlich, also von Kollegen, weniger – aber es wurde zum Beispiel mal ein Artikel von mir in einer der großen Fachzeitschriften nicht veröffentlicht, weil ich mich weigerte, auf den Begriff „natural genetic engineering“ (etwa: natürliche Systementwicklung im Genom) zu verzichten, den ich seit Jahren verwende. Die hatten das Gefühl, das wäre ein Zugeständnis an die Anhänger des „Intelligent Design“.

Das ist die Angst vor den Kreationisten? Die ist so stark?

Ja, weil die wirklich sehr aggressiv sind. Und da neigen viele Wissenschaftler eher dazu, etwas zu verteidigen, was eigentlich überholt ist, statt zuzugeben, dass es noch offene Fragen gibt, wie die Evolution funktioniert.

Gibt es denn gar keine Anzeichen für eine Änderung?
Ganz langsam ändert sich etwas – die Fakten sprechen ja eine deutliche Sprache. Die Kollegen, die an der Genomsequenzierung arbeiten, an molekularen Stammbäumen usw., die ahnen alle, dass ihre Resultate dazu beitragen müssten, die Evolutionstheorie zu erneuern, dass der Darwinismus nicht länger die Lösung ist und wir eine modernere, komplexere Theorie brauchen. Aber die meisten trauen sich nicht, es zuzugeben.

Prof. James A. Shapiro ist Molekularbiologe an der Universität von Chicago.




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Zuerst erschienen bei unserem Medienpartner:

Natur und Kosmos Cover

natur+kosmos

Stand: 30.01.2009 von

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