Von Christina Raftery
Yoga und die Welt: Bis vor kurzem eher zwei Alternativen als eine Symbiose - mit dem Yogi als tendenziellem Freak, der sich von der Matte in andere Sphären zurückzieht und in mysteriös entrückter Starre Samadhi, den Zustand absoluter Versenkung, erwartet. Nicht nur durch prominente Protagonisten hat sich der Esoterik-Verdacht jedoch zum Lebensstil gewandelt. Heute ist Yoga im besten Sinne des Wortes „Mainstream“, der wichtigste Strom im Alltag vieler Menschen.
Aber Vorsicht! Yoga kann ernsthafte Auswirkungen auf den weiteren Lebensweg haben, wie die Journalistin Diana Krebs in der aktuellen Ausgabe unseres "Yoga Journal" warnt. In ihrem aufschlussreichen Artikel „Lok(h)a Samasta...“ (eine Anlehnung an das Mantra „Lokah Samasta Sukhino Bhavantu: Mögen alle Wesen glücklich und zufrieden sein“) beschreibt sie die Entwicklung, die viele ernsthaft Übende kennen: Das wachsende Bedürfnis, die Yogapraxis, die dem eigenen Wohlbefinden so gut tut, auf andere(s) auszudehnen. „Off The Mat Into The World“ heisst eine von der amerikanischen Yogalehrerin Seane Corn gegründete Organisation, die den yogischen Aktivismus durch Workshops und netzwerkbildende Aktionen gezielt organisiert. „Im modernen Yoga liegt die Herausforderung nicht darin, die Realität zu transzendieren, sondern sich mit mit ihr zu verbinden“, sagt Corn. Die Lösung für Umweltverschmutzung, Misshandlung und ungerechte Verteilung der Ressourcen liegt folglich in der Verantwortung des Einzelnen. Von dem in Einzelkämpfer zersplitterten „Arbeitskreis Waldsterben“ meiner Schulzeit in den 1980er Jahren zur Aufnahme echter Verbindung mit allem Lebenden: Der Schlüssel zu diesem Übergang liegt unter anderem in bedachtem Konsum, der bei Grundsätzlichkeiten wie der Ernährung beginnt.
Sharon Gannon, die Gründerin der Jivamukti Yoga-Methode, ist Fürsprecherin einer vegetarischen, im Optimalfall veganen Ernährung. In ihrem lesenswerten Buch „Yoga and Vegetarianism“ verfolgt die New Yorkerin eine so einfache wie wirkungsvolle Strategie: Fakten zu schildern, Mitgefühl zu erzeugen, den Zusammenhang mit Yoga herzustellen und Rechtfertigungen zu entlarven. Klar wird, dass eine rein pflanzliche Ernährung die konsequente Folge aus den Vorschlägen („Yamas“) in Patanjalis Yoga Sutren ist, einem philosophischen Grundlagentext des Yoga. Verletze, lüge, stehle, begehre und manipuliere nicht: Die „Yamas“ sind effektive Hilfsmittel, um unser gesamtes Konsumverhalten einer Inventur zu unterziehen.
Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Mäßigung spiegeln sich schon in diesen uralten Yogatexten wieder. Intellektuell und emotional sind sie sofort begreifbar, manchmal aber schwierig zu leben. Der Grad zwischen Gutmenschentum und echter Initiative ist schmal, das erlebt jeder von uns jeden Tag am eigenen Handeln. Wir propagieren die Freiheit des Individuums und machen „herzöffnende“ Übungen, werden aber schnell unruhig, wenn es unbequem wird. Ein Trip durch das „echte“ Indien ist etwas anderes als ein Entspannungs-Workshop im Yoga-Spa, die Konfrontation mit anders Gesinnten schwieriger als die innige Gemeinschaft in den Yogastudios der urbanen Szeneviertel. Beim Konsum besteht die Herausforderung heute nicht mehr im Angebot – die Palette „fairer“ und „grüner“ Produkte auf dem Markt wächst beständig, hier gibt es viele positive Fortschritte – sondern der klugen Auswahl bis hin zur bewussten Einschränkung.
Aber Widerspruch zwischen Wissen und Handeln, Konsum und Verzicht ist Teil des Lebens, dessen tägliches Thema Widersprüche und Grenzgänge sind – und sein sollten. In München ist der bekannte Yogalehrer, Unternehmer und Veganer Michi Kern am neuen Restaurant „Farm & Grill im Künstlerhaus“ beteiligt - im ersten Stock ein Steakhouse und im Erdgeschoss ein vegetarisches Lokal. Sein gleichzeitig irritierendes wie plausibles Konzept: „Mir geht es ums Handeln und nicht um die reine Lehre. Die Leute sind unter einem Dach und können an einer gemeinsamen Bar diskutieren.“
Yoga schafft nicht nur ein neues Körpergefühl, sondern beeinflusst Biografien. Möglicherweise werden wir radikaler, kümmern uns mehr um die Wurzel der Dinge und stellen damit uns – und die Welt – auf den Kopf. Schritt für Schritt, jeder nach seinen Möglichkeiten. Durch bewusstes Handeln können wir an Punkte kommen, die wir vorher nicht für möglich hielten. Und so hilft Yoga dabei, den Weg zu einem bewussteren und nachhaltigeren Leben zu ebnen.
