Im Interview

"Es fehlt der ganz große Wurf": Der Physiker Dr. Gregor Czisch im Interview


Herr Czisch, das hört sich wie im Märchen an: Europa wird zu 100 Prozent mit alternativen Energien versorgt. Alles ist bezahlbar. Warum wird es nicht gemacht?
Die Stromversorger haben nicht wirklich ein Interesse daran, dieses Modell zu verwirklichen, denn sie befürchten, sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Windstrom aus Marokko zum Beispiel könnte Strom aus eigenen Kraftwerken verdrängen – und das ist wohl nicht ihr Ziel. Denn gerade die abgeschriebenen Altanlagen bringen große Gewinne.

Das kann man ja noch nachvollziehen, aber warum werden neue Kohlekraftwerke geplant?
Da bin ich auch überfragt. Bundesregierung und Bundesministerien initiierten bereits mehrere Anhörungen zur zukünftigen Energieversorgung, bei denen auch die Alternative – großräumige internationale Stromversorgung mit regenerativen Energien oder neue Kohlekraftwerke – angesprochen wurde. Bisher ohne sichtbare Konsequenzen. Warum das so ist, hat wahrscheinlich viele Gründe. Da mögen wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen oder die Angst, einen Gesichtsverlust zu erleiden, wenn Aussagen zu Gunsten der Kohle zurückgenommen werden. Und viele nehmen alternative Energien immer noch nicht ernst. Um ihr Potenzial zu nutzen, ist aber ein europaweites Gleichstromübertragungsnetz notwendig, das dem bestehenden Wechselstromnetz überlagert ist.

Die zuständige Abteilung im Bundesumweltministerium rechnet damit, dass es drei Beamtenleben dauert, bis das verwirklicht werden kann ...

... ich fürchte, das kommt daher, dass manche diese Lösung nicht vorantreiben wollen, auch wenn das den eigenen BMU-Szenarien fundamental widerspricht. Wenn wir unsere Klimaziele erreichen wollen, brauchen wir sehr schnell den Import von Wind- und Sonnenstrom aus Nordafrika.

Die Bundesregierung will, dass bis 2015 in Deutschland 850 Kilometer neue Leitungen gebaut werden. Ist das nicht ein Schritt in die richtige Richtung?
Das sind kleine Korrekturen am bestehenden Transportnetz, um die in nächster Zeit erwartete zusätzliche Einspeisung von Windstrom aufnehmen zu können. Was fehlt, ist der ganz große Wurf. Der wäre ein Systemwechsel. Mit ihm wären die meisten Netzprobleme gelöst.

Dr. Gregor Czisch
Foto: natur+kosmos

Dr. Gregor Czisch ist Physiker
am Institut für Elektrische
Energietechnik der Uni Kassel.







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Zuerst erschienen bei unserem Medienpartner:

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    Mario_Sedlak
    schrieb am 28.01.2011 um 08:36
    Ein ausführlicheres Interview mit Gregor Czisch habe ich in meinem Blog verlinkt und zusammengefasst: http://www.utopia.de/blog/sedl/100-oekostrom-sind-moeglich Sein Ansatz konzentriert sich auf die kostengünstigsten Technologien zur Erreichung von 100% Ökostrom und ist damit meiner Meinung...
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    Doris Spohr
    schrieb am 26.09.2008 um 01:59
    Ich hoffe, dass das Konzept von Czisch flächendeckende Verbreitung findet, die Diskussion um Machbarkeit der EE voranbringt, rasch Entscheidungen getroffen werden und sich Investoren finden. Derweil wird andernorts gehandelt - in diesem Fall jedoch mit Photovoltaik, die bei Czisch nicht gut...
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