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Utopia: Der Winter war lang und hart – macht die Klimaerwärmung eine Pause?
Hans Joachim Schellnhuber: Wenn man die Daten der Wetterstationen global analysiert, stößt man auf eine paradoxe Situation: Wir müssen nämlich das Wetter vor Ort und die globale Entwicklung unterscheiden. Global stellen wir einen rasanten Erwärmungstrend fest. Ich habe mir gestern die globalen Daten für März 2010 angesehen – und er ist mit Abstand der heißeste März seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen. Das bedeutet: Dieses Jahr ist bis jetzt auf Rekordkurs, was die globale Erwärmung angeht.
Aber gerade über Nordeuropa lag in diesem Winter seit Anfang Dezember eine Kälteblase. Wir nennen das eine Kälteanomalie: Es war ungewöhnlich kalt im Vergleich zu den letzten Wintern, während es überall wesentlich wärmer war, zum Beispiel in Kanada oder auf Grönland. Das hat mit einem Wetterphänomen zu tun, das etwa alle zehn Jahre auftritt: „El Niño“. Dabei handelt es sich um eine lokale Erwärmung des Pazifiks. So können wir erklären, warum es hier so kalt war. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass die globale Erwärmung abgesagt ist. Ganz im Gegenteil: Alle Daten deuten daraufhin, dass sich die Entwicklung sogar beschleunigt hat.
Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter den „Kipp-Elementen im Erdsystem“?
H.J.S.: Dieser Begriff kommt von der englischen Formulierung „tipping point“. Darunter versteht man folgendes: Ein relativ komplexes System befindet sich nicht mehr im Gleichgewicht. Wenn wir es an einem neuralgischen Punkt antippen, kippt es in einen anderen Zustand. Das können auch Unternehmen wie „Opel“ oder andere fossile Industrien sein, die sich sozusagen nicht mehr im Gleichgewicht befinden – und vielleicht gar nicht mehr lebensfähig sind. Wenn diese Systeme an ihrem empfindlichen Punkt angetippt werden, verlieren sie völlig das Gleichgewicht. Wir haben festgestellt, dass es im System unseres Planeten viele solche Punkte gibt: in der Vegetation, den Meeresströmungen oder den großen Eisschilden.
H.J.S.: Wenn der grönländische Eisschild völlig abschmelzen würde, würde das zu einem globalen Anstieg des Meeresspiegels um sieben Meter führen. Der Eisschild befindet sich im Augenblick noch in einem Gleichgewicht. Wenn aber die Ozeane wärmer werden, die Grönland umspülen, sich die Gletscherströme beschleunigen und das Eis beginnt zu schmelzen, dann kann daraus eine Dynamik entstehen, die sich selbst verstärkt.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel dieser Art Selbstverstärkung: Wenn Eis schmilzt, wird der Boden freigelegt. Er ist meist
dunkler als das Eis, das heißt der Boden reflektiert nicht mehr so viel Sonnenlicht. Dann erwärmt sich das Ganze noch schneller – und das ist ein Effekt, der sich galoppierend weiterentwickelt. Auf der Erde gibt es eine Vielzahl solcher Prozesse, die von der Wissenschaft im Augenblick identifiziert werden. Das sind die Zusammenhänge, die uns am meisten Sorgen bereiten, wenn es um den Klimawandel geht.
Wir haben weniger Sorge, dass die Zuckerrübenernte in Deutschland um fünf Prozent sinkt. Wenn aber ein großes Regenwaldsystem wie der Amazonas aufgrund niedrigerer Niederschläge und höherer Temperaturen eine solche Kipp-Dynamik entwickeln würde, wäre das verheerend für ganz Lateinamerika. Dort ereignet sich genau dieses Phänomen: Wenn Sie nämlich erst einmal kahle Stellen in einem Regenwaldsystem haben, bildet sich nicht mehr so viel Niederschlag, und das Wasser bleibt vor Ort nicht mehr in einem Kreislauf – dann drohen Waldbrände. Das breitet sich dann wie ein Geschwür aus und kann am Schluss ein ganzes Regenwaldsystem auffressen. Das müssen wir auf jeden Fall vermeiden.
Kommentare (14)
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friedensmarmelade
schrieb am 29.04.2010 um 15:26 ¶Don Quichote
schrieb am 29.04.2010 um 09:46 ¶Kommentar schreiben
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