Christina Raftery ist Chefredakteurin des "Yoga Journal", welches im zweiten Erscheinungsjahr in München verlegt wird.


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Kommentare (11)
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Yoga ist ein täglicher Bestandteil in
meinem Leben geworden.
Seitdem gehe ich achtsamer durchs Leben !
Das Journal spricht interessante Themen an
und ist auch am günstigsten :-)
Die Revolution von INNEN!
Das braucht jeder einzelne von uns und unsere Wirtschaft und unsere Umwelt.
Danke, danke, danke.
Namasté
Elly
(vegetarische Yogalehrerin)
;-)
Es ist nicht der Yoga, der zu einem bewussteren und nachhaltigeren Leben hilft, das kann keine Methode ersetzen, weder Yoga noch sonst irgendeine Philosophie. Der Mensch selbst müsste sich zu einem Bewusstsein hinentwickeln. Das ist ein Unterschied, denn wir neigen immer dazu, irgendein äußeres "Hilfsmittel" wie Yoga und Meditation zu nehmen, damit wir uns selbst nicht wirklich verändern brauchen. Das ist in den meisten Fällen reiner Konsum!
Und dieses Steak-Vegan-Restaurant von Michi Kern braucht man hier auch nicht besonders loben, da gehts doch nur ums Geld.
Ich persönlich bin ein sehr ungeduldiger Mensch.
In den ersten Yoga-Stunden habe ich bei der Tiefenentspannung regelmäßig fast die Kriese gekriegt. 20 Min. n i c h t s tun, einfach nur schrecklich.
Inzwischen liebe ich diese Tiefenentspannung auf der einen Seite und die Übungen auf der anderen Seite.
Und ich finde mit reinem Konsum hat das nichts zu tun, dafür gehört zu viel Disziplin dazu, über die Jahre dabei zu bleiben und regelmäßig zu üben.
Doch...ich würde schon behaupten, daß mir Yoga dabei geholfen hat, ein bewußteres und nachhaltigeres Leben zu führen.
Es muß die Bereitschaft zur Veränderung da sein, dann braucht man noch das Handwerkszeug dazu, die Veränderung wirklich zu leben.
Chi Gong und Yoga sind für mich solche Handwerkszeuge, auf die ich zurückgreifen kann, wenn ich vor lauter Stress nicht mehr weiß, wie Bewußtsein buchstabiert wird.
Und wie jedes Handwerk sollte man die Grundlagen von einem Profi lernen.
Denn mit Yoga-Übungen kann man sich auch richtig kaputt machen, wenn man sie nicht richtig ausübt.
Das kann ich nur befürworten. Der Weg führt dann hoffentlich weniger über verbale Vorschläge, die als Einschränkung und Bevormundung wahrgenommen werden, zum Ziel. Der yogisch und dann auch vegetarische Weg vermag meiner Hoffnung nach am ehesten zu überzeugen durch die tief fühlbare Harmonie der Yoginis und Yogis mit ihrer Umwelt, Mitmenschen eingeschlossen;-)! Daran wird gearbeitet.
P.S.: Yoga kann kein äußeres Hilfsmittel sein, dann liegt da m.E. ein Missverständnis des Begriffs "Yoga" vor. Yoga bricht alle Äußerlichkeiten auf und macht sie bewusst. - Wenn man sich nicht nur im trendigen Szene-Yoga-Treff den Körper dehnt und ein paar Mantren beim Autofahren hört. Das kann aber ein Einstieg sein!
Und: Die Idee von Michi Kern ist gut! Vielleicht bewirkt sie langfristig etwas... und wenn es bis dahin auch Geld einbringt... - Warum Böses vermuten?
Yoga scheint vielleicht beim ersten Hinsehen wie bloßes Fitnesstraining, aber selbst wenn man zunächst nur damit anfängt, in der Yogastunde seinen Körper zu bewegen...Yoga verändert die Art wie wir denken.
Ich bin mir sicher, wenn mehr Menschen Yoga praktizieren würden, dann wäre unsere Welt gerechter, freundlicher und liebevoller, sowohl für Menschen, als auch für Tiere und Umwelt.
Das ist der Grund, wesshalb ich Yogalehrerin geworden bin.
Danke für den schönen Beitrag!