Irgendwann vor 2000 Jahren hatte ein großer Fisch das Pech, dass Teile von ihm in einer Suppe landeten. Es war die Suppe eines chinesischen Kaisers. Die Teile des Fisches schmeckten nach nichts, sie waren reiner Knorpel. Hätte man Schweineohren in dieser Suppe gekocht, keiner hätte den Unterschied gemerkt, ihr Geschmack kam alleine von dem Gewürz und dem Gemüse das mitgekocht wurde. Aber um den Geschmack ging es gar nicht, denn der Fisch galt als mächtig und unbesiegbar, er verbreitete Respekt - mindestens. Angst - meistens. Die Suppe galt fortan als etwas Besonderes, als Essen von Auserwählten.
Costa Rica, Pazifikseite, in der dreckigen Hafenstadt Puntarenas steht ein Wachmann am Tor von Mariscos Wang, einem taiwanesischen Fischereibetrieb. Der Geruch von Fischmarkt vermischt sich mit Dieselöl. Das Gelände ist etwa zwei Fußballfelder groß, die Mauern sind drei Meter hoch und mit Stacheldraht geschützt. Als der Wachmann das Tor öffnet, einen kleinen Spalt nur, sagt er auf englisch, er spreche kein Englisch. In dem kleinen Raum zwischen seiner Schulter und dem Tor arbeiten in etwa dreißig Metern Entfernung fünf Leute. Einer fährt auf einem gelben Gabelstapler eine Palette mit großen Fischen ohne Flossen von einem Dock zu einem LKW. Hinter dem Staplerfahrer schaben zwei Leute an einem großen Fischkörper herum. Der Wachmann sagt, dass hier kein Mensch sei, tue ihm sehr leid. Und dann schließt er das Tor.
Die Firma liegt am Ortsausgang, inmitten einer Kolonie weiterer taiwanesischer Fischfirmen. Alle haben mehrere Trawler und private Docks. Dutzende von solchen Docks gibt es hier, festungsähnlich abgesichert, verschanzt hinter grauen, hohen Mauern, schweren Eisentüren und Stacheldraht. Die Firmen haben Namen wie "Blufin", oder "Captura Todos" - fange alles. Selbst die Mitarbeiter von Incopesca, der staatlichen Fischereiaufsichtsbehörde, dürfen das Gelände nicht betreten, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Die Abschottung hat einen Grund: Zwar sind alle taiwanesischen Firmen offiziell normale Fischereibetriebe, aber schon ein Blick in die gelben Seiten macht deutlich, dass es ausschließlich um den Export von Haiflossen geht. Das Meer vor Puntarenas war früher eines der haireichsten Gewässer der Welt, die Stadt ist daher zu einem Zentrum des Haiflossenhandels geworden.
In Costa Rica ist es Verboten, den Hai nur wegen seiner Flossen zu fangen, ihn zu finnen, das heißt, ihm die die Flossen abzuschneiden und ihn wieder in den Ozean zu werfen. Aber Finning ist die bevorzugte Praxis bei der Jagd auf Haie. Rund 86 Prozent der Tiere sind laut Bobachtungen der amerikanischen Fischereibehörde noch am Leben, wenn ihnen die Flossen abgeschnitten werden. Ein gefinnter Hai erstickt langsam auf dem Grund des Meeres.
Finning. Das tut natürlich niemand, Frechheit, wie kommen sie denn darauf, sagt Sylvia Arrendondo zwei Tage später beim Kaffee. Frau Arrendondo trinkt Cappuccino mit Vanillegeschmack, isst dazu Erdbeereis, Apfelkuchen und ein Hühnchen, das mit Teig überbacken ist. Sie war mal ein Star im Fernsehen, Journalistin, und ist jetzt die Pressefrau der Vereinigung der privaten Dockbesitzer. Wir haben Gesetze hier wie ein Industrieland, Augenrollen, und dann merkt sie, dass dieser Satz sehr klagend klingt und schiebt schnell hinterher, das sei auch ganz gut so. Frau Arrendondo trägt einen Blazer. "Wissen Sie, wenn ich wüsste, dass Haie vom Aussterben bedroht sind, wirklich, dann würde ich diesen Job nicht machen." Businesskostüm, damit das, was sie sagt seriös klingt. "Was Sie bis jetzt gehört haben über Finning ist alles gelogen." Sie zeigt ein Bild mit einem gefinnten Hai, vor der Küste von Costa Rica aufgenommen. Der Hai, ein Hammerhai, treibt unter Wasser, er ist völlig intakt, nur seine Flossen fehlen. Das sei eine Fotomontage, sagt sie, alles Lüge.
Finning. Unsinn, wir fangen Haie, nur um sie ganz zu verwerten. In Costa Rica wird eine Million Tonnen Haifleisch im Monat gegessen, jeden Monat. Ich weiß nicht, ob Sie das wussten. Das Fleisch ist das, was an einem Hai wirklich teuer ist. Eine Million Tonnen? Ich bitte sie, Frau Arrendondo. Costa Rica hat vier Millionen Einwohner, davon ein Drittel jünger als 14 Jahre. Eine Million Tonnen Haifleisch, das sind, nehmen wir mal den Hammerhai, nehmen wir ein Durchschnittsexemplar, zwei Meter fünfzig lang, fünfzig Kilogramm schwer, das sind dann zwanzig Millionen Haie pro Monat. Vier Haie pro Einwohner, jeden Monat?
