Emotion statt Intellekt
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Mit 17 begann er seine TV-Karriere beim Musiksender Viva, heute moderiert er das Satire-Magazin Extra3 beim NDR – und er veröffentlicht dieser Tage sein erstes Buch. Tobias Schlegl, 30, hat "Zu spät" auf einer langen Deutschlandreise geschrieben und nach einem seiner Lieblingssongs der Band Die Ärzte benannt, wie er sagt. "So zukunftsfähig sind wir jungen Deutschen" lautet der Nebentitel, und das ist wörtlich zu nehmen. Schlegl beschreibt seinen persönlichen Anfang, seinen Werdegang zum engagierten Einmischer, zum Nachfrager und Neinsager. Er analysiert die nachhaltigen Auswirkungen unseres Konsumverhaltens, unserer politischen Überzeugungen und der Dinge, die wir sonst so den ganzen Tag tun. Oder besser: nicht tun. Schlegl geht dorthin, wo etwas passiert: ins Umweltbundesamt, in die McDonald's-Filiale, mitten in den Flash-Mob. Er trifft Revoluzzer und Betriebsratsgründer, Alt- und Neo-Ökos, Slowfood-Propheten, mitreisende Bahnfahrer und Opfer politischer Gewalt - er absolviert sogar ein "Döner-Praktikum". Und alles, um der Nation zu zeigen, wie zukunftsfähig wir jungen Deutschen sind? Wir haben uns mit Tobias Schlegl über sein Buch, seine Reise und die Zukunft des Landes unterhalten.
Tobias, der Titel, die Kapitel und Rubriken in "Zu spät" sind nach Ärzte-Songs benannt. Wo besteht da der Zusammenhang mit dem Inhalt?
Da gibt es mehrere Zusammenhänge. Erstens bin ich seit meinem 14. Lebensjahr Ärzte-Fan, ihre Songtexte und -Titel haben mir schon immer das Leben erleichtert und den Alltag erklärt. Auf diese sehr spezielle, augenzwinkernde Ärzte-Art, die mir damals mehr vermittelt hat als jeder andere, der mir die Welt erklären wollte. Sie waren der eigentliche Grund, warum ich damals zu Viva gegangen bin - ich wollte unbedingt mal Die Ärzte interviewen. "Zu spät" soll jetzt die gleiche Wirkung erzielen – auf spaßige, lebensnahe Art die Welt erklären und aufrütteln, ohne oberlehrerhaft rüber zu kommen. Man kann sagen, die ganzen Ärzte-Zitate sind meine kleine Hommage an die beste Band der Welt.
Das Buch richtet sich also an ein eher jüngeres Publikum?
Na ja, eigentlich richtet es sich an alle, die lesen können und mehr über die Zusammenhänge zwischen unserem Lebensstil und seinen globalen Auswirkungen wissen wollen. Da können junge Menschen noch genau so viel lernen wie ältere. Allerdings sind ja Leute, die so zwischen 16 und 30 sind, noch dabei, ihren Lebensstil auszurichten. Das wirft Fragen auf. Mir hätte es mit 18 oder 20 auf jeden Fall geholfen, ein Buch zu haben, das mir erklärt, wo mein Lieblings-Band-T-Shirt eigentlich herkommt und was für Konsequenzen der Kauf eigentlich hat. Nur mal so als Beispiel.
Von 2004 bis 2007 warst du Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung, und kaum einer hat das mitbekommen. Wie kam das, und warum die Heimlichkeit?
Das hatte überhaupt nichts Heimliches, im Gegenteil. Dass das nicht so an der großen Glocke hing, lag eher daran, dass den RNE kaum einer kennt, oder besser: kannte. Es gab 2003 ein Kommunikationsprojekt vom "Rat". Dabei sollten Jugendliche aus Berlin Neukölln, die mit sozialen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, lernen, ihre Probleme auf vernünftige Art zu bewältigen. Ich wurde vom damaligen Kanzler Schröder schriftlich eingeladen, dabei als Moderator und Jurymitglied zu fungieren. Sehr lustig. Habe ich dann auch gemacht, und als einer der Jugendlichen fragte, warum eigentlich kein Jugendvertreter im RNE sitzt, hat das den guten Gerhard wohl nachdenklich gemacht. Man hat mich dann ein halbes Jahr später zu meiner ersten Ratssitzung eingeladen. Und ich muss sagen, es gab in den Jahren beim RNE für mich viel zu lernen. Viele Nicht-Regierungsorganisationen waren übrigens damals ziemlich sauer deswegen, die hatte nämlich nie jemand gefragt. Heute sind sie allerdings froh, zumindest sagen mir das viele. Die haben mittlerweile eingesehen, dass es für die Wirksamkeit solcher Gremien nicht verkehrt ist, wenn da ein paar bekanntere Gesichter drin zu sehen sind.
