Menschen essen Tiere. Die Aussage ist banal und erlaubt in ihrer Allgemeinheit vielschichtige Widersprüche: Wer gerne Fleisch isst, muss nicht explizit dafür sein, Tiere zu töten. Viele Menschen, die gerne Fleisch essen, könnten auch gar keine Tiere töten. Manche Menschen, die gerne Fleisch essen, wundern sich sogar darüber, wie man Tiere töten kann – vor allem wenn man sie persönlich kennt. Geschichten aus der schönen alten Welt von Bauer Huber, der seine Kuh Erna, die er von Geburt an großgezogen hat, schlachten lässt, sorgen oft für Erstaunen. Wie kann er nur?
Das Tier und sein Leben werden hinter seinen Einzelteilen versteckt
Bauer Huber kann, der Schlachter erledigt es. In der modernen Gesellschaft sind wir von der Notwendigkeit befreit, selbst schlachten zu müssen. Das Gewissen vieler Fleischesser wird dadurch geschützt. Die einhergehende Anonymität unserer Wurst bietet dem Verantwortungsbewusstsein zusätzlichen Unterschlupf: Halbe Hähnchen, sauber geschnittene Salami-Scheibchen, portionierte Filetstücke – die zerlegte Massenware versteckt das Tier hinter seinen Einzelteilen. Die Bedingungen, unter denen es bis zu seiner Schlachtung gelebt hat, sind längst abgetrennt.
Der Wurst ein Gesicht und ein glückliches Leben geben
In Deutschland gibt es seit einiger Zeit Projekte, die der Anonymität des Fleisches entgegenwirken wollen. „Meine kleine Farm“ und „Pick a Pig“ haben sich zum Ziel gesetzt, mit maximaler Transparenz einen Bewusstseinswandel beim Fleischesser herbeizuführen: Kein Fleisch mehr aus tierquälerischer Massentierhaltung, lieber weniger und dafür beste Qualität von „glücklichen Schweinen“. Dazu wird auf den Webseiten ausführlich über die Höfe, Haltungsbedingungen, Futtermittel, Tages- und Lebensläufe der Tiere berichtet, sogar Webcams geben Einblicke in das tägliche Schweineleben. „Pick a Pig“ bezeichnet sich selbstbewusst als „Schweineparadies“. Und in der Tat: Jede Menge Freiraum und Auslauf auf grünen Wiesen, Schlamm zum Suhlen, behagliche Rückzugsmöglichkeiten, gentechnikfrei erzeugtes Biofutter, ein tierischer Erlebnispark, der körperliche Bedürfnisse und natürliche Neugier befriedigen soll. Der Kontrast zu den bedauerlichen Bildern von leidenden Tieren, wie man sie hin und wieder aus Massentierhaltungsbetrieben zu sehen bekommt, könnte kaum größer sein. Wer Schweinen das Adjektiv „glücklich“ zuschreiben will, findet auf „Meine kleine Farm“ und „Pick a Pig“ die bestmöglichen Vorraussetzungen dafür.
Gnadenlose Transparenz vertreibt die Unschuld aus dem Schweine-Paradies
Unmittelbar trifft das glückliche Leben der Schweine auf seine eigene schattige Kehrseite: „Meine kleine Farm“ schreibt für seine tierischen Bewohner zum Abschluss eine Art Lebensbericht, insbesondere über die Ereignisse an ihrem letzten Tag. Mit schnittiger Wortwahl verdichten deren Titel ein Schweine-Leben: „Schwein 1 ist jetzt Wurst 1“. Von Steckbriefen mit schwarz-weißem Portraitbild äugen die Schweine mit unschuldigem Blick, darunter stehen nüchterne Eckdaten: Name, Gewicht, Geburtsdatum und der Schlachtungstag. Neben den Steckbriefen finden sich Farbaufnahmen aus dem glücklichen, blühenden Leben. Weiter unten kann man sich das Schwein in seinen verarbeiteten Einzelteilen ansehen und direkt bestellen: Knoblauch-Mett, Leberwurst, Rotwurst, Schlachtwurst, Sülze. Von Etiketten, die an jedem Überbleibsel des Schweins angebracht werden, blickt dem Käufer wieder ein unschuldiges Gesicht entgegen. Auge um Auge wird dazu erklärt: „Das ist das Schwein, aus dem die Wurst gemacht ist“. Noch vor einiger Zeit hat „Meine kleine Farm“ seine Fleisch-Käufer sogar per Internet-Voting darüber abstimmen lassen, welches Schwein geschlachtet werden soll.
Gnadenloser könnte die Transparenz beim Fleischkonsum kaum sein: Die bewusste Entscheidung, das Leben eines glücklich geglaubten Schweins für den eigenen Gaumenschmaus zu beenden, wird radikal sichtbar. Und mit ihr der Mensch als rationaler Entscheider: er entblößt seine Vernunft – die Fähigkeit, mit der er gerne seine Unterschiedlichkeit zum Tier beschreibt – als (Schlacht-)Werkzeug, um jenen Unterschied machtvoll aus-zu-leben.


Kommentare (208)
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PS: Tiere essen ist schlecht für das Karma. Alle Fleisch fresser gleichen ihr Karma aus indem sie öfter Alten Leuten über die Strasse helfen ;) mehr weniger
Die wichtigsten Aspekte werden kapitelweise behandelt: Gesundheit, Hunger, Klima/Umwelt, Subventionierung, Haltung, Schlachtung, fehlende Transparenz, BIO-Fleisch, involvierte Menschen (z.B. Verbraucher_innen, ein Schlachter kommen zu Wort) und "Nutz"Tiere, Alternativen, ...: http://www.youtube.com/watch?v=Lw0rz3uHWhM&feature=share
Sehr aufschlussreich fand ich die Aussage des Geschäftsführers einer süddeutschen Schlachterei, der sich ebenfalls um "Transparenz" bemüht (ab Minute 30:00):
"Wir machen einmal im Jahr ein Schlachthoffest in Form eines Familienfestes, um die Familien an das Thema "Fleisch" heranzuführen. Wir machen Zerlegedemonstrationen, um Vebrauchern zu zeigen, wo ein Schnitzel herkommt.
Wobei es keinen Sinn macht, die Verbraucher an das Thema "Töten eines Tieres" heranzuführen, DA WÜRDEN WIR BEFINDLICHKEITEN WECKEN, DIE WIR NICHT WECKEN WOLLEN."
Deswegen wird das hier auch ausgeklammert.
Soviel zum Thema fehlende Transparenz, die eben bei den o.g. Betrieben nicht "gnadenlos" ist. mehr weniger
ist zur beantwortung auf Tear's frage vom 24.11.2012