Utopia: Die Verbrauchermacht - Unser Konsum verändert die Welt.
Fairnopoly, solidarische Landwirtschaft & Co.

Genossen, willkommen zurück!

Neue Genossenschaften wollen die Revolution. Als Unternehmensform stellen sie gelebte Abkehr von Profitsucht und Wachstumsideologie dar. Aber was macht die Genossenschaft eigentlich anders? Wir klären die wichtigsten Fragen und sprechen mit den Internet-Genossenschafts-Pionieren von Fairnopoly.


Bitte erlauben Sie uns gleich zu Beginn ein paar persönliche Fragen: Arbeiten Sie als Angestellte/r? Falls ja: Wer entscheidet eigentlich darüber, was mit Ihrer Firma, mit den Resultaten Ihrer Arbeit und nicht zuletzt mit Ihnen selbst geschieht? Die weltweite Wirtschaftskrise wurde ermöglicht durch die Entscheidungsmacht einer Handvoll von Bankern und Managern. Immer mehr Menschen wollen sich so nicht weiter bevormunden lassen. Und viele gehen noch einen Schritt weiter: Warum bestimme ich eigentlich nicht selbst mit? Oft werden die Fragensteller als Generation von Individualisten abgestempelt. Doch die Renaissance einer unkonventionellen Unternehmensform deutet auf das Gegenteil hin: Genossenschaften liegen im Trend. Statt Egoismus und Gewinnmaximierung geht es den Mitgliedern um gemeinschaftliche Verantwortung.

Die neuen Genossen

Dass die Genossenschaft wieder in Mode kommt, ist vor allem der Energiewende geschuldet. Laut dem Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) ist die Zahl der Neugründungen von 2005 auf 2011 um mehr als das Fünffache gestiegen. Bürger schließen sich zusammen und errichten gemeinsam Anlagen für Erneuerbare Energien (Windkraft, Solar, etc.), mit denen sie ihre Haushalte versorgen. Eine essbare Selbstversorgung leben die Mitglieder von solidarischen Landwirtschaften. Das Kartoffelkombinat etwa versucht sich als gemeinwohlorientierte Produktionsgemeinschaft aus Münchner Haushalten, einer eigenen Biogärtnerei und regionalen Erzeugern, quasi eine Ökokiste in Genossenschaftsform.

Innovative Wege beschreitet der Online Marktplatz Fairnopoly als „Genossenschaft 2.0“. Auf lange Sicht will Fairnopoly die durchweg faire Alternative zum Online-Riesen Amazon werden. Gründer Felix Weth meint, dass es vor allem im Online-Sektor zur Bildung von Monopolen komme, die kaum zu kontrollieren seien. Fairnopolys genossenschaftliche Satzung „Geno 2.0“ beschreibt er als den Versuch, die Struktur für ein konsequent faires Internet-Unternehmen zu schaffen. Aufsichtsrat Ernst Neumeister spricht einen wichtigen Aspekt für Gründer an: „Die Form der Genossenschaft bietet im Internet neue Formen der Finanzierung. Wenn man genügend viele Menschen erreicht, kann auf große Investoren und Banken verzichtet werden.“

Die Genossen in Fakten

Richtig „out“ waren Genossenschaften eigentlich nie. So sind 60% aller Handwerker, 75% aller Einzelhandelskaufleute und so gut wie jeder Landwirt Mitglied mindestens einer Genossenschaft. 2011 waren in Deutschland 56.554 Genossenschaften mit insgesamt 18,4 Millionen Mitgliedern registriert.

Das zentrale Merkmal einer Genossenschaft ist das sogenannte Identitätsprinzip. Dieses besagt: Mitglieder sind zugleich Eigentümer und Kunde. Unbeteiligten Großinvestoren ist der Zutritt damit verwehrt. Gleichzeitig kann eine Genossenschaft Kunden haben, die nicht Mitglied sind, und darüber wirtschaftlichen Gewinn erwirtschaften. Profitgier und Spekulation haben jedoch so gut wie keine Chance, da weiterhin gilt: Pro Mitglied eine Stimme. Entscheidungen müssen stets demokratisch getroffen und verantwortet werden.