Hast du den Brief von Schröder noch?
Klar. Den Einladungsbrief von Schröder und das Dankschreiben von Frau Merkel zum Abschied im letzten Jahr. Liegt alles in so einer Kiste mit Papierkram. Mein Abi-Zeugnis ist da glaub ich auch drin.
Du sagst, du hast "Zu spät" auf einer Deutschlandreise geschrieben, die du überwiegend mit der Bahn gemacht hast. Was für ein Verhältnis hast du zur Bahn?
Sie ist für mich die einzig wahre Reiseoption, und das sage ich ohne jeden Zynismus. Klar kann man über die auch meckern, und ich finde Teile der Unternehmenspolitik auch ziemlich zweifelhaft. Die Teilprivatisierung zum Beispiel, bei der buchstäblich Bürger auf der Strecke bleiben werden, geht gar nicht. Da bin ich voll auf der Attac-Linie. Ein Kapitel in "Zu spät" handelt ja genau davon: einem Attac-Flash-Mob gegen die Bahnprivatisierung. Ich habe da meine Eltern mit hin genommen. Das würden die sicher nicht noch mal machen, aber interessant war's für uns alle. Aber bei aller Kritik: Die Bahn als Verkehrsmittel finde ich grundsätzlich super. Man reist schnell, entspannt und nahezu emissionsfrei. Ich fliege innerhalb Europas so gut wie gar nicht mehr, habe mir eine Bahncard 100 angeschafft und mache fast alle meine Reisen mit der Bahn. Kann ich jedem nur empfehlen.
Aber ärgert es dich nicht, wenn du feststellst, dass die Bahn ihr Potenzial als umweltfreundliches Massenverkehrsmittel nicht ausschöpft und die Leute quasi zurück ins Auto zwingt?
Also "zwingen" finde ich erstens etwas übertrieben, denn es hat schließlich jeder die Wahl, in welches Verkehrsmittel er sein Geld investiert. Und zweitens: Ja klar, die könnten viel mehr erreichen mit der Bahn. Aber das geht eben auch nur, wenn es Leute gibt, die damit fahren. Soviel Weitsicht muss man den Leuten schon abverlangen. Wir können ja nicht die ganze Zeit nur fordern, aber selbst nichts tun.
In einem anderen Kapitel beschreibst du, wie du gemeinsam mit Foodwatch-Gründer Thilo Bode als Tonne verkleidet eine Zweimann-Demo vor einer McDonald's-Filiale durchgezogen hast ...
... und das bei strömendem Regen, stimmt genau. Das war schon aufregend – obwohl man in einem ziemlich lächerlichen Aufzug da rumsteht, hat die Aktion so was subversiv Revolutionäres. Foodwatch nutzt für diese Aktionen eine Gesetzeslücke: Zwei Leute sind – rechtlich gesehen - noch keine Demo. Also muss man solche Protestformen auch nicht ankündigen oder genehmigen lassen. Das Interessante war, dass die Kids, die da an einem vorbeilaufen, überhaupt keine Ahnung haben, worum es geht. Die sagen: "Wieso, die Burger sind doch lecker hier." Und wenn man ihnen dann erklärt, dass es nicht um lecker geht, sondern um genmanipulierte Zutaten, sind die oft total erstaunt und auch interessiert. Man muss die Leute auf so was erst mal hinweisen, damit sie selbst anfangen, vielleicht auch mal an der Kasse nachzufragen. So wie Foodwatch das eigentlich die ganze Zeit macht.
Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews
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Foto: jba/photocase
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