Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Utopistin "mela" im Interview

„Ich will, dass 100% Erneuerbare Energieversorgung Realität wird“

Wenn es um erneuerbare Energien geht, dann ist Utopistin „mela“ in ihrem Metier. Im Interview erfahren Sie von der Ökostrom-Aktivistin, weshalb die Solar-Förderkürzungen eine politische Dummheit sind und was Immanuel Kant mit strategischem Konsum zu tun hat. Und wir suchen gemeinsam eine Bezeichnung für Menschen, die faire Schokolade essen.


Utopia: Dein Profilfoto (ein Kind, das die Anti-Atomkraft-Flagge schwenkt) ist ein echter Hingucker. Gibt es eine Geschichte zu dem Bild? 

mela: Das Bild ist 2010 entstanden, bei der Menschenkette direkt am AKW Brokdorf. Ein paar Kinder haben am Deich mit Flaggen gespielt. Es symbolisiert für mich, dass wir gerade auch für die Kinder protestieren. Dass der Protest generationenübergreifend geführt wird, auch wenn die Kinder die Tragweite noch nicht begreifen können – passend zum Lied von  STS „Die Kinder san dran“.

Utopia: Du engagierst dich sehr stark für das Thema Ökostrom. Was treibt dich an und welche Gedanken gehen dir aktuell durch den Kopf, wenn du an die drastischen Kürzungen bei der Förderung der Solarenergie und an drohende Insolvenzen (Bsp. Q Cells) denkst? 

mela: Ich will, dass die Vision 100% Erneuerbare Energieversorgung Realität wird. Angesichts der Insolvenzen ärgere mich zum Einen über die kurzsichtige Politik, aber auch über die Mitnahme-Mentalität vieler Anlagen-Errichter. Über den deutschen Markt wurde ja die deutsche und auch die internationale Solarindustrie mit aufgebaut. So wurde die Energiewende vorbereitet, finanziert durch die Stromkunden – und nun fährt man die Solarbranche gegen die Wand und gibt die entstandenen Arbeitsplätze auf? 

Utopia: Das macht viele von uns wütend. Hast du eine Erklärung dafür, wie es soweit kommen konnte?

mela: Aufgrund starker Konkurrenz aus Asien sind in den letzten Jahren die Anlagenpreise massiv gesunken. Hiesige Hersteller konnten am Markt nur wenig höhere Preise durchsetzen als diese Konkurrenz. Für viele Anlagenbetreiber war leider die Rendite das oberste Ziel, auf lokale Produktion wurde kaum Wert gelegt. Die drastischen Absenkungen der Einspeisevergütung konnten die asiatischen Konkurrenten leichter verschmerzen als deutsche Hersteller, wohl auch durch staatliche Stützung. Man hat der Branche hier durch die schnelle Absenkung quasi das Geschäftsmodell entzogen, die Produktionskosten können teils nicht schnell genug abgesenkt werden. Das ist politisch richtig ärgerlich und dumm, vor allem auch, weil durch diese Insolvenzen so wichtige Arbeitsplätze in Ostdeutschland verloren gehen. Und die zukünftigen Kosten für die Stromkunden werden dadurch nur minimal günstiger. Arbeitsplätze in der Autoindustrie werden ohne mit der Wimper zu Zucken per Abwrackprämie notsubventioniert, die Kohlesubventionen laufen über viele Jahre kalkulierbar aus, aber die Solarbranche lässt man fallen wie eine heiße Kartoffel – dabei hätte sie in absehbarer Zeit auch ohne Einspeisevergütung leben können.

Utopia: Noch immer beziehen die meisten Menschen aber "konventionellen" Strom und unterstützen damit weiterhin Kohle- und Atomkraft. Was meinst du, wieso wechseln nicht viel mehr Menschen zu Ökostrom? 

mela: Der Wechsel zu Ökostrom ist für mich einer der simpelsten und effektivsten Schritte in Richtung Utopia. Der Aufwand ist gering, man braucht nur ein Formular ausfüllen und abschicken. Wenige Wochen danach wird monatlich ein beachtlicher Geldbetrag umgelenkt: Weg von der uneinsichtigen konventionellen Energiewirtschaft, hin zu ökologisch orientierten Stromversorgern.