Der Kapitalismus ist tot, lang lebe der Kapitalismus

Ist die Genossenschaft also der Katalysator einer neuen Wirtschaftsform? Weth und Neumeister winken ab. Kapitalismus und Genossenschaften ist für sie kein Widerspruch. „Es ist wunderbar eine Wirtschaft denkbar, in der vielfältige Genossenschaften miteinander im marktwirtschaftlichen Wettbewerb stehen“, meint Weth. „Dabei würde es allerdings nicht mehr um Profitmaximierung um jeden Preis gehen, sondern es bliebe die Aufgabe der Menschen, aus denen die Genossenschaften bestehen, die Wirtschaft im Alltag zu gestalten.“ Die Genossenschaft bedeutet also keinen Umsturz im System. Trotzdem könnte sie auf lange Sicht für ein gesünderes Wirtschaftsmodell sorgen.

Weitere Hintergrundinformationen finden Sie auf der Webseite des DGRV. Tipps und Infos zur Gründung von Genossenschaften gibt es auf neuegenossenschaften.de. Fairnopoly wird Ende des Frühjahrs 2013 den Betrieb aufnehmen. Wer finanziell oder durch aktives Mitwirken Mitglied der Fairnopoly-Genossenschaft werden will, kann sich auf der Unterseite „Dein Anteil“ informieren.


Was halten Sie von den neuen Genossenschaften, haben sie das Potential für eine bessere Wirtschaft? Oder haben Sie bereits Erfahrungen mit Genosenschaften gemacht? 


Stand: 27.03.2013 von

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    schrieb am 13.05.2013 um 15:42
    Die Energiewende ist in aller Munde. Doch wie sie umgesetzt werden soll, darüber streitet die Politik heftig. Ein nationales Konzept steht immer noch aus. Derweil steigen die Strompreise, unter anderem weil die Energiewende über die sogenannte EEG-Umlage Kosten verursacht. Viele fragen sich, ob es überhaupt sinnvoll ist, teure Stromautobahnen zu bauen, um den Strom aus den Windparks in der Nord- und Ostsee zum Verbraucher nach Bayern zu transportieren. Regionale Netze für erneuerbare Energien könnten da eine echte Alternative sein. Und damit kommen neben den vier großen Anbietern, zunehmend regionale Strom-Erzeuger ins Spiel. Das Stichwort dazu lautet: Energiegenossenschaften. Aktuelle Untersuchungen legen nahe, dass Genossenschaften, wie die Energiegenossenschaft Odenwald, langfristig die Nase vorn haben könnten.

    Heute auf WDR 5:
    im Wissenschaftsmagazin Leonardo: gleich um 16:05 oder heute Abend 22:05
    Energiewende mal anders
    Genossenschaften auf dem Vormarsch? mehr weniger
  • gelöscht am 08.04.2013 um 09:24 von Peter Kolbe
    Dieser Kommentar wurde gelöscht..
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    schrieb am 07.04.2013 um 11:25
    Ich wage zu bezweifeln, dass Genossenschaften, die im freien Wettbewerb langfristig überleben, anders als andere Unternehmen agieren (können). Mahnendes Beispiel ist da für mich die Milliardenpleite der österreichischen Konsumgenossenschaft:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konsum_%C3%96sterreich

    Besonders günstig hat man dort nicht eingekauft, und frischer als anderswo waren die Produkte meiner Erfahrung nach auch nicht.

    Wenn ein Unternehmen oder eine Genossenschaft auf Ertrag verzichten soll, dann müssen die Kunden oder die Eigentümer eine Art Spende machen. Doch bei einem Durchschnittseinkommen von 20 000 EUR/Jahr werden durchschnittlich nur 50 EUR/Jahr gespendet. Dementsprechend halte ich die Idee von einer "faireren" Wirtschaft, z. B. in der Form von Genossenschaften oder Solidarökonomie, nicht für massentauglich. mehr weniger
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    schrieb am 30.03.2013 um 12:06
    Genossenschaften sind eine sinnvolle Alternative zu immer mächtigeren Konzernen. Es darf aber damit keine Entwicklung zu einer Parallelgesellschaft kommen. Da muss man mit seinen Pfunden wuchern und die Vorzüge lautstark und wirkungsvoll kundtun. Gleichgesinnte muss man nicht überzeugen. Da braucht man auch Medienpräsenz. mehr weniger
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    schrieb am 28.03.2013 um 18:21
    Im UK gibt es schon lange die 'cooperative', die inzwischen eine erstaunliche Größe erreicht hat (Reiseanbieter, Bank, Supermärkte, etc.). Zwar verfolgt man keine reinen Bio- und Nachhaltigkeitsziele, aber das Prinzip 'Mitglieder = Entscheider' macht in dieser Größenordnung trotzdem Hoffnung, dass Veränderungen im Wirtschaftssystem möglich sind. mehr weniger
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