"Ich könnte mich totlachen, wenn nicht alles so ernst wäre"-Teil2


Aber mal im Ernst: Gehst du echt zu einem McDonald's-Mitarbeiter und fragst den: "Woher kommt eigentlich das Fleisch in meinem Burger?"
Nein. Ich esse nämlich schon seit Jahren kein Fleisch mehr (lacht). Aber bei vielen anderen Produkten und Dienstleistungen habe ich das gemacht und würde das auch wieder tun. Bei H&M, bei C&A, bei Ikea und so weiter. Und ich finde das ziemlich wichtig, denn wer soll denn sonst Druck auf die Unternehmen ausüben, wenn nicht der Konsument? Man muss denen ja nicht blöde kommen, sondern kann ganz höflich und interessiert nachfragen. Manche Firmen freuen sich sogar darüber. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade große Konzerne extrem vorsichtig geworden sind, was die Außenwahrnehmung angeht. Manchmal reicht schon ein Anruf, eine Unterschrift, um etwas zu bewirken. Unternehmen werden immer versuchen, ihre Gewinnmaximierungs-Maßnahmen zu verschleiern. Die Augen öffnen einem dann zum Beispiel engagierte NGOs durch ihre Arbeit. Oder eben mein Buch. Das soll nicht heißen, dass ich jetzt der große Moralapostel bin, der so wenig wie möglich atmet, um wenig CO2 auszustoßen. Ich trage gerade Nike-Turnschuhe, und ich besitze ein Auto. Noch. Und das ist völlig in Ordnung, denn ich will auch, dass der Spaß in meinem Leben nicht zu kurz kommt. Trotzdem habe ich meine persönliche Energiebilanz durch kleine Veränderungen im Alltag bereits um ein Drittel verbessert und werde sicher noch mehr schaffen.

Was entgegnest du Leuten, die sagen: "Alles Öko-Quatsch, es gibt keinen Klimawandel, und der einzig wahre 100-prozentig ökologische Mensch ist der tote Mensch"? Oder begegnest du solchen Leuten gar nicht?

Doch klar, ab und zu schon. Aber ganz ehrlich: Wenn's geht, dann meide ich solche Begegnungen. Ich bin kein Bekehrer, und für solche Polemik ist mir meine Zeit zu schade. Wenn ich mit solchen Leuten konfrontiert werde, dann gratuliere ich denen meistens und gehe weg. Auf echte Hardcore-Diskussionen sollte man sich sowieso nur einlassen, wenn man wirklich alle aktuellen Zahlen und Fakten zum Thema drauf hat. Mit Glaubenssätzen allein kommt man da nicht weit. Mein Standpunkt ist jedenfalls: 100 Prozent ethisch und ökologisch einwandfrei geht sowieso nicht, denn niemand macht alles richtig. Was aber schon geht, sind positive Veränderungen in den Punkten Ökologie, Sozialverträglichkeit und Wirtschaftlichkeit. Das kann man sehr schön am Beispiel Ökostrom erkennen. Alternative Energiequellen gibt es schon seit Jahrzehnten. Aber der Boom findet erst jetzt statt, weil Ökostrom jetzt konkurrenzfähig geworden ist. So muss das in vielen Teilen der Gesellschaft laufen. Wirtschaftlichkeit ist immer ein gutes Argument. Wenn dann auch noch die Umwelt geschont und soziale Kriterien erfüllt werden, ist das der Königsweg.

Apropos "Glaubenssätze". Plötzlich muss man sich als bekennender Klimaschützer mitunter in die Ecke der Atomkraftbefürworter stellen, weil AKWs dank niedriger CO2-Emissionen als umweltfreundlich gelabelt werden. Was sagst du dazu?

Ich könnt mich totlachen, wenn das Thema nicht so ernst wäre. Wir haben neulich für Extra3 einen Beitrag in der Fußgängerzone in Pinneberg gedreht, wo einem gar nichts mehr einfällt. Wir haben einen Stand aufgebaut und den Leuten Atommüll zum Mitnehmen angeboten. Vorher hatten wir ausgerechnet, dass jeder nur 120 Gramm Strahlenmüll nach Hause mitnehmen müsste, dann wäre das Problem gerecht verteilt. Ob du's glaubst oder nicht: Es gibt Leute, die machen das! Es ist wirklich eine Farce. Man sieht an dieser ganzen Atomdiskussion einerseits, wie wenig die Leute über das ganze Thema wissen, und andererseits, wie schnell Ereignisse an Orten wie Tschernobyl, Gorleben und Wackersdorf vergessen werden.

Wie sieht heute, nachdem dein Buch vollendet ist, dein persönliches Fazit aus? Ist es "zu spät", die Welt zu retten? Sind die jungen Deutschen zukunftsfähig?
Ich muss da immer wieder an diese 68er-Pflichtfrage denken: "Sollten Revolutionäre Kinder zeugen?" Die Frage impliziert ja genau den Zweifel an der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft. Die Antwort lautet: Ja! Unbedingt sind wir zukunftsfähig, und nein, es ist nicht zu spät, um die Welt zu retten, oder sie wenigstens zum Positiven zu verändern. Deutschland ist derartig reich, dass es fast schon schwieriger ist, die Zukunft des Landes vor die Wand zu fahren, als sie zu sichern. Es gibt ein paar Dinge, an denen wir hier dringend arbeiten müssen, zum Beispiel das besagte Atomproblem. Und die ganze Neonazi-Problematik, das ist auch noch so was. Wenn ich über diese Dinge so nachdenke, dann wird mir schon mal ein bisschen mulmig. Aber das wird mich nicht davon abhalten, irgendwann mal Kinder zu haben. Denn selbst wenn Atomköpfe und Rechtsradikale tatsächlich irgendwann eine Mehrheit ausmachen, dann muss die Minderheit eben umso lauter schreien.

+++



"Zu spät? – So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen"
von Tobias Schlegl ist im Rowohlt-Verlag erschienen.


Buch kaufen bei amazon


+++


Zurück zum ersten Teil

von


Kommentare (2)   abonnieren

alle Kommentare (2)
  • Bedenklichen Inhalt melden
    anonym
    schrieb am 14.08.2008 um 16:12
    Generell spricht er mir aus dem Herzen. Extra3 ist ohnehin sehr witzig und klug gemacht. Nur das mit der Bahn. Hmm. Also so ganz hat der Mensch nicht die Wahl. Zumindest nicht die Menschen geringem Einkommen. Bahn fahren ist teuer, wenn man nicht oft Bahn fährt. Die Bahn muss billiger und auch...
  • Bedenklichen Inhalt melden
    cardoso
    schrieb am 07.08.2008 um 21:32
    "Es gibt Leute, die machen das! Es ist wirklich eine Farce. Man sieht an dieser ganzen Atomdiskussion einerseits, wie wenig die Leute über das ganze Thema wissen, und andererseits, wie schnell Ereignisse an Orten wie Tschernobyl, Gorleben und Wackersdorf vergessen werden." Es ist wahrlich nicht...
alle Kommentare (2)

Kommentar schreiben

Lob, Kritik, Ergänzungen? Teilen Sie Ihre Meinung mit der Utopia-Community. Seien Sie dabei bitte konstruktiv und hilfreich.
(5000/5000)