Warum viele nicht wechseln? Da gibt’s verschiedene Gründe – genügend Leute interessiert es ja einfach nicht, der Strom kommt für sie aus der Steckdose. Viel spannender ist ja die Frage, warum so viele nicht wechseln, die eigentlich doch gegen Atomstrom und Klimawandel sind.  Ich möchte die Frage gern an die Utopisten weitergeben: Welche Gründe hattet Ihr, warum seid Ihr nicht früher gewechselt? Bzw. aus welchen Gründen seid Ihr noch Normalo-Stromkunden?  Bei mir war es damals so, dass ich mich in meiner neuen WG erst nicht recht an das Thema herangetraut habe. Vielleicht sind manche Menschen auch verwirrt durch die vielen Angebote, die sich „Ökostrom“ nennen. Hier ist in der Tat Vorsicht geboten, es gibt ja so einige „Greenwashing“-Anbieter. Zur Anbieterwahl empfehle ich immer die Seite atomausstieg-selbermachen.de oder robinwood.de.

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Thema: Utopisten-Interviews, Stand: 23.04.2012 von

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    schrieb am 12.07.2012 um 08:23
    Ach so, das ist ein Kind! Ich dachte, auf Melas Profilbild ist Mela zu sehen.
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    schrieb am 07.07.2012 um 22:40
    Seit Mai arbeite ich bei einem führenden Hersteller von Solar-Wechselrichtern im Service-Team mit :-)

    Auch wenn es noch Altlasten (finanzieller Natur) zu bewältigen gilt, setze ich mich weiterhin für die Energiewende und das Einsparen fossiler Kraftstoffe ein.
    Leider gibt es immer noch mehr Mißtrauen als angebracht ist. Doch daran sind u.a. diverse Marktbegleiter schuld. Auch ein gewisser Abmahnwahn im Netz tat ein Übriges.
    Beim Spritverbrauch ist mitunter annähernd die Hälfte machbar! Im Handumdrehen schon mal 10%. Ohne den Fahrstil zu verändern. Das kann man sogar wörtlich nehmen.
    Wer mehr wissen will, kann sich gerne melden. Ich bin der Meinung, für eine gute Sache kann man ruhig werben. mehr weniger
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    schrieb am 06.07.2012 um 10:20
    Jetzt wo ich selbst mal "dran" war, habe ich das erst entdeckt.

    Danke für Deinen "Multiplikator"-Einsatz!
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    schrieb am 01.05.2012 um 21:33
    Es ist immer wieder schön, wenn ich "alte" utopistische Wegbegleiter via Interview ein wenig näher kennenlerne (obwohl ich nach wie vor die Fachfrau besser kenne als den Menschen, der dahinter steckt). Ich danke Dir auf jeden Fall ganz herzlich für Deinen engagierten und unermüdlichen Einsatz für Ökostrom und Erneuerbare Energien und hoffe mit Dir, dass all Dein Zukunftswünsche in Erfüllung gehen.
    Sonnige Grüße
    Stephan mehr weniger
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    schrieb am 30.04.2012 um 11:36
    Absolut richtig: da kann ich z.B. die EnerGeno empfehlen: www.eghf.de wo ich selbst Genosse bin.

    Im Gegensatz zu einer Pseudo-"Bürger Energie" GmbH & Co. KG, die die Stadt Heilbronn unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit mit der ZEAG (100% EnBW-Tochter) gründen will.
    Und ganz nebenbei wird die anstehende Konzessionsvergabe gleich mit zementiert!
    (ZEAG ist Netzbetreiber) OB sitzt im Aufsichtsrat der ZEAG -alles klar, oder?

    Es ging heiß her bei der letzten Gemeinderatssitzung.

    Dem OB hat es gestunken, daß sein Spiel durchschaut wurde. Dennoch wurde zugestimmt. mehr weniger
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