Fashion Week Berlin

Grün ist das neue Schwarz


Von Romy Uebel

Die geschätzten 120.000 Besucher der Berlin Fashion Week spülten Millionenbeträge in die Metropole. Ob Streetwear, Jeans, Wäsche, Couture oder Fetisch-Klamotte – keine Kleiderschublade, die innerhalb der fünf Tage nicht von der passenden Veranstaltung geöffnet wurde. Klar, dass sich auch die nachhaltige Mode in diesen allzeit schicken Tagen nicht lumpen lassen wollte. In den vergangenen Saisonen präsentierten sich einige Protagonisten der „grünen Szene“ in der Green Area der Messe Premium, die auch diesmal betont routiniert, allerdings nicht sonderlich ambitioniert grüne Mode zeigte. Viel spannender und zukunftsweisend debütierten zwei neue Veranstaltungen, die um die Gunst von Marken wie So Pure, Slowmo oder Komodo buhlten.

Bildergalerie

Fashion Week Berlin: Grün ist das neue Schwarz

 

Der Green Showroom öffnete vier Tage lang die Pforten der exklusiven Suiten des Edel-Hotels Adlon und richtete sich explizit an Labels des gehobenen Segments. Initiiert wurde die Veranstaltung von Magdalena Schaffrin, die mit ihrem gleichnamigen Label bereits viel Aufmerksamkeit erregte und Jana Keller, Gründerin von Royal Blush, einer exklusiven Marke für Taschen und Schmuck. „Wir haben uns auf anderen Plattformen immer irgendwie deplatziert gefühlt und waren nie zufrieden mit dem Umfeld oder der Organisation“, erzählt Keller. „Im Internet fanden wir etwa 90 Labels, die zu unserer Idee passten, eine Auswahl ist nun hier.“ Ob die Jacken und Hosen aus recycelten Materialien von Reet aus Estland, Kleider aus Bambusfaser von Roshanak Salim aus L.A. oder Abendroben der Hamburgerin Julia Starp –  man zeigte stolz, dass das Genre mittlerweile mehr als nur Kindersachen und Yoga-Klamotten zu bieten hat. Kosmetik-Hersteller wie Snowberry, Dr. Hauschka oder LesEttes, aber auch die Schokoladenmanufaktur Goldhelm rundeten das Konzept perfekt ab.

Dass einige der Gäste am Freitagnachmittag eine Modenschau erwarteten und von der tatsächlich stattfindenden, experimentellen Tanzperformance etwas vor den Kopf gestoßen wurden, nahmen die Macher gelassen. „Ein bisschen Irritation schadet nicht. Es geht uns darum zu entschleunigen und die Leute zum Nachdenken zu  bringen. Kritik ist durchaus erwünscht“, sagt Schaffrin. Kritik gab es allerdings kaum, zusätzlich zu den bezaubernden Kleidern taten wohl klimatisierte Räume und Shuttleservice ihr übriges zur Zufriedenheit der dauergestressten Pressevertreter und Einkäufer.

„Das Ambiente ist fantastisch: familiär und exklusiv, das erwarten unsere Kunden“ berichtete Mica Lamb von der Londoner Vertriebs-Agentur Agent for Change. „Viele Besucher sind extrem gut informiert und so müssen wir hier auch nicht ständig über Preise diskutieren. Wer hier her kommt, ist ehrlich interessiert!“ Ein gelungener Auftakt und Motivation für die Zukunft. Der nächste Termin steht bereits: im Oktober zieht der Green Showroom nach Paris, weitere Städte sind in Planung.

Ebenfalls hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, dürfen Gereon Pilz van der Grinten, Franciscus Cornelis-Prins und Rostislav Komitov, Initiatoren des Events The Key To, der ebenfalls von Mittwoch bis Samstag stattfand. In den Räumlichkeiten des alten Kaiserlichen Postamts Neukölln ging es deutlich unkonventioneller zu als im Adlon, allein, man musste den Weg zum dezentralen Spot in Kauf nehmen. Dieser lohnte sich allemal, wie auch Schirmherrin Renate Künast bei ihrem Besuch bemerkte. Gut 40 Labels zeigten ihre Kreationen für 2010, zusätzlich gab es Workshops, Diskussionsrunden, Partys und Modenschauen. Neben dem sympathischen Berliner DIY-Gedanken – so konnte man etwa Altkleider tauschen oder von Designern aufhübschen lassen – überzeugte vor allem die liebevolle und thematische passende Umsetzung. Alle Möbel und Standbauten wurden aus ökologisch einwandfreien Materialien gefertigt, zudem gab es Toyota Hybrid Shuttle-Service und Bio-Food-Gastronomie. „Das Potenzial ist da“, findet Melchior Moss, der mit seinem Label Slowmo von der Premium zu The Key To wechselte. „Beim nächsten Mal sollte die Location vielleicht etwas zentraler gewählt und der Termin früher kommuniziert werden. Ansonsten sind wir zufrieden. Viele unserer Kunden haben uns besucht!“

Einige Kinderkrankheiten wollen die Macher bis zum kommenden Januar glatt bügeln, die positive Resonanz dürfte sie beflügeln.

Fazit der wilden Modetage von Berlin: die Szene für ökorrekte Mode hat sich emanzipiert und ist längst nicht mehr Schmuddelkind, das es in der Ecke zu verstecken gilt, sondern interessanter Partner. Übrigens: am vierten Tag der Events waren sowohl beim Green Showroom als auch bei The Key To alle Interessierten, als auch branchenfremdes Publikum, eingeladen. Fürs nächste Mal unbedingt vormerken!

von


Kommentare (2)   abonnieren

alle Kommentare (2)
  • Bedenklichen Inhalt melden
    Anti_Glamour_League
    schrieb am 23.07.2009 um 11:24
    LET'S NOT BE GREEN THE NEW CHIC! Klar ist, die Modebranche ist eine Geldmaschine. Niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen, Pestizide, Gifte in der Kleidung und hohe Margen gehören hier auch zum Geschäft. Dann kam die Biobewegung. Auf die haben wir lange gewartet. Jetzt ist auf einmal die...
  • Bedenklichen Inhalt melden
    berniewa
    schrieb am 06.07.2009 um 17:52
    Dass die Modebranche zunehmend 'ökokorrekt' wird, ist erfreulich und dringend zu wünschen. Zum Beispiel Gifte auf Baumwollplantagen oder aus der Lederindustrie, Farbindustrie u.s.w. sind bekanntlich kein Kinderspiel. Obwohl das zugleich auch schon immer auch "human-korrekt" ist, weil von besagten...
alle Kommentare (2)

Kommentar schreiben

Lob, Kritik, Ergänzungen? Teilen Sie Ihre Meinung mit der Utopia-Community. Seien Sie dabei bitte konstruktiv und hilfreich.
(5000/5000)