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Zeit für neuen Wein

Der Winzer bin jetzt ich!

Frauen nur als Dekor in der Weinwirtschaft, das war gestern. Winzerinnen von heute wollen und können mehr. Sabine Mosbacher-Düringer hat gleich zweifach die Führung übernommen: auf dem väterlichen Weingut und als Frontfrau des Weinfrauen-Netzwerks „Vinissima“.


Eine Kunde ruft an auf dem Weingut Mosbacher im Pfälzer Weinort Forst. Seine erste Frage an die junge Frau am Telefon: Könnt ich mal den Winzer sprechen? Sabine Mosbacher-Düringer lacht, als sie die kleine Szene schildert. „Zum Glück ist das Vergangenheit“, sagt sie. „Dass immer mehr Winzerinnen ganz selbstverständlich das Heft in der Hand haben, ob auf dem eigenen Weingut oder als Kellermeisterin eines anderen Betriebs, hat sich inzwischen herumgesprochen!“

Die heute 45jährige Chefin des Weinguts Mosbacher hat diesen Wandel selbst mit verursacht. Doch sie begnügt sich nicht mit ihrem persönlichen Erfolg dabei. Als Vorsitzende des „Vinissima – Frauen & Wein e.V. kennt Mosbacher-Düringer die berufliche Situation von Frauen in einer immer noch von Männern dominierten Branche. „Früher haben Frauen oft ohne eigene Ausbildung in Weinbaubetriebe eingeheiratet“ erklärt sie. „Ihnen kann Vinissima die Chance bieten, sich eigenständig weiterzubilden, an Studienreisen teilzunehmen und nützliche Kontakte zu knüpfen. Das stärkt auch ihre Position im heimischen Betrieb“. Die Zusammenarbeit engagierter Frauen der Weinbranche findet Sabine Mosbacher-Düringer aber nicht nur deshalb wichtig. weil es sie selbst weiterbringt. Ein Netzwerk wie Vinissima hat auch als Sprachrohr der Wein-Fachfrauen in der Öffentlichkeit und als deren weinbaupolitische Interessenvertretung seine Berechtigung.

Mehr als 340 Frauen aus Weinbau, Handel, Gastronomie und Medien sind aktuell über Vinissima zusammengeschlossen. Sie pflegen gute Beziehungen untereinander und zu den Wein-Frauen anderer Länder. Seit 1998 wird zudem das jährliche Vinissima-Forum veranstaltet. Da ist Zeit für Seminare und Fachdiskussionen, aber auch für den direkten Kontakt zum Publikum, dem die Vinissima-Winzerinnen ihre Weine präsentieren. „Das ist auch deshalb wichtig für uns“, weiß Mosbacher-Düringer, „weil sich bestimmte Trends im Markt oft zuerst im direkten Gespräch mit den Konsumenten abzeichnen“. Beispielsweise die unter Frauen schneller wachsende Sensibilität für naturverträglich und klimaneutral produzierte Weine. Oder auch den zunehmenden weiblichen Einfluss auf das, was zu Hause ins Weinglas kommt. Marktforscher meldeten dazu kürzlich, für mehr als zwei Drittel der deutschen Frauen gehöre Wein heute zu einem gesunden und gehobenen Lebensstil. Sie bestimmten auch am häufigsten die Kaufentscheidungen eines Haushalts beim Wein und nähmen dafür gern fachkundige Beratung in Anspruch.

Wende hin zum Bioweinbau

Fakten, die natürlich auch die Vinissima-Vorsitzende kennt. „Frauen fragen zuerst danach, was zu bestimmten Anlässen oder zu einem geplanten Essen passt“, erzählt Sabine Mosbacher-Düringer aus ihrem Berufsalltag als Winzerin und setzt mit einem Augenzwinkern hinzu, „Männer achten viel mehr aufs Etikett!“ Mosbacher weiß, wovon sie spricht. Immerhin hat sie sich nach ihrem Weinbaustudium nicht einfach zu Hause ins gemachte Nest gesetzt. Stattdessen arbeitete sie zunächst einige Zeit im Weinhandel und erwarb nebenbei auch noch das renommierte „Diploma in Wine and Spirits“, eine der schwierigsten, aber zugleich auch gefragtesten Qualifikationen in der Weinbranche.

„Ich wollte einfach noch mehr Sicherheit im Umgang mit versierten Kunden haben, vor allem den männlichen“, begründet sie den zusätzlichen Prüfungsstress, und lässt leise seufzend das Bekenntnis folgen, dass sich wohl überdies Winzertöchter immer noch ein wenig mehr ins Zeug legen müssten, damit der Vater den Sohn nicht vermisse. Zu Hause auf dem Familienweingut arbeitet Mosbacher Seite an Seite mit ihrem Mann Jürgen Düringer. Beide haben sich im Studium in kennen gelernt und treffen alle wichtigen Entscheidungen über die Reben und den Wein gemeinsam. Zum Beispiel, ob sie die Umstellung auf Bioweinbau wagen wollen. Keine leichte Entscheidung, denn es verlangt Mut und Erfahrung, trotzdem die gewohnte Spitzenqualität der Weine zu halten. Und der gute Ruf der Mosbacher-Rieslingweine aus so berühmten Lagen wie beispielsweise Forster Ungeheuer ist kostbar. Dafür hat der Vater ein Leben lang geschuftet und das Weingut hat soviele Prämierungen einheimsen können wie kein anderes in der Pfalz.

Doch die Wendesignale hin zum Bioweinbau kommen jetzt auch verstärkt aus dem Verband der deutschen Prädikatsweingüter(VDP), dessen Mitglied der Betrieb schon lange ist. Kein Wunder, denn dessen neuer Präsident Steffen Christmann ist selbst Biowinzer. Sabine Mosbacher-Düringer steht dem offen gegenüber. Doch auch darin ist sie die perfekte Tochter eines Qualitätsfanatikers: Zuerst mal verschafft sie sich zusammen mit ihrem Mann in Kursen das fachliche Knowhow zum Thema. In den Reihen von Vinissima, wo ohnehin schon großes Interesse dafür da ist, will die Pfälzerin die Diskussion um den Natur- und Klimaschutz auf alle Fälle ebenfalls weiterbringen. Auch damit beweist die Vinissima-Frontfrau Gespür für Zukunftsfragen und zugleich nachhaltigen Geschäftssinn. Wenn Winzerinnen in Punkto Qualität und Biowein gleichermaßen die Nase vorn haben, wird sich das allein durch die vielen umwelt- und gesundheitsbewußten Weinkundinnen auch wirtschaftlich bezahlt machen.

Stand: 25.09.2009 von

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