Im Hai als Topräuber steckt die gesamte Verschmutzung des Meeres. Tote Tiere sind daher stark mit Quecksilber belastet. Haifleisch essen ist so ähnlich, wie auf einem Fieberthermometer kauen. Niemand in Costa Rica isst freiwillig Hai. Tatsächlich aber wird es gemacht, was daran liegt, das es so billig ist. Das Kilo Haifleisch kostet vor Ort umgerechnet fünfzig Cent. Flossen sind da sehr viel rentabler. Das Kilo kostet in Hongkong, dem Mekka des internationalen Handels, bei Großhändlern 600 Dollar. Für ein Set, vier Flossen, eines fünfzig- Kilo- Hammerhaies sind 1500 Dollar fällig. Trotz der enormen Kosten lohnt es sich für die Restaurants, eine Schale Haiflossensuppe wird in Ostasien für bis zu 100 Dollar verkauft. Schätzungen zufolge hat das Geschäft mit den Flossen ein Volumen von zwanzig Milliarden Dollar im Jahr. Fast zehnmal soviel wie der Gewinn von Volkswagen oder Siemens 2002.
Die Weltnaturschutzorganisation IUCN, die das weltweit größte Programm zur Überwachung des Handels mit wildlebenden Tieren unterhält, schätzt, dass 2003 die gewaltige Menge von 11.662 Tonnen getrockneter Flossen nach Hongkong importiert wurde. Vermutlich ist die Dunkelziffer allerdings höher. Ein Indiz dafür ist, dass auf den Märkten Hongkongs mehr Flossen auftauchen, als Haie in den Fangstatistiken erwähnt werden. So fängt etwa China, der weltgrößte Konsument von Haiflossensuppe, laut offizieller Fischereistatistik keinen einzigen Hai.
Die Welternährungsorganisation FAO in Rom schätzt, dass weltweit etwa 100 Millionen Haie im Jahr getötet werden, manche Wissenschaftler gehen von der doppelten Zahl aus. Haie gibt es seit 400 Millionen Jahren. Sie haben keine natürlichen Feinde und werden daher erst extrem spät geschlechtsreif, manche erst mit zwanzig Jahren. Den Aderlass der Tiere kann das nicht ausgleichen, sie sterben aus. Da sich das Leben in Wasser im Verhältnis zu den Raubfischen entwickelt hat, kippt danach das ganze Ökosystem.
In den letzten fünfzehn Jahren sind die Populationen aller Haiarten im Atlantik um mindestens die Hälfte geschrumpft. Blauhai: 60 Prozent. Weißer Hai: 79 Prozent. Hammerhai: 89 Prozent. Die Bestände vor der Küste Costa Ricas sind inssgesamt um sechzig Prozent zurückgegangen.


Kommentare (16)
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Das ganze findet auch hier vor Ort statt, in Europa, insbesondere im iberischen Teil. Gerade werden die gewässer um die azoren leer gefischt, im Mittelmeer sind bald keine Haie mehr vorhanden. Dort werden wir dann zum ersten Mal beobachten können, wie das Ökosystem zusammenbricht, wenn der Topräuber verschwindet.
Wenn niemand mehr konsumiert, bleiben die Fische im Meer. Es geht nur um Geld. mehr weniger
Endgliedes der Nahrungskette sind unabsehbar.
Obwohl einige Folgen schon sichtbar sind. Gerade
Großhaie ernähren sich von Rochen. So nehmen die
Rochenpopulationen weltweit zu. Mit bedrohlichen
Ausmaßen für Muschelkolonien. So werden
inzwischen in den USA und Australien Muschelbänke
mit Zäunen gegen Rochen geschützt."
http://www.aquariummagazin.de/redirect.php?dlid=68
Zu wenig Muscheln bedrohen wiederum das Ökosystem der Küsten!
In einem Tauchkurs wurde mir sehr viel über das Ökosystem Meer beigebracht und wie schützenswert es ist!
Eine Organisation für den Haischutz wurde uns auch nahegebracht! mehr weniger
Ansonsten kann ich "Pflanzenzora" nur zustimmmen. Aber was will man machen ?! Man wird die gesamte Menschheit - bis hin zu ihrer Ausrottung - niemals zur Vernunft bringen.
Mindestens genauso schrecklich ist allerdings das, was sich sozusagen neben unserer Haustür abspielt ( bei youtube mal nach : " RE Dolphin Massacre in Japan (Dolphin Massacre in Europe) " suchen. Ohne Worte... mehr weniger
Mit Filmen wie'Der weiße Hai'und Berichten von Haiangriffen, die übertrieben aufgebauscht werden, wird dieser Irrglaube unterstützt und die meisten Leute haben kaum Mitgefühl mit Haien. Eine geniale Species, die millionen von Jahren Evolotion nahezu unverändert (weil perfekt) durchlaufen hat, soll so sinnlos abgeschlachtet werden?
Haie brauchen Hilfe, bevor es zu spät ist! Dieser Artikel ist ein Anfang,danke. mehr weniger
Ich schaue - wenn überhaupt - nur politische Magazine und Naturdokus im Fernsehn und weiß über diese unglaubliche Tatsache schon lange Bescheid. Versuche, alle Freunde und Bekannten zu bewegen, diesen Film (Sharkwaters) zu sehen.
Es tut mir leid (Vorurteile), aber ich habe nach einigen Urlauben den Eindruck, dass Asiaten alles essen, was nicht schnell genug weglaufen kann - egal, wie bedroht oder selten es ist (Affe, Tiger, Nashorn, Schildkröte, Hai etc.). Zudem fehlt der Respekt vor der Natur (auch bei uns in Europa).
Wohin das führt, kann man bei den Folgen des Thunfischfangs beobachten.
KaiHai mehr weniger